Harter Arbeiter mit weichem Kern

Eissprinter Nico Ihle über sein familiäres und sportliches Glück, den langen Weg zum Erfolg, sein Verhältnis zum Trainer und seine Pläne

Der derzeit beste deutsche Eisschnellläufer blickt auf seine erfolgreichste Saison zurück. Mit WM-Silber und EM-Bronze erkämpfte sich Nico Ihle die langersehnten internationalen Medaillen, die ihm und seiner Sportart auch viel mediale Aufmerksamkeit bescherten. Mit dem 31-Jährigen, der mindestens noch bis zur Heim-WM 2019 in Inzell aktiv sein will, aber momentan auch gern einmal auf der faulen Haut liegt, sprach Thomas Treptow.

Freie Presse: Auf was freuen Sie sich, einmal abgesehen von der Familie, nach einer harten Saison am meisten? Vielleicht darauf, die Füße hochzulegen?

Nico Ihle (lacht): Ja, in manchen Momenten einfach nichts machen, das liegt mir. Auf dem Sofa liegen oder aus dem Fenster schauen, die Stille oder nur den schönen Ausblick genießen, das muss man sich in dieser schnelllebigen Zeit schon mal gönnen. So eine Saison, das ganze Pensum, kosten viel Energie, körperlich und im Kopf. Zu Hause ist mein Rückzugspunkt, da komme ich runter, kann vom Sport abschalten und Kraft tanken. Ich freue mich auch auf ein paar entspannte Abende mit der Familie und Freunden, bei denen ich nicht immer auf die Uhr schauen muss, weil ich Sonntagabend wieder nach Berlin muss.

Ihre zwei Töchter freuen sich bestimmt am meisten, wenn Sie zu Hause sind?

Auf jeden Fall. Emma hört es sogar, wenn ich erst sehr spät komme. Wahrscheinlich ist sie aufgeregt, wenn sie das weiß, und mit einem Ohr immer wach. Dann kommt sie angerannt und empfängt mich mitten in der Nacht. Ansonsten sind wir froh, dass wir über das Internet in Wort und Bild kommunizieren können. Dann weiß auch die Kleine, die Maxi, dass es mich gibt.

Ihre Frau hält Ihnen den Rücken frei, was mit zwei Kindern sicher nicht ganz einfach ist?

Das stimmt und ich schätze das sehr. Emma ist erziehungstechnisch auch gerade in einer etwas schwierigen Phase. Wobei es manchmal sogar einfacher für Anni ist, wenn ich nicht da bin. Emma weiß ganz genau, wenn ich zu Hause bin, kann sie sich etwas mehr leisten - das gebe ich zu. Aber wenn ich schon mal da bin, dann möchte ich nicht alles vorschreiben, von wegen 19 Uhr ins Bett oder so. Dafür habe ich einen zu weichen Kern.

Apropos Pensum. Es war Ihre erfolgreichste Saison, Sie waren medial sehr präsent. Geben Sie eigentlich gern Interviews?

Ich repräsentiere meinen Sport gern, weil das Eisschnelllaufen das nach den letzten schwierigen Jahren auch nötig hat. Das belastet mich nicht. Es war zudem alles überschaubar. Merke ich, dass es überhand nimmt, lege ich die Bremse ein.

Eine Einladung ins ZDF-Sportstudio ist aber schon ein kleiner Ritterschlag ...

So eine Einladung sollte man mitnehmen. Aber es war alles ganz entspannt. Da sind immer Leute, die sich um dich kümmern. Erstaunt und positiv beeindruckt hat mich, dass sie in Mainz alle sehr aufgeschlossen und neugierig auf das Eisschnelllaufen waren. So konnte ich in der Sendung die Kurventechnik mit einem Gummiseil demonstrieren. Ich dachte immer, man muss schon Weltmeister werden, um eine Einladung zu erhalten. Andererseits war der dritte Platz bei der EM der größte deutsche Erfolg im Sprintbereich seit 26 Jahren.

In Südkorea hat es mit der ersehnten WM-Medaille geklappt. Das muss sehr emotional gewesen sein?

Da ist wirklich einiges von mir abgefallen. Das tat richtig, richtig gut, wie auch schon vorher bei der EM. Deshalb konnte ich bei der Sprint-WM in Calgary damit leben, dass es nicht mit einer Medaille geklappt hat. Ein andermal hätte ich mich wochenlang darüber geärgert. So konnte ich trotzdem mit einer gewissen Zufriedenheit in die nächsten Wettkämpfe gehen. Das Silber kann mir keiner mehr nehmen.

Etwas provokant gefragt: Mussten Sie dafür erst 31 Jahre alt werden?

Schwierige Frage. Vielleicht hatten wir am Anfang einfach noch nicht den richtigen Weg gefunden. Wir mussten Erfahrungen im Sprintbereich sammeln, viel beobachten, viel austesten, hart arbeiten. Jetzt haben wir das Beste herausgefiltert und umgesetzt. Trotzdem gibt es noch viele Verbesserungsmöglichkeiten.

Zum Beispiel ...

Das Krafttraining haben wir immer sehr wichtig genommen und gemeint, dass wir enorme Gewichte stemmen müssen, um schnell zu sein. Jetzt, nach den vielen Jahren haben wir erkannt, - und vielleicht muss ich erst so alt werden - dass das nur ein Zubringer ist. Ich muss nicht mit 200 Kilo Kniebeuge machen, um unter 35 Sekunden zu laufen. Es ist nur ein Teil des Ganzen, genauso wie das Radtraining.

Haben Sie auf dem Podest eventuell auch an die vergangene Saison gedacht, als es einige bittere Tiefpunkte gab?

Ja, das geht einem ab und an durch den Kopf. Ich weiß, wo ich herkomme, was ich mir erarbeitet habe. Deshalb kann ich mich über den Erfolg vielleicht auch noch mehr freuen als andere. Beim Niederländer Kjeld Nius zum Beispiel ist das fast Normalität, dass er gewinnt. Bei mir ist jede Medaille, jeder Sieg etwas Besonderes. Viele Jahre lang hätte ich mir das mehr als alles andere gewünscht. Jetzt bin ich voll dabei. Deshalb genieße und schätze ich das sehr.

Ihrem Trainer geht es bestimmt ähnlich?

(Nico Ihle lacht): In Südkorea bekam ich eine Nachricht von ihm. Sie lautete: Dass ich das im Rentenalter noch erleben darf.

Sie arbeiten seit zwölf Jahren mit Klaus Ebert zusammen - immer harmonisch?

Natürlich gab es Momente, wo wir verschiedener Meinung waren. Jetzt, wo wir erfahrener und reifer geworden sind, ist es nicht mehr nötig, dass wir uns streiten. In jungen Jahren hat es aber schon mal gekracht. Das musste vielleicht so sein. Was ich aber an meinem Trainer schon immer geschätzt habe, ist, dass wir unsere eigene Meinung immer einbringen konnten. Das lässt nicht jeder zu.

Merken Sie, dass die Gegner nach den Erfolgen mit anderen Augen auf Sie schauen?

Ja, Niederländer oder Russen nennen mich in Interviews durchaus als Mitfavoriten. Nach dem Weltcupsieg in Nagano hat der Niederländer Kai Verbij gesagt, dass es ihn schwer beeindruckt hat, mit welcher Kraft ich die Innenkurve gelaufen bin. Da schwingt Respekt und Wertschätzung mit. Das ist einfach schön, und ich sehe das auch nicht als Bürde.

Die deutschen Erfolge im Eisschnelllauf haben in dieser Saison mit Claudia Pechstein, Patrick Beckert und Ihnen Athleten geholt, die nicht beim neuen Bundestrainer Jan van Veen trainieren. Wie bewerten Sie das?

Ein schwieriges und komplexes Thema. Ich denke, dass man dem Bundestrainer und seiner Gruppe noch mehr Zeit geben muss. Trainingssystemwechsel dauern. Dafür gibt es Beispiele. Aber nächstes Jahr darf es keine Ausreden mehr geben. Dann gilt es.

Olympia 2018 ist für Sie das große Nahziel. Doch wie planen Sie darüber hinaus?

Stand jetzt sage ich, dass ich die Einzelstrecken-WM 2019 in Inzell auf jeden Fall noch mitnehmen möchte. Dann ist der Teamsprint das erste Mal im WM-Programm. Das im eigenen Land zu erleben und zusammen mit meinem Bruder Denny vielleicht das Podium zu schaffen, das wäre etwas Besonderes. Selbst wenn ich Olympiagold holen sollte, würde ich dort gern starten. Und dann schaun wir mal.

In welche Richtung soll es nach der Karriere beruflich gehen?

Eigentlich ist es für mich eine Herzensangelegenheit, meine Erfahrungen, die ich über viele Jahre sammeln konnte, als Trainer weiterzugeben. Ich möchte dem Eisschnelllauf helfen, an die Erfolge anzuknüpfen. Vielleicht schaffe ich den nahtlosen Übergang. Und der Trainer von heute muss sehr viel mitbringen, in puncto Material, Ernährung, Wettkampf und Trainingsgestaltung etc. Das ist komplexer geworden und reizt mich. Auf jeden Fall ist es eine Option.

Nico Ihle

Geboren: 2. Dezember 1985

Geburtsort: Karl-Marx-Stadt

Wohnort: Lichtenstein

Familienstand: verheiratet mit Anni, zwei Töchter Emma (4 Jahre) und Maxi (10 Monate).

Verein: Chemnitzer Skatergemeinschaft (CSG)

Trainer: Klaus Ebert

Erfolge: WM-Silber (500 m), EM-Bronze (Sprint-Vierkampf), drei Weltcupsiege, insgesamt dreizehn Podiumsplätze im Weltcup, Olympische Spiele 2014: 4. Platz (1000 m), 8. Platz (500 m), Deutsche Meisterschaften (11).

Rekorde: Deutscher Rekordhalter über 500, 1000 Meter und im Sprintvierkampf.

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