"Ich bin immer noch im Gefühlschaos"

Turnerin Sophie Scheder legt bis Jahresende sportlich eine Pause ein - Chemnitzerin von Resonanz nach Olympiamedaille überwältigt

Chemnitz.

Sophie Scheder vom TuS Chemnitz-Altendorf beendete bei den Olympischen Spielen in Rio mit dem Gewinn der Bronzemedaille eine deutsche Podest- abstinenz am Stufenbarren von 28 Jahren. Für Chemnitz ging sie als erste olympische Medaillengewinnerin im Turnen in die Geschichte ein. Knapp zwei Monate nach dem Erfolg sprach mit der 19-jährigen gebürtigen Wolfsburgerin Martina Martin.

Freie Presse: Wie viele Trainingseinheiten haben Sie seit der Rückkehr aus Rio schon wieder absolviert?

Sophie Scheder: Noch nicht eine. Ich lege jetzt nach diesem unglaublichen Jahr erst einmal eine längere Pause ein. Im Januar 2017 fange ich dann wieder mit dem intensiven Training an.

Können Sie denn so lange auf Ihre Leidenschaft verzichten?

Ich denke schon, auch wenn ich das Turnen liebe. Aber ich bin mir sicher, ein bisschen abschalten, andere Dinge genießen, tut mir auch für die Motivation mal ganz gut. Mein halbes Leben habe ich bisher geturnt, meinem Sport alles untergeordnet. Außerdem möchte ich auch meinem linken Knie einmal länger Ruhe gönnen, die Probleme mit der Patellasehne möglichst auskurieren. Nach Olympia hatte ich noch einmal drei Wochen lang eine Spezialbehandlung in Chemnitz. Während dieser Zeit war ich übrigens jeden Tag in der Turnhalle.

Weshalb?

Während des Urlaubs meiner Trainerin Gabi Frehse kümmerte ich mich vor allem um ihre Gruppe. Das Training mit den Mädchen, egal welchen Alters, hat mir sehr viel Freude gemacht, für mich selbst eine Menge gebracht. Ich konnte ihnen viele zusätzliche Tipps geben. Andererseits lernte ich alles mal von der anderen Seite kennen. Später als Trainerin tätig zu sein, könnte ich mir gut vorstellen. Vor allem die Arbeit mit den ganz Kleinen gefällt mir sehr.

Wie reagierten Ihre Schützlinge auf Zeit?

Es gab da keinerlei Probleme. Die Mädchen haben sehr gut mitgezogen, es mir leicht gemacht. Ich wollte, dass beide Seiten Spaß hatten. Nach jedem Versuch verteilte ich erst einmal Lob, kritisierte aber auch, wenn es notwendig war. Dabei spürte ich viel Respekt gegenüber meinen Leistungen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn die kleinen Turnerinnen zu dir hochschauen und sagen, dass sie stolz auf dich sind und auch mal so werden wollen.

Rund acht Wochen sind seit Ihrem bislang wertvollsten Erfolg vergangen. Hatten Sie schon mal Muße, alles für sich zu genießen?

So richtig zur Ruhe bin ich bisher nicht gekommen. Es gab die Empfänge, Einladungen zu den verschiedensten Veranstaltungen, Interviews, Autogrammstunden und vieles mehr. Mein Kalender ist mit Terminen voll. Ich nehme das natürlich alles gern mit. Megatoll war vor allem auch die Ferienwoche der Sporthilfe mit den anderen olympischen Medaillengewinnern in Granada. Da gab es so viele Supererlebnisse. Und ein Highlight war für mich, dass ich bei der Wahl zum Champion des Jahres zu den besten fünf Athleten gehörte. Diese Ehre - einfach unbegreiflich.

Spüren Sie auch in der Öffentlichkeit mehr Anerkennung?

Auf alle Fälle. Es hat mich zum Beispiels total überwältigt, wie mein Medaillengewinn wahrgenommen wurde. Es ist einfach der Wahnsinn, wie viele Leute mir über Whats-App, SMS, per Mail oder Facebook schrieben oder auf andere Weise gratulierten. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Es dauert bis jetzt, um allen zu danken. Dabei half mir auch meine Mutti. Die Autogrammkarten - zu Jahresbeginn besaß ich 5000 - sind alle weg, ich musste schon nachbestellen. Auf Istagram hatte ich vor Olympia vielleicht 1000 Fans, inzwischen sind es fast 15.000. Auch freut mich enorm, dass die Medaille gleich auf dem Bus, der mit den Olympiateilnehmern durch Chemnitz fährt, verewigt wurde.

Da stehen wohl jetzt, salopp gesagt, die Sponsoren Schlange?

Schön wäre es. Aber sie kommen nicht von allein, das ist alles schon sehr schwierig. Gemeinsam mit meinen Eltern versuche ich in diesen Tagen, ein paar Kontakte zu knüpfen, auch hinsichtlich eines Managements, das mich künftig bei einigen Aktivitäten unterstützen könnte. Da besitze ich ja keinerlei Erfahrungen, habe mich auch mit anderen Sportlern darüber unterhalten. Mal sehen, was wird.

Haben Sie schon oft Ihre Finalübung wieder angeschaut?

Ja, mehrfach. Erst einmal wird sie ja bei jeder Veranstaltung, bei der ich auftrete, meist eingespielt. Manches Mal sehe ich sie mir auch allein auf Youtube an. Ehrlich gesagt, die Übung an sich finde ich selbst gar nicht so toll. Aber emotional bewegt mich das alles extrem.

Können Sie das beschreiben?

Ich bekomme stets Gänsehaut, es geht mir alles Mögliche durch den Kopf. Es ist immer noch ein Gefühlschaos. Vor allem sind es solche Gedanken, dass sich die harte Arbeit über Jahre ausgezahlt hat, der Schweiß und die vielen Tränen nicht umsonst waren. Denn es gab ja auch bei mir harte Zeiten oder Phasen wie nach der WM 2015, in denen ich aufhören wollte. Dabei war ich schon stolz, dass ich überhaupt das Finale erreichte. Als es darauf ankam, brachte ich meine Leistung auf den Punkt. Vorher hätte ich mir den dritten Platz nicht vorstellen können. Es ist mehr als ein Traum in Erfüllung gegangen.

Wie würden Sie die gesamte Saison in Ihre Karriere einordnen?

Es war für mich das beste Jahr mit einem Top-Abschluss. Zunächst die Weltcupsiege am Barren in Cottbus sowie im Mehrkampf in Stuttgart, später die Mehrkampferfolge bei der Deutschen Meisterschaft und der zweiten Qualifikation, und dann natürlich die Olympiaergebnisse mit Bronze und dem sechsten Platz mit unserem Superteam - dafür hat sich alles gelohnt. Übrigens, wenn mich jemand bittet, die Medaille zu zeigen, dann bekomme ich stets ein riesiges Grinsen im Gesicht, das nicht so schnell weggeht.

Was steht für Sie bis Jahresende noch auf dem Programm?

Am kommenden Wochenende habe ich eine Einladung der Sporthilfe zu einem Treffen im Europapark Rust, danach folgt noch ein Lehrgang mit den Turnerinnen der Nationalmannschaft. Da wird aber nicht trainiert, sondern Bundestrainerin Ulla Koch will mit uns Olympia intensiv auswerten und über die Zukunft sprechen. Ab 25. Oktober absolviere ich dann achteinhalb Wochen planmäßig in Hannover den Feldwebelanwärter-Lehrgang bei der Bundeswehr. Beim Bundesligafinale am 3. Dezember will ich dabei sein, aber nur, um mein Team anzufeuern,

Mit welchen Ambitionen starten Sie dann in die neue Trainingsphase?

Die EM im Frühjahr werde ich wohl noch nicht schaffen. Aber bei der WM im Herbst will ich dann starten und wieder um eine Medaille mitkämpfen. Zusammen mit meiner Trainerin Gabi Frehse, der ich so viel zu verdanken habe, visiere ich die Olympischen Spiele 2020 in Tokio an. Sie sind das ganz große Ziel.

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