"Gefahren wie zwei Motorräder"

Roger Kluge und Theo Reinhardt haben bei der Bahnradsport-WM in Pruszkow ihren Titel im Madison verteidigt. Das Duo lieferte trotz einiger Widrigkeiten eine beeindruckende Vorstellung ab.

Pruszkow.

Auf den nächsten geplanten Flug zurück nach Hause verzichtete Roger Kluge gern, nahm stattdessen die deutlich längere Rückreise von Pruszkow zurück nach Berlin mit dem Auto in Kauf. Immerhin konnte der 33-Jährige so schon etwas Zeit mit Freundin Judith und Tochter Jenna (3) verbringen. Beide waren am Sonntagmorgen spontan in den Warschauer Vorort gereist, um ihn und Theo Reinhardt beim Projekt Titelverteidigung im Madison zu unterstützen. Mit Erfolg: Wie 2018 holte sich das Duo mit einer Demonstration der Stärke das Regenbogentrikot im Zweier-Mannschaftsfahren.

"Ich bin überwältigt, das ist unfassbar", jubelte Judith Gabriel aufgewühlt nach dem 200-Runden-Rennen. Als die Lebensgefährtin von Kluge mit Jenna in Berlin startete, saß Kluge noch im Flieger und war auf der Rückreise von einer Rundfahrt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Fast pünktlich landete Flug EK 179 von Emirates Airlines auf dem Flughafen Warschau-Chopin, knapp drei Stunden später saß der Profi auf dem Rennrad und raste zu WM-Gold.

"Wer hätte das gedacht? Zuvor 1000 Kilometer Rundfahrt und sechs Stunden Flug waren sicher keine ideale Vorbereitung. Der Kopf spielt aber eine größere Rolle. Andere versuchen es erst gar nicht. Aber ich wollte unbedingt mit Theo am Start stehen", berichtete Kluge, nachdem er minutenlang mit Jenna sowie Reinhardts Sohn Pepe (3) für die Fotografen posiert hatte. "Ich bin Roger echt dankbar, dass er das auf sich genommen hat - eine Riesenaktion von ihm", freute sich Theo Reinhardt und fügte hinzu: "Das war ein echt abgefahrener Tag. Ich habe ihn allein begonnen, dann kam doch Roger irgendwann dazu. Cool! Einfach geil!" Nach knapp 30 Runden übernahmen die Deutschen, die in dieser Saison bei EM (2. Platz), Berliner Weltcup (3.) und Sechstagerennen (1.) jeweils auf dem Podest standen, die Initiative und zerlegten förmlich die Konkurrenz. "Das war geisteskrank, wie sie hier rumgebrummt sind", meinte ein völlig aufgelöster Bundestrainer Sven Meyer nach dem schnellsten WM-Rennen aller Zeiten (Stundenmittel: 59,243 km/h). "Die sind gefahren wie zwei Motorräder", twitterte der belgische Sixday-Star Jasper De Buyst anerkennend. Mit 105 Punkten siegten Kluge/Reinhardt am Ende souveräner, als es das Ergebnis ausdrückt. Lasse Norman Hansen/Casper von Folsach (Dänemark/84) und Kenny De Ketele/Robbe Ghys (Belgien/82) kamen auf die Plätze.

Fünf Runden vor Schluss riss Reinhardt erstmals das Vorderrad jubelnd hoch, klatschte sich lachend bei der Ablösung mit seinem Partner ab. "Am Ende mussten wir noch ein bisschen ackern, konnten die letzten Runden aber echt genießen", erzählte Kluge, der am Vortag noch auf der Schlussetappe der VAE-Tour für sein belgischen Team Lotto-Soudal im Wüstenwind gekämpft hatte. "Das Finale war schon etwas härter, letztendlich kann man es aber nicht vergleichen. Hier muss ich immer nur 40 Sekunden schnell fahren", sagte Kluge gewohnt cool. Nach der Ehrenrunde mit deutscher Fahne führte ihn und Reinhardt der Weg direkt zu den Familien an die Bande.

Nach einer ruhigen Woche in der Wahlheimat Berlin startet der Routinier mit Lotto-Soudal ab Sonntag bei der Fernfahrt Paris - Nizza. Im nächsten Winter ist aber die erneute Rückkehr auf die Bahn vorgesehen, schließlich warten 2020 die Heim-WM in Berlin und die Olympischen Spiele in Tokio, wo es nach Silber 2008 im Punktefahren nochmals eine Medaille geben soll. "Im Velodrom als Titelverteidiger zu starten, wird ein einmaliges Erlebnis", weiß Kluge, der dann noch eine etwas kurzfristigere Anreise wählen kann. "Da bin ich vielleicht eine Stunde vor dem Rennen da", scherzte er. Und auch Freundin Judith darf ihn wieder mit Jenna unterstützen: "Wenn ich in der Halle war, hat er noch nie eine Medaille gewonnen. Dieser Fluch ist auch besiegt", schmunzelte sie nach dem zweiten WM-Titel ihres Liebsten.


"Entscheidung war richtig" 

Maximilian Levy vom Chemnitzer Erdgasteam, aktuell der beste deutsche Sprinter, verfolgte die WM zu Hause. Thomas Juschus sprach mit ihm. 

Freie Presse: Sie haben auf die WM verzichtet, weil Sie und Ihre Frau Madeleine Nachwuchs erwarten. Dürfen wir inzwischen gratulieren?

Nein, wir müssen uns noch gedulden. Eigentlich war unser Sohn für den 27. Februar angekündigt, aber er lässt sich noch Zeit. Die geplante Babyparty habe ich erst mal abgesagt.

Haben Sie beim Verfolgen der WM zu Hause sich vielleicht sogar bei dem Gedanken ertappt: ,Da hätte ich auch mithalten können.'?

Über einen Start habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich bin zu Hause bei meiner Familie, weil ich hier sein wollte. Das war und ist die richtige Entscheidung. Ich habe nicht das Gefühl, was verkehrt gemacht zu haben.

Wie bewerten Sie das Abschneiden der deutschen Sprinter?

Der vierte Platz im Teamsprint ist ein gutes Ergebnis, das bei der Olympiaqualifikation hilft. Da hatten wir endlich mal wieder das Quäntchen Glück - dann leider nicht mehr im Lauf um Bronze. Gefreut habe ich mich über Maximilian Dörnbach, der endlich mal eine Chance bekam und diese großartig nutzte. Bronze von Stefan Bötticher im Keirin war nach den Trainingszeiten nicht zu erwarten. Im Sprint sah man, dass sich die Spitze enorm weiterentwickelt hat. Da sind wir gerade ein bisschen hintendran und müssen ranhauen.

Für Ihr Erdgasteam war es die erste medaillenlose WM seit langer Zeit. Wie bewerten Sie das?

Nach dem Unfall von Kristina Vogel fallen schon mal zwei Titel weg, die sonst vieles überdeckt haben. Das Team hat aber geliefert. Die junge Lea Sophie Friedrich gab einen Supereinstand. Maximilian Dörnbach hat mir gefallen, Marc Jurczyk sich teuer verkauft. Nur Pauline Grabosch konnte ihr Potenzial nicht abrufen.

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