Leichtathletik-DM: Läufer Hendel nutzt die Gunst der Stunde

Gold, Silber und Bronze: Medaillen in jeder Farbe bringen die Asse aus der Region mit nach Hause. Die Freude darüber fiel aber unterschiedlich aus, weil sich in Nürnberg auch nicht alle Wünsche erfüllten.

Nürnberg.

Etwa 130 Frauen und Männer sollen die deutschen Farben bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin (6. bis 12. August) vertreten. Es wäre das bisher größte schwarz-rot-goldene EM-Team überhaupt. Ob die Größe auch für Qualität bürgt, sei dahingestellt. Bei den 118. Deutschen Meisterschaften am Wochenende in Nürnberg hielten sich die Ausschläge nach oben noch in Grenzen. Das gilt auch für die Asse aus der Region, deren Leistungen durchaus ausbaufähig sind, die aber auch für einige äußerst positive Überraschungen sorgten.

Nichts anderes ist etwa der Sieg von Sebastian Hendel über 5000 Meter. Er war vor Nürnberg schon über 10.000 Meter zu Meisterehren gekommen. "Wenn mir das jemand vor der Saison gesagt hätte, dem hätte ich einen Vogel gezeigt. Zweifacher Meister, das hätte ich ihm nie abgekauft", meinte der Langstreckenspezialist von der LG Vogtland nach seinem neuerlichen Überraschungscoup. Im Schlussspurt ließ der 22-jährige Reichenbacher der Konkurrenz keine Chance und lief mit hoch erhobenen Armen jubelnd ins Ziel. "Das hat er hintenheraus spitze gelöst", freute sich Trainer und Vater Udo Hendel.

Der Junior wird - wenn nichts dazwischenkommt - in Berlin über 10.000 Meter am Start stehen. Und möglicherweise ist Sebastian Hendels Frau Kristina ebenfalls mit von der Partie. Allerdings muss sich die für Kroatien startende Hindernisläuferin am Mittwoch im schwedischen Karlstad erst noch für die EM qualifizieren. "Das ist ihre letzte Chance", meinte der Vogtländer, der im Max-Morlock-Stadion die Gunst der Stunde nach einem taktisch geprägten Rennen entschlossen nutzte.

In seiner Konzentration ließ er sich auch nicht davon beirren, dass Philipp Pflieger einen EM-Doppelstart über 10.000 Meter und im Marathon beim Deutschen Leichtathletik-Verband einklagen will. Am Dienstag fällt das Landgericht Darmstadt dazu ein Urteil. Bekommt Philipp Pflieger recht, könnte Sebastian Hendel den EM-Startplatz verlieren. "Damit beschäftige ich mich nicht, ich konzentriere mich auf die EM", kommentierte der Sachse das Thema.

Von der Heim-EM konnte Marvin Schlegel allenfalls träumen. Gestern ist der Traum für den 400-Meter-Läufer wohl wahr geworden. Mit 45,95 Sekunden blieb der viertplatzierte 20-Jährige erstmals unter der 46-Minuten-Grenze und dürfte sich damit einen Staffelplatz erkämpft haben. "Der Plan war, vorne voll draufzugehen und es dann hinten heraus zu halten. Es war ein Kampf bis zum letzten Meter", freute sich der Chemnitzer, während unweit von ihm ein Vereinskamerad nach Hop-Step-Jump zu Bronze im Dreisprung flog. Benjamin Bauer nutzte die Gunst der Stunde und sicherte sich mit 15,78 Metern Platz drei.

Somit stand am Ende doch noch ein LAC-Athlet auf dem Podest - trotz des Ausscheidens von Max Heß. Nach dem vierten Versuch kreuzte er die Hände und bedeutete Trainer Harry Marusch das Aus. "Eine Sicherheitsmaßnahme, im Beuger hat es etwas gekrampft. Da wollte ich im Hinblick auf Berlin kein Risiko eingehen", begründete der entthronte Meister vom LAC Chemnitz und gab hinsichtlich der EM Entwarnung: "Das Projekt Titelverteidigung steht nach wie vor."

Ihren Titel nicht verteidigen konnte auch Kristin Gierisch. Neele Eckhardt (Göttingen) hatte bei der "Regenschlacht" an der Dreisprunggrube die Nase mit 14,21 Meter von. Die unterlegene Chemnitzerin, die 14,15 Meter schaffte, konnte aber damit leben: "Ich wollte gewinnen, klar, aber heute ist vor allem technisch zu vieles schiefgelaufen. Doch ich bin deswegen nicht super frustriert, denn Neele und ich sind gut miteinander befreundet - und sie war stark", sagte die Halleneuropameisterin. Harry Marusch hatte an Platz zwei mehr zu knabbern, aber in einem Fakt stimmte er mit seiner Athletin überein. "Immer, wenn sie Zweite bei den Deutschen geworden ist, liefen die internationalen Meisterschaften supergut", sagte er.

Das könnte auch das Motto für Rebekka Hasse sein, die am Sonntag über 200 wie zuvor auch über 100 Meter Rang drei belegte. In 23,12 Sekunden kam sie hinter Laura Müller (23,11) und Jessica-Bianca Wessolly (22,89) ins Ziel. "Ich habe alles rausgehauen und bin froh, dass ich die EM-Norm auch über dieser Strecke endlich abgehakt habe", meinte die Sprinterin vom LV Erzgebirge, die für die Staffel bereits nominiert ist. Ob Rebekka Haase auch eine Einsatzchance im Einzel erhält, steht erst am Mittwoch endgültig fest.

Diskushüne hadert und hofft - Youngster düpiert Routinier

Robert Harting (Foto) muss noch ein paar Tage zittern, erst am Mittwoch gibt der Deutsche Leichtathletik-Verband die letzten EM-Starter bekannt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der 33-jährige Diskushüne seinen letzten großen Wettkampf in seiner Heimatstadt Berlin bestreiten kann, ist jedoch hoch. "Das Trainerteam wird Robert Harting zur Nominierung vorschlagen", sagte Chefbundestrainer Idriss Gonschinska.

Im Max-Morlock-Stadion von Nürnberg hatte Harting (63,92 m) Platz drei hinter seinem Bruder Christoph (66,98 m) und Daniel Jasinski (64,82) belegt. "Das war nicht überzeugend von mir. Ich bin besser, als ich heute gezeigt habe", haderte der Olympiasieger nach dem Wettkampf mit sich. Diesen beschloss Martin Wierig (63,72) als Vierter, indes hat der Magdeburger mit 66,98 Metern in dieser Saison bereits deutlich weiter als Robert Harting geworfen. Für den dreifachen Weltmeister spricht wiederum, dass er sich im direkten Duell behauptet hat. Es bleibt spannend.

Einen Überraschungssieger gab es im Sprint der Männer über 100 Meter, wo der junge Wetzlarer Kevin Kranz (Foto) in 10,28 Sekunden den Titelverteidiger Julian Reus (10,32) düpierte. Der 30-Jährige aus Erfurt hatte zuletzt fünf Mal in Folge triumphiert, jetzt musste er sich dem zehn Jahre jüngeren Gegner beugen. "Dass ich hier den Titel geholt habe, kann ich noch gar nicht fassen", freute sich Kranz. (tt)

Fix und fertig vor Glück

Hürdensprinterin Franziska Hofmann erkämpft bereits ihre vierte Bronzemedaille und darf jetzt auf ihren zweiten EM-Start hoffen.

Franziska Hofmann war fix und fertig, aber unglaublich glücklich. Erst fiel die Hürdensprinterin ihrem Freund Max strahlend in die Arme, dann herzte sie Thomas Schönlebe und meinte: "Ich bin komplett am Ende, völlig durch. Ich wollte unbedingt vor Nadine Hildebrand einkommen - und es ist geschafft. Wenn es jetzt nicht für die EM reicht, dann weiß ich es auch nicht", sagte die 24-Jährige, die in Nürnberg ihre fünfte Medaille bei Deutschen Meisterschaften gewann. Einmal war sie im Freien über 100 Meter Hürden zu Silber gesprintet, schon viermal gab es Bronze für die Athletin vom LAC Chemnitz. "Mit Bronze klappt es irgendwie immer", meinte die aus Kriebethal stammende Blondine und lachte.

"Das schafft sie, Franziska ist eine Kämpferin", hatte LAC-Geschäftsführer Thomas Schönlebe, 1987 Weltmeister über 400 Meter, vor Nürnberg im Brustton der Überzeugung gesagt. Gemeint hatte er die Qualifikation für die EM in Berlin. Für den Saisonhöhepunkt waren Europameisterin Cindy Roleder (Halle) und die WM-Dritte Pamela Dutkiewicz (Wattenscheid) bereits nominiert. Zwei weitere Plätze - Deutschland stellt die Titelverteidigerin und darf vier Starterinnen nominieren - müssen jetzt noch vergeben werden. Hofmann (13,10 Sekunden) hat nach Platz drei hinter Dutkiewicz (12,69) und Ricarda Lobe (Mannheim/13,06) sehr gute Karten. Denn Nadine Hildebrand, die wohl größte Kontrahentin der Sächsin um die EM-Fahrkarte, kam am Sonnabend in 13,17 Sekunden nur auf Rang fünf ein. Im Vorjahr hatte die Sindelfingerin bei der Nominierung für die WM in London noch den Vorzug vor Hofmann erhalten. "Das war ja schon damals eine Farce", meinte die EM-Halbfinalistin von 2014, die im Vorlauf noch mächtig gewackelt hatte.

Der Start missglückte ihr. "Da habe ich total gepennt", gab sie zu. Aber auch hier zeigte Hofmann ihre Qualitäten und zog mit "viel Kampf und Krampf" ins Finale ein. Dort fehlte die im Vorlauf wegen eines Fehlstarts disqualifizierte Roleder, weshalb der Weg für die Meisterschaftsrekord laufende Dutkiewicz frei war. Dahinter "prügelten" sich die anderen um die Plätze, wobei Hildebrand auf Bahn sieben und Hofmann auf Bahn acht unmittelbar nebeneinander liefen. "Das hat mich nicht gestört, eher gepusht", sagte der Schützling von Jörg Möckel. Zu ihm war Franziska Hofmann im letzten Herbst gewechselt. In die Wege geleitet hatte dies noch ihr langjähriger Coach Jörg Bretschneider, der wegen beruflichen Verpflichtungen als Trainer kürzer treten muss. "Am Anfang war es etwas schwierig, aber dann haben wir den Trainingsplan individueller auf mich abgestimmt - und es hat funktioniert", meinte Franziska Hofmann - immer noch strahlend.

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