Gewichtheber Joachim Kunz: An der Hantel nur noch zum Spaß

Gewichtheber Joachim Kunz gewann vor genau 30 Jahren in Seoul Olympiagold. Hinter dem Erfolg steckt eine besondere Geschichte. Seinem Sport ist der Chemnitzer bis heute treu geblieben.

Chemnitz.

Den Ehrgeiz, sich immer wieder neuen Herausforderungen mit aller Konsequenz zu stellen, hat er sich bis heute erhalten. Ob beruflich, sportlich oder privat - Joachim Kunz kann die interessantesten Geschichten erzählen. Und vielleicht, so seine Vision, schreibt er über sein bewegtes Leben später mal ein Buch. Aktuell fehlt dem selbstständigen Unternehmer dafür noch die Zeit, zumal der Chemnitzer nicht nur wegen seines Jobs viel unterwegs ist.

Jede freie Minute genießt er mit seiner Familie. Mit dem jüngsten seiner fünf Kinder, dem zehnjährigen Elias, und seiner zweiten Ehefrau Conny weilte er erst zu Ferienbeginn in Hamburg, um das Musical "König der Löwen" anzuschauen. "Früher habe ich die Entwicklung meiner Töchter nicht so intensiv miterleben können. Umso mehr genieße ich das jetzt, versuche auch, bei jedem seiner Fußballspiele dabei zu sein", meint Joachim Kunz, dessen Sprössling mit Begeisterung bei Handwerk Rabenstein und zu Hause im Garten kickt. Er selbst testet inzwischen seine Leistungsgrenzen bei Wandertouren, oft gemeinsam mit Freunden und Wegbegleitern wie Extrembergsteiger Jörg Stingl oder 400-Meter-Weltmeister Thomas Schönlebe, aus. So bestiegen sie als Highlight 2010 den Kilimandscharo, standen auf dem höchsten Gipfel Aserbaidschans und auf einem Vulkan in Afrika oder bewältigten an fünf Tagen 150 Kilometer auf dem Jakobsweg.

Mehr oder minder regelmäßig absolviert er spezielle Übungen für die eigene Fitness, Hanteln fasst er aber nur noch zum Spaß an. Seinem Gewichtheben ist er als Vizepräsident des Chemnitzer AC treu geblieben. An einem speziellen Platz erinnern nur seine Olympiamedaillen (1980: Silber; 1988: Gold) sowie Porzellantrophäen von den internationalen Turnieren um den Pokal der Blauen Schwerter in Meißen an seine außergewöhnliche Karriere. Diese konnte er 1988, vor genau 30 Jahren, bei den Sommerspielen krönen.

Als er in Seoul die Heberbühne nach gelungenen 190 Kilogramm im Stoßen verließ, ahnte er davon nichts. "Ich war absolut happy, dass ich Silber gewann. Das hatte ich selbst nicht und auch niemand anderes erwartet", weiß Joachim Kunz noch genau, wie wertvoll sich diese Medaille damals anfühlte. Er wuchs vor allem beim sechsten Auftritt erneut über sich hinaus. Die beste Grundlage hatte er mit drei gültigen Versuchen im Reißen, was er selten schaffte, gelegt. Eigentlich hielt er nur Bronze für realistisch. Dafür hatte er aber enorm viel investiert. "Ich wusste, es sind meine letzten Spiele. Da war mein Motto: alles oder nichts", erzählt der mehrfache Welt- und Europameister. Gemeinsam mit Ingo Steinhöfel, der eine Kategorie höher Silber erkämpfte, und seinem Coach Klaus Kroll trainierte er in der Vorbereitung mehrfach sogar dreimal täglich. Die abschließende Einheit begann um 20 Uhr.

Einen Tag nach seiner Entscheidung in Korea veredelte sich plötzlich seine Medaille. Dem vor ihm liegenden Bulgaren Angel Gentschew wurde bei der Dopingprobe nachgewiesen, dass er ein unerlaubtes Mittel zur schnellstmöglichen Gewichtsreduzierung eingenommen hatte. Ein zweite Ehrung gab es dann in einem VIP-Raum, die goldene Plakette übergab aber immerhin der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch. "Klar hat der i-Punkt mit der offiziellen Zeremonie, der Hymne und dem Siegerfoto gefehlt. Das war mir aber in dem Moment egal", blickt der 59-Jährige auf diese ungewöhnliche Situation zurück. Erst im Nachhinein kommt ein wenig Ärger hoch, dass er die besonderen emotionalen Augenblicke nicht erleben durfte. Doch vor Ort freute er sich noch über die verdoppelte Prämie von 500 Dollar, die er wie jeder Sieger von der DDR-Mannschaftsleitung erhielt. Einen CD-Player und eine Sofortbildkamera kaufte er sich von dem "damals vielen Geld", das andere gab er später im Intershop aus.

Der Sachse empfand zudem tiefe Genugtuung nach den Geschehnissen vier Jahre früher, als er den Tiefpunkt seiner Karriere erleiden musste. Vor Olympia 1984 in Los Angeles war er in der Form seines Lebens, als aktueller Weltmeister der große Favorit. Bekanntlich nahmen die sozialistischen Staaten an den Sommerspielen in den USA nicht teil. "Als ich eines Abends in den Fernsehnachrichten vom Boykott der Sowjetunion hörte, war mir das gleich klar. Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Es brach alles irgendwie für mich zusammen", berichtet Joachim Kunz. In der Öffentlichkeit musste er wie alle DDR-Athleten heucheln, auch am Ersatzwettkampf in Schwedt - schon wegen der Prämien und weiteren Förderung - teilnehmen. Zumute war ihm danach überhaupt nicht. Trotzdem brachte er im Stoßen mit 198 kg sogar eine neue Bestmarke zur Hochstrecke. "Kein anderer meiner neun Weltrekorde war so perfekt, doch Freude kam nicht auf", empfindet der Ausnahmeathlet immer noch Groll. In den folgenden Jahren fiel die Motivation schwer - bis eben 1988, als wieder Vollgas die Devise hieß.

Im Frühjahr 1989 holte er zwar nochmals eine EM-Medaille. Doch mit der Wende beendete er ziemlich abrupt seine leistungssportliche Laufbahn, die er einst in Lichtenstein als Turner begann, stemmte später nur noch in der Bundesliga Eisen. Obwohl er kurz vor dem Abschluss stand, beendete er sein Studium an der DHfK Leipzig nicht, sondern orientierte sich beruflich völlig neu. Über BRD-Heber Karl-Heinz Radschinki (u. a. 1984 Olympiasieger) fasste er zunächst in der Sportartikelbranche Fuß, erlernte im Schnellverfahren händlerische Fähigkeiten. Wenig später kam ein Lebensmittel-Großhandel dazu. Mit Freunden gründete er eine Firma, baute in der Region einen Versand für die neuen Bundesländer auf, der regelrecht boomte. "Ich besaß zum Beispiel eines der ersten tragbaren Telefone. Um Kontakt nach drüben zu bekommen, musste ich in der Nacht immer nach Mühlau fahren, da nur bis dahin ein Funkmast strahlte", schmunzelt er über eines seiner Abenteuer.

Er probierte sich auf verschiedenen Gebieten aus, war auch im Fliesenhandel tätig, betrieb ein Restaurant. Als Erster entwickelte der Hobbykoch beispielsweise die Rezepte für Quarkkeulchen, Wickelklöße oder Eierkuchen für die Tiefkühlproduktion und ließ diese herstellen. Mit seiner Ehefrau gründete er die Mico-Gmbh, über die er in Oederan die einst populären Baumann- und Suppina-Produkte wieder auf den Markt brachte, ebenso neue Gerichte. Nicht alle Aktivitäten gingen glatt, manche Partnerschaft zerschlug sich, auch wurde er unfair ausgebremst. Doch er ließ sich nie unterkriegen.

Joachim Kunz fühlt sich angekommen, ist mit seinem jetzigen Betätigungsfeld zufrieden: Er managt den bundesweiten Vertrieb von bulgarischem Schafskäse, den er von seinem früheren Heberkollegen Assen Slatew erhält, sowie von Tempolinsen und -erbsen.

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