Historischer Doppelsieg: «Reißen den Eiffelturm ab»

Als erstes gemeinsames deutsches Doppel seit 82 Jahren gewinnen Kevin Krawietz und Andreas Mies ein Grand-Slam-Turnier. Nach dem French-Open-Triumph kündigen sie eine große Sause an der Seine an.

Paris (dpa) - Die gute Nachricht vorweg: Der Eiffelturm steht noch. Am Morgen nach dem historischen Doppel-Triumph von Kevin Krawietz und Andreas Mies war das 324 Meter hohe Wahrzeichen der französischen Hauptstadt von der Tennis-Anlage im Stadtteil Boulogne-Billancourt deutlich zu sehen.

Dabei war das rheinisch-fränkische Sensations-Duo am Vortag noch fest entschlossen gewesen: «Heute Abend reißen wir den Eiffelturm ab.»

Die Familie und die am Ende 52-köpfige Reisegruppe saß zum Zeitpunkt der Pressekonferenz längst im Restaurant am Fuße des Center Courts und feierte bei Wein und anderen Erfrischungsgetränken ein Tennis-Ergebnis, das guten Gewissens und ohne die branchenüblichen Übertreibungen als Sensation und historisch bezeichnet werden darf.

In der Geschichte des Profi-Tennis, der sogenannten Open Era ab 1968, hatte noch nie ein rein deutsches Doppel bei einem Grand-Slam-Turnier den Titel gewonnen. Letzte gemeinsame deutsche Sieger bei einer der vier wichtigsten Veranstaltungen waren Gottfried von Cramm und Henner Henkel vor 82 Jahren. «Unser Traum ist in Erfüllung gegangen», sagte der Kölner Mies (28) nach dem 6:2, 7:6 (7:3) gegen die Franzosen Jeremy Chardy (32) und Fabrice Martin (32). Der große Coupe Jacques Brugnon stand mitten auf dem Tisch in der kleinen Interview-Ecke, zwei kleine Nachbildungen hatte jeder vor sich aufgebaut.

Gemeinsam mit seinem Coburger Partner Krawietz (27) steht der ehemalige College-Student nach diesen wundersamen Wochen in Paris nun in einer Reihe mit den ganz großen deutschen Duos: Boris Becker und Michael Stich holten 1992 in Barcelona olympisches Gold, Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer gewannen 2004 in Athen Silber. Auch deutsche Doppel-Sieger bei Grand Slams hat es schon gegeben: Philipp Petzschner triumphierte mit dem Österreicher Jürgen Melzer 2010 in Wimbledon und 2011 bei den US Open. Stich eroberte die Doppel-Trophäe an der Seite des US-Amerikaners John McEnroe 1992 in Wimbledon.

Dass aber zwei Deutsche gemeinsam das oberste Treppchen der Grand-Slam-Bühne betreten, begeisterte von Boris Becker über Barbara Rittner zu Julia Görges ganz Tennis-Deutschland. Längst sind die beiden auch bei Bundestrainer Michael Kohlmann auf dem Nominierungs-Zettel für den Davis Cup im November. Dabei waren die Herren Krawietz und Mies vor kurzem nur Insidern ein Begriff.

Seit anderthalb Jahren erst spielen die beiden regelmäßig zusammen. Sie gewannen sechs Titel bei ITF- oder Challenger-Turnieren und zuletzt Anfang dieses Jahres erstmals in New York auf der ATP-Tour. 2018 meldeten sie in Wimbledon zum ersten Mal zusammen bei einem Grand Slam für die Qualifikation und kamen prompt ins Achtelfinale.

Und jetzt zur Krönung ein Finale gegen zwei Franzosen, das sie beherrschten und verdient gewannen, weil sie unglaublich gut harmonieren und das «Doppel auf eine verdammt gut anzusehende taktische Art und Weise interpretieren», wie es die angesehenen «Sandplatzgötter» in den sozialen Netzwerken kommentierten. Und weil sie sich sogar beim Jubeln so herrlich synchron auf den Rücken in den Sand fallen ließen und Arme und Beine von sich streckten.

«Ich dachte, wo bleibst du denn? Warum springst du nicht auf mich drauf?», sagte Mies. «Ich habe geschaut: Wo bist du denn?», sagte Krawietz. Nach Teil eins der Reporterrunde durften sie erstmals in ihrem Leben in den großen Interviewraum umziehen und ließen dies auch - verbotenerweise - mit Handy-Fotos festhalten. «Was für eine Reise», sagte Krawietz. «Das sind die Momente, für die wir spielen.»

Dass sie für diesen Moment auch noch die «unfassbare Summe» (Mies) von 580.000 Euro einheimsten, sollte an diesem Tag nur eine Nebenrolle spielen. «Es soll jetzt nicht kitschig klingen», sagte Mies. «Aber dieser Titel ist viel wichtiger als Geld.»

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