Harting hofft auf letzten großen Wurf

Rio-Olympiasieger Christoph Harting scheidet sang- und klanglos in der Diskus-Qualifikation aus. Bruder Robert schafft den Finaleinzug und will dort noch einmal angreifen, wo alles begann - in seinem "Wohnzimmer".

Robert Harting ließ in der Qualifikation nichts anbrennen, aber Luft nach oben ist noch vorhanden.

Für Sie berichtet: Thomas Treptow

Vielleicht reißt er sich das Trikot vom Leib? Vielleicht balgt er sich mit Maskottchen Berlino herum? Vielleicht überwältigen Robert Harting im Berliner Olympiastadion aber auch die Emotionen? Vielleicht nimmt ihn Ehefrau Julia tränenüberströmt in die Arme? Wer weiß. Fakt ist, dass der 2,01 Meter große Diskushüne am Mittwochabend in seinem "Wohnzimmer" seinen letzten großen internationalen Wettkampf bestreitet - als einziger Harting. Bruder Christoph, der Olympiasieger von Rio, musste in der Qualifikation die Segel streichen. Keinen einzigen gültigen Versuch brachte der Rotschopf zustande. Sang- und klanglos verabschiedete sich der 28-Jährige - und ratlos. "Ich kann es mir selbst nicht erklären", sagte er. Eine Analyse, so dünn wie seine Leistung.

Seinem großen Bruder reichten bei geforderten 64 Metern 63,29 Meter. Als Siebentbester zog er ins Finale ein. "Ich bin eine bisschen zu brav, zu taktisch rangegangen. Morgen versuche ich es mit mehr Risiko", meinte Robert Harting (33), Olympiasieger und dreifacher Weltmeister an jenem Ort, an dem seine große Karriere einst so richtig Fahrt aufnahm. 2009 bei der WM in Berlin hatte er einen "rausgehauen", wie die Werfer gern sagen.

Im letzten Versuch entriss der gebürtige Cottbuser Piotr Malachowski damals noch Gold. Der Pole, oftmals harter Gegner und inzwischen guter Freund, hatte die Scheibe auf den neuen Landesrekord von 68,77 Meter katapultiert. Harting konterte auf den letzten Drücker mit 69,43 Meter und fetzte sich das Trikot vom Leib. "Kein Video habe ich mir öfter angeschaut als diesen Wurf. Er hatte Geschwindigkeit, Risiko und Druck. Nie wieder habe ich in einem großen Stadion weiter geworfen. Es war ein Rausch", blickt der zehn- fache Deutsche Meister zurück auf seinen emotionalsten Sieg.

Doch der Mann sorgte damals auch für einen Eklat. Als DDR-Dopingopfer undurchsichtige Brillen mit der Aufschrift "Ich will das nicht sehen" im Stadion verteilten, vergriff sich Harting im Ton: "Ich hoffe, wenn der Diskus aufkommt, dass er dann noch mal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen", redete er sich in Rage. Die verbale Schützenhilfe, die er seinem Trainer Werner Goldmann - der zu DDR-Zeiten Dopingmittel an Athleten weitergegeben haben soll - leisten wollte, ging nach hinten los. Hartings Worte lösten Empörung aus, wenig später entschuldigte er sich. Auch knappe zehn Jahre später zeigt er sich geläutert: "Keine Frage, das war völlig undurchdacht. Damals war ich sehr selbstbezogen, habe rechts und links wenig erkannt. Jetzt hat sich der Tunnel geweitet, bin ich ein völlig anderer Athlet."

Ein Klasseathlet, streitbar und konsequent. 2014, als ihn der Weltverband als "Weltleichtathlet" nominieren wollte, ließ sich Harting von der Liste streichen, weil er nicht mit dem ehemaligen Dopingsünder Justin Gatlin (USA) darauf stehen wollte. Ein ehrgeiziger Sportler, der nach vielen Verletzungen (u. a. Kreuzbandriss 2014) aber auch froh ist, wenn es vorbei ist. Der geschundene Körper - im Frühjahr riss er sich die Quadripssehne im rechten Knie - lechzt nach Ruhe. "Ich freue mich auf den Moment, wenn ich aufstehe und mich nicht mehr fragen muss: Wie soll ich das heute hinbekommen? Denn ich kann mich ja nur noch bis zu einem gewissen Maß wehren", sagt der Mann vom SCC Berlin, der deshalb auch Realist ist. Eine kleine Medaille aus Gips, die er sich während der letzten Trainingslager gebastelt hat, strich er kupferfarben an: "Bronze passt schon, die Jungs da vorn sind so stark", meint der zweifache Europameister über die EM-Konkurrenten. Im gleichen Atemzug fügt er verschmitzt an: "Es kommt nicht darauf an, wer am weitesten wirft, sondern wer wann am weitesten wirft."

Keine Frage: Robert Harting, der seinen großen Abschied beim Istaf am 2. September in Berlin bekommt, hofft auf einen letzten großen Wurf. "Es ist schön, eine Sache mit Stil und im Nationaltrikot zu beenden", sagt er - und meint wirklich beenden. Denn in der Leichtathletik will der Student für Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, der im nächsten Jahr den Masterabschluss anstrebt, nach dem Karriereende auf keinen Fall bleiben. "Was die Aufgabendichte und Verantwortung betrifft, ist von Pförtner bis Kanzler alles drin", meint er lachend. Seine berufliche Zukunft sieht er in der Entwicklung von Produkten. Welche es sein sollen, weiß er noch nicht genau. Einen Plan für die Zeit danach hat er dennoch. Einige Dinge stehen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste von Robert Harting: "Ich möchte Kinder haben und groß ziehen, einen Baum pflanzen, meine Eltern pflegen und einen Job finden, in dem ich noch etwas verändern kann." In der Leichtathletik hat er Letzteres getan oder es wenigstens versucht.

0Kommentare Kommentar schreiben