In Gedanken immer bei Kristina

Im Rahmen der Deutschen Stehermeisterschaften in Chemnitz bestritten vier deutsche Sprintasse gemeinsame Rennen mit Nachwuchssportlern. Diese Auftritte sowie weitere Aktionen waren der schwer gestürzten Olympiasiegerin gewidmet.

Chemnitz.

Die breite Armbinde, die sich Asse und Talente übergestreift hatten, zog mit ihrer grellen Farbe die Aufmerksamkeit sofort auf sich. Der Name der Aktion "#staystrongkristina" (bleib stark, Kristina) war weithin sichtbar. Denn die Sprintrennen, die im Rahmenprogramm der Deutschen Stehermeisterschaften in Chemnitz stattfanden, wurden der schwer verunglückten Weltklasseathletin Kristina Vogel, die weiterhin im Unfallkrankenhaus Berlin liegt, gewidmet. Es war dabei langfristig geplant, dass die Auswahlakteure nicht hart um eigene Meriten kämpfen, sondern mit dem Nachwuchs verschiedene Wettbewerbe austragen. Diese Auftritte basieren auf einer Kooperationsvereinbarung des Erdgasteams mit dem RSV Chemnitz, der die Titelkämpfe ausrichtete. Anfang Juni stand schon einmal ein gemeinsames Training auf dem Oval im Sportforum auf dem Programm. Damals kümmerte sich Kristina Vogel gleichfalls ganz liebevoll um die jungen Athleten - auch bei den Meisterschaften hätte sie mit Sicherheit ihre Runden mitgedreht.

Für die 12- und 13-jährigen Mädchen und Jungen war es natürlich ein Riesenerlebnis, zusammen mit ihren Idolen, die ihre Meistertrikots trugen, vor 3000 Zuschauern Rennen zu bestreiten und auf eine Ehrenrunde zu gehen. "Es ist einfach superschön, wenn man die Freude in den Augen der Kinder sieht. Die Kombination fand ich toll, es hat auch mir enorm viel Spaß gemacht", meinte Olympiasiegerin und Weltmeisterin Miriam Welte. Obwohl sie wenige Tage vorher erst von der EM aus Glasgow, bei der sie zweimal Bronze gewann, zurückgekehrt war, nahm sie diese Einladung gern an. "Man spürt immer so viel Zuspruch der Fans, da finde ich es toll, wenn man auf diese Weise etwas zurückgeben kann", begründete die Pfälzerin vom 1. FC Kaiserslautern.

Und dass diese Veranstaltung die Spendenaktion für ihre Freundin Kristina Vogel unterstützte, lag dabei in ihrem ureigensten Interesse. Über elf Jahre fuhr sie gemeinsam mit der Erfurterin bei den internationalen Topereignissen Erfolge ein, teilte mit ihr auf Reisen stets das Zimmer. Im Wechselbad der Emotionen befindet sich die 31-Jährige seit dem schrecklichen Unfall Ende Juni ständig. "Die Situation ist nicht einfach für mich. Während der Rennen versuche ich, mich auf das Geschehen zu konzentrieren, die Sache hintenanzuschieben. Aber wenn der Wettkampf vorbei ist, denke ich sofort wieder an Kristina. Die Medaillen habe ich auch für sie erkämpft", gab Miriam Welte Einblicke in ihre derzeitige Gefühlswelt.

Dem mehrfachen Weltmeister Maximilian Levy, der seit Jahren Wegbegleiter von Kristina Vogel in der Auswahl ist und mit ihr gemeinsam für das Chemnitzer Erdgasteam fährt, ergeht es ähnlich. Er erlebte den Unfall auf der Cottbuser Bahn live mit, gehörte zu den Ersthelfern. "Es ist nach wie vor sehr schwierig. Aber wir müssen damit umgehen, es nützt ja nichts. Die guten Ergebnisse unseres Teams bei der Deutschen Meisterschaft danach in Dudenhofen waren auch eine Art der Verarbeitung", berichtete der 31-Jährige mit Blick auf den Gewinn aller vier möglichen Titel. Er selbst hatte langfristig angekündigt, dass er auf die EM verzichtet. Umso mehr freute er sich, dass mit dem Chemnitzer Stefan Bötticher ein Auswahlgefährte seine Nachfolge als Keirin-Champion antrat, der Titel im eigenen Land blieb. Es war der vierte für Deutschland seit 2013.

Der Cottbuser hatte unmittelbar nach dem Unfall die Idee für die Spendenaktion (Crowd-Funding) über das Internet. "Man musste doch etwas tun. Aber wie sich die Sache entwickelte, ist einfach überwältigend für mich. Das Gefühl zu spüren, wie die Leute, die Athleten weltweit Anteil nehmen, das hätte ich so nicht erwartet", zeigte sich der Routinier erstaunt und berührt zugleich. Insgesamt kamen bisher über 120.000 Euro zusammen, auch während der Steher-DM wurde der Betrag über eine Tombola weiter erhöht. Lukrative Ehrenpreise wie ein signiertes Originaltrikot von André Greipel, das er während der Tour de France trug, oder ein Fahrrad, mit dem die Athleten durch das olympische Dorf in London fuhren, durften begeisterte Fans nach der Auslosung in Empfang nehmen.

"Die Resonanz ist unglaublich, für uns alle unfassbar", wertete auch Sascha Hübner, seit Abschluss seiner Karriere im Vorstand des Erdgasteams. Er nannte weitere Beispiele: So spendeten für Versteigerungen die britische Radlegende Chris Hoy einen Olympiaanzug, Toursieger Geraint Thomas ein Gelbes Trikot, Rodel-Olympiasiegerin Natalie Geisenberger signierte Startnummern von Olympia. Zu den Unterstützern gehören zudem auch Fahrradkuriere in Rio oder die Russin Darja Schmelewa, dreifache Europameisterin von Glasgow.

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