Ist Wintersport noch zeitgemäß?

Klimawandel und Umweltschutz werden derzeit heiß diskutiert. Besonders betroffen im Sport sind diejenigen, die auf Schnee angewiesen sind. Was also tun? Sind Skispringen nur noch auf Matten oder Biathlon ohne Bleipatronen Alternativen?

Antholz/Chemnitz.

Das Thema der Erderwärmung und ihre Folgen für die Natur werden derzeit so intensiv debattiert, dass sich der Wintersportler fast gar nicht hinter dem warmen Ofen hervortrauen dürfte. Der Schnee von gestern gehört in der Neuzeit immer mehr zur Mangelware. Die künstliche Erzeugung des weißen Goldes ist für das Training und die Wettkämpfe im Skisport zum elementaren Bestandteil geworden. "Ist Wintersport also noch zeitgemäß?", lautete der provokante Titel einer Podiumsdiskussion jüngst beim internationalen Journalistentreffen "Forum Nordicum" in Antholz. Oder anders gefragt: Wie ernst nehmen Verbände und Veranstalter das Thema?

Dass der Wintersport keine Adhoc-Lösungen parat hat, war angesichts der elefantösen Problematik klar. Zum Dilemma der steigenden Lufttemperaturen kommen auch noch die weltweit kostspieligen Baumaßnahmen für die Sportstätten hinzu - was nicht nur den Wintersport betrifft. Und die Anforderungen steigen, wie auch die Maßnahmen für die Biathlon-WM im kommenden Februar in der Südtirol-Arena von Antholz zeigen. Da ist die beheizbare Auffahrt auf das neue Parkdeck für 25 Sattelschlepper mit TV-Equipment nur ein kleiner Baustein im Modernisierungsplan für das malerisch am Hochgall gelegene Stadion. Insgesamt elf Millionen Euro wurden im Zuge der WM 2020 in die an ein Naturschutzgebiet grenzende Arena investiert.

Was die Podiumsdiskussion in Antholz zeigte: Die Verantwortlichen im Wintersport sind sensibilisiert für das Umweltthema. Und man weiß, dass vieles, was in der Vergangenheit und auch noch der Gegenwart praktiziert wurde und wird, so nicht bleiben kann. Jürg Capol, der Marketingchef des Weltskiverbandes FIS, setzt große Hoffnungen in neue Technologien, damit die Skisportler ihr (Über)lebenselexier weiter behalten. "Es kann das Szenario geben, dass wir in 50 Jahren keinen natürlichen Schnee mehr haben. Dann wird die Technik hoffentlich weiter sein", meint der Schweizer. Bis es soweit ist, müssen machbare Maßnahmen greifen. Eine sinnvolle Kalenderplanung beispielsweise, um den Reiseaufwand zu minimieren. Und man dürfte künftig über lange als tabu geltende Regeländerungen zumindest sprechen. So müsste die Sportart Skispringen ohne Schnee nicht zwangsläufig aussterben, wenn man denn auch im Winter ein Landen auf Matten zulassen würde. Doch was bleibt dann noch übrig vom WINTERsport? Der langjährige FIS-Rennchef der Springer, Walter Hofer, sagt: "Was dieses Thema angeht, habe ich von unserem Präsidenten volle Rückendeckung. Wir sind ein Wintersportverband, deshalb ist Schnee eine Voraussetzung."

Sein Präsident heißt Gian Franco Kasper. Der Schweizer hatte einst im Zuge der Vergabe für die Winterspiele nach Peking 2022 erzählt, dass die Organisatoren dort weniger kleinlich in Sachen Bauaufwand zu Werke gehen: Die Chinesen würden - so Kaspers fiktives Beispiel - auch eine Pipeline von Peking in die Schweiz bauen, sollten die Olympiastätten nur mit europäischem Wasser beschneit werden können. Kasper gibt zu, dass es in Ländern mit Diktaturen einfacher ist, Olympische Spiele auszurichten: "Diktaturen können solche Veranstaltungen mit links durchführen, die müssen nicht das Volk befragen", sagte der Sportfunktionär der Schweizer Zeitung "Tagesanzeiger". Den Klimawandel leugnet Kasper in dem Interview vom Februar 2019 nicht. Er äußerte aber auch: "Es gibt keinen Beweis dafür. Wir haben Schnee, zum Teil sehr viel. Es gab schon immer kalte und wärmere Winter." Ein sehr kalter ließ erst 2018 die Olympiastarter in Pyeongchang bei bis zu minus 35 Grad Celsius frösteln. Kasper: "Jedem, der schlotternd auf mich zukam, sagte ich: ,Welcome to the global warming.'" Dass die Winterspiele in Korea womöglich einen Beitrag leisteten, dass sich Nord- und Südstaat, die bei der Eröffnungsfeier gemeinsam ins Stadion liefen, politisch annäherten, mag sein. Die Nachhaltigkeit für den Wintersport im asiatischen Land ist aber zweifelhaft, wie selbst FIS-Marketingchef Capol zugibt: "Es hat dort danach keinen Athleten mehr gegeben, als vor den Spielen da waren. Olympia hat keinen Input gebracht."

Nahe Peking, wo für die olympischen Skiwettbewerbe 2022 eine Schneise in ein riesiges Waldgebiet geschlagen wurde und prunkvolle Sportstätten entstanden sind, soll das anders werden. Im Biathlon wird dann sicher noch mit Bleipatronen geschossen. Ob Lasergewehre irgendwann eine echte Alternative darstellen? Herbert Fritzenwenger, Mitveranstalter des jährlichen Biathlonspektakels auf Schalke, will das nicht ausschließen: "Die Athleten müssten mehr mit Lasergewehren arbeiten. Es würde bestimmt funktionieren. Den Knall kann man auch simulieren", sagt der Bayer, der auch im ZDF als Co-Kommentator tätig ist. In gleichem Atemzug fügt er mit Blick auf die manchmal aufgeheizten Diskussionen an: "Mit Verboten kommen wir nicht weiter. Und was ist dann mit der Champions League im Fußball oder wenn 60 Trucks für ein Rolling-Stones-Konzert anrollen? Der Sport ist zum Grundbedürfnis des Menschen für die Unterhaltung geworden", sagt Fritzenwenger. Und deshalb hat sich seit 18 Jahren auch seine Idee durchgesetzt, im flachen Fußballland auf Schalke ein Biathlonevent auszutragen. So wird jedes Jahr nach Weihnachten eine rund einen Kilometer lange Kunstschneepiste in und außerhalb der Veltins-Arena präpariert, um den Stars eine große Bühne zu bieten.

Die Idee, den Sport zu den Menschen zu bringen, hat längst Schule gemacht. Seit 2018 ist Dresden mit dem Langlauf-Weltcup am Elbufer auf den marketingträchtigen Dampfer aufgesprungen. Dabei waren die Organisatoren um den TV-Journalisten René Kindermann von Beginn an gezwungen, sich dem Thema Nachhaltigkeit und Energiebilanz zu widmen. "Natürlich gab es Gegenwind. Aber wir haben eine gute CO2-Bilanz. Die ist auch darauf zurückzuführen, dass tausende Weltcupzuschauer problemlos zu Fuß, per Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen können. Anders, als wenn sich zum Beispiel 60.000 Menschen mit dem Bus oder Auto ins Antholzer Tal aufmachen", sagt René Kindermann. Das Konzept der kurzen Wege in der Landeshauptstadt komme gut an. Der Weltverband FIS hatte die Dresdner jüngst zum Meeting aller nordischen und alpinen OKs in Seeboden gebeten, ihre Erfahrungen darzulegen. Am Millstädter See erzählte René Kindermann darüber, dass sie beim Aufbau des Weltcupareals auf die Herkunft des verwendeten Holzes achten und wie mit Mehrweggeschirr und Pfandsystem Kunststoff-Müllberge vermieden werden.

Dass es in Dresden ein großes Bemühen um Nachhaltigkeit gibt, zeigen nicht nur Schnupperevents für Schüler nach dem Weltcupwochenende. Im kommenden Januar werden Parasportler (Sitzski) in die Veranstaltung integriert. Für eine weitere Nachnutzung des mit grünem Strom am Flughafen Dresden erzeugten Kunstschnees sollen erstmals die Snowvolleyballer auf ihrer Welttour vor der einmaligen Kulisse der Dresdner Altstadt schmettern.

Ob die Menschen auch schon früher Aufwand und Nutzen im Sport, der schönsten Nebensache der Welt, im Auge hatten? Klar ist, dass alles ein bisschen kleiner und gemütlicher zuging beim Schneller, Höher und Weiter. Bei den ersten Olympischen Winterspielen 1924 in Chamonix standen 16 Entscheidungen in sieben Sportarten mit 13 Damen und 281 Herren aus 16 Ländern auf dem Programm. Wer aber denkt, der Schnee sei damals immer ausreichend vorhanden gewesen, der irrt: "Am 23. Dezember 1923 gab es überhaupt keinen Schnee, am Tag darauf lag er über einen Meter hoch. Eine Woche vor Beginn verwandelte Regen die Wettkampfstätten in Seen, dann kam rechtzeitig Frost, und die Spiele konnten am 25. Januar ohne Probleme beginnen", schreibt das Portal "olympia-lexikon.de". Der erfolgreichste Teilnehmer hieß damals in Frankreich übrigens Clas Thunberg. Der Eisschnellläufer holte auf einer 400-Meter-Natureisbahn in den fünf Disziplinen dreimal Gold sowie je einmal Silber und Bronze. Was nicht überliefert ist: ob der 1973 verstorbene Finne aus Helsinki in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Klimaaktivistin Greta Thunberg steht.

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