Knud Leonhardt: "Marathon um Mitternacht zu laufen, halte ich für völlig verfehlt"

Der Sportmediziner kritisiert die Hitzeschlachten von Doha und befürwortet einen Vorschlag des IOC

Als Verbandsarzt des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) war der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Knud Leonhardt aus Schwarzenberg von 2007 bis 2016 bei allen Welt- und Europameisterschaften sowie zwei Olympischen Spielen im Einsatz. Die WM kürzlich in Doha, bei der es nach dem Marathon und den Geher-Wettbewerben viel Kritik gab, verfolgte der 61-Jährige aus der Ferne, aber dennoch sehr aufmerksam. Im Gespräch mit Thomas Treptow schildert Knud Leonhardt seine Sicht der Dinge.

Freie Presse: Der Marathon der Frauen startete in Doha/Katar bei 32,7 Grad Celsius und knapp 74 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Ausfallquote betrug über 40 Prozent und nach teils erschreckenden Bildern von entkräfteten, dehydrierten Läuferinnen hagelte es massive Kritik. Wie sehen Sie die Problematik?

Knud Leonhardt: Sehr, sehr kritisch. Die langen Läufe und das lange Gehen hätte man in eine gemäßigte Klimazone vergeben müssen. Dass der internationale Verband IAAF einen Weg der Breite geht, also die Leichtathletik in viele Länder rund um den Erdball vergibt, ist in Ordnung. Aber dann kann er durchaus auch solch besondere Situationen anders lösen. Das Programm zu splitten, sollte absolut einer Überlegung wert sein.

Was ist das größere Problem, die Luftfeuchtigkeit oder die Temperatur?

Der Körper ist auf eine bestimmte Kerntemperatur fixiert, oder sagen wir mal, eingestellt. Diese Temperatur ist lebenserhaltend. Wenn die um wenige Grad steigt, kann es tatsächlich gefährlich werden. Feuchtigkeit transportiert Wärme, bei hoher Luftfeuchtigkeit verdampft der Schweiß aber weniger gut, ergo funktioniert der Wärmeaustausch nicht richtig, weshalb es zur Erhöhung der Körperkerntemperatur kommen kann. Die Kombination von hoher Luftfeuchtigkeit und hoher Temperatur ist also wirklich eine eher ungünstige Situation für lange Läufe.

Haile Gebreselassie, zweifacher Olympiasieger über 10.000 Meter und 2007 auch Inhaber des Marathon-Weltrekordes, sagte in Doha gegenüber der Nachrichtenagentur AP: "Läuferinnen hätten sterben können ..." Was meinen Sie dazu?

Es ist schon gefährlich - und der weibliche Organismus ist in dieser Hinsicht auch fragiler. Das heißt, dass der Umgang mit den örtlichen Gelegenheiten viel mehr durchschlägt als bei Männern - wobei es auch bei denen viele Ausfälle gegeben hat. Die Athleten sind im höchsten Maß auf eine Leistung fokussiert, die zu einem bestimmten Zeitpunkt abgerufen werden muss. Dem wird alles untergeordnet, das Essen, das Trinken, das Schlafen usw. Wenn man dann zu mitternächtlicher Stunde laufen muss, kann das schon zu erheblichen Problemen führen. Dass es "lebensgefährlich" ist, halte ich aber dann doch für eine Überspitzung.

Sie sehen die Rennen in Doha also nicht nur wegen der äußeren Umstände kritisch?

Nein, auch wegen des Zeitpunkts. Marathon um Mitternacht zu laufen, halte ich für völlig verfehlt. Denn alle Athleten müssen um diese ungewöhnliche Zeit ihren Hochleistungszenit erreichen - und es ist illusorisch zu glauben, dass ein Marathonläufer in einem Hotel seinen Tag-Nacht-Rhythmus so verändern kann, wenn um ihn herum die ganze restliche Mannschaft einen anderen Rhythmus hat. Das geht nicht, muss aber so sein, um die beste Leistung abrufen zu können.

Da bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ähnlich extreme klimatische Verhältnisse wie in Doha herrschen könnten, möchte das IOC die Marathons und das Gehen nach Sapporo verlegen ...

Das ist aus meiner Sicht eine hervorragende Idee.

Nun gab es aber schon früher Wettkämpfe bei großer Hitze ...

Stimmt, etwa in Athen oder Sevilla. Bei der WM in Osaka 2007 herrschte auch eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit - und in Tokio 2020 wird es ähnlich sein. Es ist schon bedenklich, aber man kann zum Glück auch vieles trainieren. Geher Christopher Linke hat sich vor Doha zum Beispiel über viele Wochen in einer überhitzten Kammer aufgehalten und dort trainiert. Insofern hat Linke wirklich das Beste daraus gemacht und mit Platz vier über 20 Kilometer eine großartige Leistung abgeliefert.

Kann man alles simulieren?

Heutzutage schon. Bereits zu DDR-Zeiten gab es ja in Kienbaum eine Höhenkammer. Warum? Weil die DDR einfach nicht das Geld hatte, alle Athleten in die Höhe, etwa nach Mexiko, zu schicken. Heutzutage geht Hindernisläuferin Gesa Krause nach Davos in die Schweiz oder Potchefstroom in Südafrika. Ihr Trainer Wolfgang Heinig, der ein Fuchs ist, kennt sich da gut aus - und es passt. Und warum soll man nicht Trainingslager in den Gegenden durchführen, wo die äußeren Bedingun- gen ähnlich wie am Wettkampfort sind? Die Kenianer und Äthiopier machen das clever. Sie trainieren das ganze Jahr in der "Kälte" Europas und laufen dann in London, Boston oder New York. Sie passen sich der Zeit gemäß gut an. Genauso gut können Europäer in der Nähe des Äquators trainieren und starten.

Die WM in Katar fand in der Hoffnung auf ein milderes Klima auch sehr spät statt. Könnte das knapp neun Monate vor Olympia zum Problem für die Leichtathleten werden?

Das ist natürlich sehr spezifisch, bei einem Werfer anders als bei einem Springer oder Läufer. Als Kurzsprinter trainierst du zum Beispiel das erste Mal auf die Deutsche Meisterschaft hin, um dich überhaupt für den Saisonhöhepunkt zu qualifizieren. Dann musst du das Niveau hochhalten. Und die Schnelligkeit, die Spritzigkeit zu konservieren, ist sehr viel schwieriger als bei einem Langstreckenläufer. Dort sehe ich dann schon Probleme.

Was war aus medizinischer Sicht eigentlich Ihr schwierigster Fall?

Der komplizierteste Fall war Lars Riedel (Anm. d. Redaktion: fünffacher Weltmeister und Olympiasieger im Diskuswerfen). Ich habe ihn erst relativ spät bei mir behandelt - ich glaube, vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Enorme Verschleißerscheinungen im Körper haben ihn sehr beeinträchtigt. Insofern ist es eigentlich unvorstellbar, welche Leistungen er trotz dieser körperlichen Probleme über Jahre gebracht hat.

Etwas vereinfacht gefragt: Wie gesund kann Hochleistungssport sein?

Die Frage, gesunder Hochleistungssport, stellt sich nicht. Dabei möchte ich aber klar hervorheben, dass nicht jeder Hochleistungssport betreiben kann. Das sind Ausnahmeathleten, die bestimmte körperliche Voraussetzungen mitbringen, um in bestimmte Regionen vorzudringen. Und unter medizinischer Kontrolle - damit meine ich natürlich nicht Doping - und Beobachtung lässt sich das zu Leistungen führen, die vor Jahren noch undenkbar waren.

Lassen Sie mich raten: Als ehemaliger 100-Meter-Sprinter denken Sie da zuerst an ...

... Usain Bolt, der im Sprint in Bereiche vorgestoßen ist, von denen wir vor 20 Jahren noch nicht einmal geträumt hätten. Aber auch früher gab es Ausnahmeathleten. Bob Beamon ist schon 1968 in Mexiko 8,90 Meter weit gesprungen. Wie gesagt, ob Leistungssport gesund ist, diese Frage erübrigt sich meiner Meinung nach. Aber man sollte die Möglichkeiten der Medizin nutzen, um prophylaktisch und therapeutisch tätig zu sein, und gut aufpassen, dass es nicht zu Spätfolgen kommt.

Sie waren jahrelang ganz nah dran an den deutschen Leichtathleten. Wie war es, das Geschehen aus der Ferne zu verfolgen? Kam da keine Wehmut auf?

Überhaupt nicht. Es war unglaublich angenehm, dass ich das am Bildschirm verfolgen konnte. Was mich aber sehr geärgert hat, war die Meinung von Einzelnen, zum Beispiel von Co-Kommentator Frank Busemann, der sagt, "dass es nicht unser Anspruch sein kann, dass wir mit zehn Medaillen zurückkommen, sondern dass wir überhaupt dort waren". Das finde ich völlig verkehrt. In einem Land mit einer so großen Sporttradition sollten Medaillen doch das Salz in der Suppe sein. Athleten, die ihre Leistung nicht gebracht haben, sollen das klar sagen - wie es Speerwerfer Thomas Röhler, der als Olympiasieger in der Qualifikation ausgeschieden ist, auch getan hat. Die Athleten wollen doch ihr Land international so gut wie möglich repräsentieren. Und das Erreichen der persönlichen Bestleistung muss auch das Ziel aller, egal, ob Athlet, Trainer, Mediziner oder Verband, sein. Nur sollte das zukünftig besser honoriert werden - ideell, aber auch finanziell.

Zur Person

Knud Leonhardt ist 61 Jahre alt und wurde in Ehrenfriedersdorf geboren. Der ehemalige Kurzsprinter wohnt in Schwarzenberg, wo er in seiner eigenen Praxis als Facharzt für Orthopädie arbeitet.

Als Sportmediziner betreute der zweifache Vater die deutschen Leichtathleten bei mehreren Welt- und Europameisterschaften sowie bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012. Darüber hinaus war Leonhardt bei vielen regionalen, nationalen und internationalen Wettkämpfen, auch im Nachwuchsbereich, im Einsatz. Seit 2008 war er verantwortlicher Arzt im Wurfteam des DLV. Aktuell ist er auch Vertragsarzt am Olympiastützpunkt Sachsen.

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