Gefallene Helden

Sportheld, Liebling der Deutschen: So steil wie einst sein Aufstieg war, so tief ist der Fall des Jan Ullrich: Doch auch andere Sportstars wurden nach dem Karriereende nicht gerade vom Schicksal verwöhnt. Denn wer es gewohnt war, perfekt sein zu müssen, kann mit dem unperfekten Leben oft nicht umgehen.

Zwei Radsportstars unterwegs bei der Tour de France: Lance Armstrong (links) und Jan Ullrich (vorn). Beide wurden sie später darauf reduziert, Dopingsünder zu sein - die sportlichen Höchstleistungen schienen plötzlich nicht mehr zu zählen. In diesen Tagen bot der Amerikaner dem Deutschen, der sich wieder in einer Lebenskrise befindet, seine Hilfe an.

Für Sie berichtet: Stephan Lorenz

Es gibt Radsportfans, die noch heute Gänsehaut kriegen, wenn sie die alten Bilder von Jan Ullrich sehen, wie er am 15. Juli 1997 bei der Tour de France im Anstieg nach Andorra-Arcalis in den Pyrenäen antrat und alle Konkurrenten samt seinem eigentlichen Team-Telekom-Kapitän Bjarne Riis stehen ließ. Unglaublich. An diesem Tag fuhr "Ulle", wie er von seinen Fans genannt wurde, ins Gelbe Trikot und trug es bis nach Paris. Als erster Deutscher gewann er damals die Tour de France. Ganz Deutschland lag dem als Jahrhunderttalent gefeierten Profi zu Füßen.

Dass damals wohl nahezu jeder Fahrer gedopt war und auch Ullrichs Triumph nicht allein durch Trainingsfleiß und Talent zustande kam, wusste man da noch nicht. Nur so viel: Ein junger, eher schüchterner Mann mit Sommersprossen und goldenem Ring im linken Ohr kurbelt unfassbar schnell und doch scheinbar mühelos jeden noch so steilen Berg hinauf. Es ist die Geburt eines Sporthelden. Ullrich löste in Deutschland einen wahren Radsport-Hype aus.

Fast genau 21 Jahre später ist Jan Ullrich ganz unten. August 2018 auf Mallorca: Als er das Gerichtsgebäude der Inselhauptstadt Palma de Mallorca verlässt, stehen Kamerateams, Fotografen und Reporter schon bereit. "Herr Ullrich, wie geht es Ihnen denn?" Keine Antwort. Weißes T-Shirt, Kappe, verquollene Augen, unsicherer Blick. "Jetzt lasst mich mal alle in Ruhe. Ich will jetzt nach Hause. Ich war im Gefängnis", sagt er, als er vom Haftrichter kommt. Wie es dazu kam, steht da schon längst in allen Medien.

Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung sei Jan Ullrich in den Garten seines Nachbarn, des Schauspielers Til Schweiger, eingedrungen, habe dort randaliert und sich mit Partygästen angelegt, bis ihn die herbeigerufene Polizei festnahm. Nach einer Nacht im Gefängnis durfte er wieder nach Hause, das in Establiments, einem Vorort von Palma, liegt. Die Bilder eines ramponierten Sportdenkmals gingen um die Welt. Für Jan Ullrich ist es ein neuer Tiefpunkt auf einer langen Talfahrt.

Nach den großen Doping-Enthüllungen 2006/2007 verkroch er sich, mied die Öffentlichkeit und schrieb erneut andere Schlagzeilen: 2014 verursachte Ullrich unter Alkoholeinfluss einen Verkehrsunfall in seiner Wahlheimat Schweiz. Schon 2002, als noch aktiver Sportler, kam er mit einem Unfall unter Alkoholeinfluss in die Schlagzeilen.

Zwölf Jahre später ging die Sache aber weniger glimpflich aus: Es gab zwei Verletzte, und Ullrich erhielt 21 Monate Haft auf Bewährung. Bei Radrennen wie "Rund um Köln" wurde er auf öffentlichen Druck hin zur Persona non grata. Nach dem Umzug nach Mallorca vor zwei Jahren folgte das Scheitern seiner Ehe, seine Frau Sara zog mit den drei Kindern zurück nach Deutschland. Bekannte und Boulevardreporter berichteten schon länger von Eskapaden, Alkohol, Drogen und Freunden, die sich abwenden.

Als gefallener Sportheld steht Jan Ullrich nicht allein: Boris Becker, gefeierter dreifacher Wimbledon-Sieger von einst, tingelt seit Jahren durch irgendwelche Trash-TV-Sendungen. Immer wieder ist von seinen finanziellen Problemen die Rede. Zuletzt stürzten sich die Boulevardmedien auf die schmutzige Trennung von seiner Frau Lilly.

Andere Beispiele, andere berühmte Namen: Fußballgott Diego Maradona erregt bei seinen öffentlichen Auftritten nur noch Mitleid, der südafrikanische Sportheld Oscar Pistorius musste sich wegen der Schüsse auf seine Frau verantworten. Berühmt wurde auch der Fall des US-Footballstars O. J. Simpson, der seine Ex-Frau und ihren Liebhaber vor ihrer Wohnung in Los Angeles erstochen haben soll. Seine anschließende Flucht per Auto wurde live in alle Welt übertragen. Auch Boxer wie Ex-Europameister Gustav "Bubi" Scholz, der argentinische Weltmeister Carlos Monzon oder Schwergewichtler Mike Tyson fielen durch Gewalttätigkeiten auf, als ihr Ruhm zu verblassen drohte.

Andere wie Fußballer Gerd Müller, einst gefeierter "Bomber der Nation", waren viele Jahre alkoholabhängig. Müller erkrankte an Alzheimer. Seine wohl letzte Station ist ein Pflegeheim. Ein zutiefst trauriger Fall. Auch der englische Fußballstar der 1990er-Jahre, Paul "Gazza" Gascoigne, machte mit seinen Sauf-Eskapaden Schlagzeilen. Ältere werden sich noch an die nordirische Fußballikone George Best erinnern, der nicht nur mit seinen Fußballkünsten legendär wurde, sondern auch mit diesem Zitat: "Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst." Kein Fall ist miteinander vergleichbar, für alle gibt es unterschiedliche Gründe und Anlässe. Andere verkraften Krisen während und nach der Karriere besser - wie offenbar Ullrichs früherer Konkurrent auf dem Rad, Lance Armstrong. Selbst tief gefallen und als Dopingsünder entlarvt, verlor er alle sieben Tour-Siege und wurde lebenslang gesperrt.

Lance Armstrong, der schon andere Lebenskrisen, wie etwa seinen Hodenkrebs, verkraften musste, steckte das Ganze offenbar anders weg. Jetzt bot er Ullrich an, ihm zu helfen. Armstrong sei sehr an Ullrichs Schicksal interessiert, sagte dessen Anwalt Wolfgang Hoppe der "Bild"-Zeitung. Armstrong habe gesagt, dass die Rad-Community zusammenhalten müsse. "Aber das Wichtigste sei erst mal, dass Jan sich helfen lassen will. Und dann ist Armstrong sofort bereit, sich mit einem Arzt in ein Flugzeug zu setzen und nach Europa zu kommen", zitierte Hoppe aus einem Telefonat mit dem Amerikaner. Wie die "Bild" süffisant schrieb, würde Armstrong mit seinem Privatjet rüberfliegen. Ullrich hatte am Montag angekündigt, aus Liebe zu seinen Kindern eine Therapie machen zu wollen. Um welche Art von Therapie es sich handelt, sagte er nicht. Er bestritt laut "Bild", süchtig zu sein.

Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie und Sportpädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, erkennt in dem aktuellen Fall Ullrich bestimmte sportpsychologische Muster. Stoll kennt den Leistungssport aus verschiedenen Perspektiven, etwa als hochrangiger Sportfunktionär oder als Psychologe beim Deutschen Schwimmverband. Zudem ist Stoll noch aktiver Ultralangstreckenläufer. "Der Fall Ullrich ist ja nur einer von vielen Leistungssportlern, die nach ihrer aktiven Karriere abgestürzt sind. Vielleicht liegt es daran, dass sie während ihrer Karriere keine psychologische und pädagogische Betreuung hatten, die sie auf das Karriereende vorbereitet haben", glaubt Stoll. Er verwies auf die mittlerweile aufgebauten Strukturen beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). "In den Olympiastützpunkten gibt es Laufbahnberater, die den Athleten vielseitig helfen. Sie beraten im Bereich der dualen Ausbildung, die die Athleten auch nach ihrer Karriere absichern soll."

Die Dopingvorwürfe haben Ullrich sicherlich geschadet, ist sich Stoll sicher. "Doping ist ein Problem, das das normativ-wertegesteuerte Bild eines Stars in der Öffentlichkeit negativ beeinflusst. Man hat erst einmal einen Schatten auf seinem Namen - ob die Vorwürfe zutreffen oder nicht." Aber auch damit müsse man lernen, umzugehen, das heißt, daran nicht kaputtzugehen.

Ein Beispiel dafür sei der frühere Leichtathletik-Superstar Katrin Krabbe, die nach dem Dopingskandal ihr Leben bislang ohne öffentliche Affären weiterführt. Der Sportpsychologe Stoll: "Beide, Krabbe wie Ullrich, waren Kinder des DDR-Leistungssystems. Da ging es nur um Leistungsoptimierung, während heute die sportliche Betreuung auch auf die Persönlichkeitsentwicklung ausgerichtet ist."

Jan Ullrich, so glaubt Stoll, sei die Bodenhaftung abhanden gekommen. "Solange die Sportler aktiv sind, befinden sie sich in einem völlig eigenen, nach außen abgeschirmten System. Wenn man sich aber in einem unkritischen Umfeld befindet, wird die Selbstwahrnehmung überhöht. Wenn das Schutz bietende System wegfällt, werden die kritischen Stimmen immer lauter. Der Athlet erlebt das wie ein nicht zu lösendes Problem." Das könne dazu führen, dass einer emotional labil wird, da er diese Diskrepanz nicht auflösen kann. Signifikant am Fall Ullrich ist für Stoll, dass der einstige Tour-de-France-Gewinner in der Öffentlichkeit auf sein Doping reduziert wird. Dass dem so ist, hat er selbst zu verantworten.

Was hinzukommt, ist der Perfektionismus, den Topathleten an den Tag legen müssen, um ganz nach oben zu kommen. "Diese Ausprägung finden wir sehr häufig bei Spitzensportlern. Der Perfektionismus aber hat zwei Seiten. Die positive: Der Sportler kann sich damit sehr anspruchsvolle Ziele setzen. Das muss man können, wenn man nach oben will. Auf der anderen, der negativen Seite reagieren die Athleten sehr stark und schnell mit Emotionen, wenn sie ihre hochgesteckten Ziele nicht erreichen oder sich Hindernisse auftun. Wenn dann keine Helfer da sind, reagieren sie mit negativen Emotionen wie Angst, Depressionen oder Aggression."

Auch der Gießener Sportwissenschaftler Michael Mutz betonte die besondere Lebensführung von erfolgreichen Spitzensportlern: "Sie ist eindimensional auf den Sport ausgerichtet. Alles wird den Anforderungen des Leistungssports untergeordnet: die Tagesabläufe, die Ernährung, die Zeit, die für Familie und Freunde bleibt. In der Soziologie gibt es dafür den Begriff der Hyperinklusion. Im Fall des Erfolgs stehen Sportlerinnen und Sportler im Rampenlicht, im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Nach dem Karriereende bricht diese Aufmerksamkeit und all das am Sport, was vorher sinn- und bedeutungsstiftend war, von einem auf den anderen Tag weg. Zurück bleibt dabei häufig ein Gefühl der Leere. Für ehemalige Spitzensportler ist das eine schwierige Phase und es gibt nicht wenige Beispiele, wo dies in eine Alkoholsucht eingemündet ist."

Was würden der Sportpsychologe Stoll Ullrich raten? "Auf alle Fälle sollte er professionelle Hilfe von einem Psychologen und Psychotherapeuten suchen." Könnte Kumpel Armstrong ihm helfen? Stoll: "Das könnte ich mir vorstellen, denn soziale Unterstützung ist, wie viele Studien belegen, immer stresspuffernd. Wenn Armstrong bei ihm auftaucht, kann das schon emotional bedeutsam für Ullrich sein."

Wie aber geht es den Spitzensportlern, die schon viel früher aus den Kadersystemen herausfallen? Laut Stoll sind das die meisten. "Auch im Fußball gibt es die Nachwuchsleistungen, in denen man die Persönlichkeitsentwicklung der Jungen und Mädchen beeinflusst und mit ihnen zusammen einen Plan B entwickelt, wenn es mit der großen Karriere nicht klappt. Das machen ja auch die Laufbahnberater in den Olympiastützpunkten. Diese Hilfe wird immer wichtiger."

Der Leistungssport hat schon viele kaputtgemacht. Auch einer der erfolgreichsten Skispringer aller Zeiten, Sven Hannawald, erkrankte durch Leistungsdruck an Essstörungen und Burnout. Mittlerweile ist er als Aufklärer in eigener Sache und als Unternehmensberater unterwegs und auch erfolgreich.

Einen besonderen Weg sind die Eisbären Berlin, vielfacher deutscher Eishockey-Meister, vor einigen Tagen gegangen. Der Verein teilte mit, dass ihr Nationalverteidiger Constantin Braun sich "aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit" in medizinische Behandlung begeben hat. Auf Wunsch des Eishockey-Profis gingen die Eisbären damit an die Öffentlichkeit. Diese Offenheit gibt dem Sportler eine neue Chance.

Mit Jan Ullrich dagegen hat die Öffentlichkeit längst die Geduld verloren. Unter anderem deshalb, weil er es stets verpasst hat, zu seinen Schwächen zu stehen. Im Alter von 44 Jahren sucht Jan Ullrich nach einem Wiederanfang. Wieder einmal.

6Kommentare
👍1👎4 1005 10.08.2018 Hallo Herr Lorenz ,dieser Beitrag über Jan Ullrich ist einfach nur langweilig.Jan Ullrich ist und bleibt für mich ein Held und Sie ein Langweiler.
👍1👎0 Freigeist14 09.08.2018 acals@ ,Sie wissen doch,wie ich das gemeint habe. Auch in der Sportschule Karl-Marx.Stadt war Leistungssport immer gekoppelt an eine solide schulische Ausbildung .Man kann sicher vieles hinterfragen - aber die Persönlichkeitsentwicklung der Sportler in Abrede zu stellen ist schon dreist .
👍4👎1 fschindl 09.08.2018 ihr macht es euch zu einfach...das Westsystem kennt nur Null oder Eins...entweder man ist ganz oben, dann wird man oft gegen den eigenen Willen gepuscht, gesponsert, bejubelt und zum Teil auch völlig verklärt und vor jeder Kritik erhaben gemacht...sinkt der Stern dann, kommt die Neiddebatte und man rutscht rasend schnell auf ein Normalniveau ab..jeder Fehltritt wird zur Katastrophe erklärt und es geht weiter nach unten. viele bekommen die Kurve, andere nicht...Sven Hannawald...bestes Negativbeispiel

und Schweiger in der Nachbarschaft...da würde ich auch mal durchdrehen :)
👍3👎3 acals 09.08.2018 Welche menschliche trägodie um Olaf Ludwig gäbe es? Mir ist keine bekannt. Auch in meinem letzten persönlichen Gespräch mit ihm in 1999 hab ich nichts diesbezüglich gehört.
👍11👎2 Freigeist14 09.08.2018 Weiß der Teufel,warum die FP ausgerechnet den Mumpitz über Jan Ullrich ,als ein Kind des DDR-Leistungssystems, blau hinterlegt. Zur Wende war Ullrich 15 Jahre alt. Selbst hier muss mal wieder tief in die Mottenkiste gegriffen werden. Wer erinnert sich nicht an die menschlichen Tragödien um Uwe Ampler,Olaf Ludwig oder Bernd Drogan ? Und vielleicht war ja auch der Mental-Trainer von Marco Pantani aus Kreischa ?
👍3👎7 Letsop 09.08.2018 Es ist schwer einzusehen, warum Menschen, in diesem Fall gut verdienende Spitzensportler, die gegenüber ihren meisten Mitmenschen bezüglich Wohlstand und Gesundheit begünstigt sind, nun in besonderer Weise an die Hand genommen werden sollen, damit sie im Leben klarkommen.
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