Leichtathletik-EM: Mateusz Przybylko und Malaika Mihambo holen Gold

Mateusz Przybylko holt mit einer makellosen Serie EM-Gold im Hochsprung und läuft dabei auch mental zur Hochform auf. Dabei rennt er gar nicht so gern, seine Fußball-Brüder schon.

Berlin.

In Birmingham, nach dem Gewinn von Bronze bei der Hallen-Weltmeisterschaft, durfte er nicht. In Berlin, nachdem sich Mateusz Przybylko zum EM-Titel im Hochsprung aufgeschwungen hatte, ließ er sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen. "Diesen Traum vom Gewinn einer Goldmedaille hatte ich schon ewig. Und immer schon wollte ich eine Ehrenrunde mit der Fahne laufen", sagte der 26-Jährige, den die 60.500 Zuschauer enthusiastisch feierten. "Ich hatte während des Wettkampfes die ganze Zeit Gänsehaut und bin auch jetzt noch ganz hibbelig, Aber ich glaube, ich habe dem Publikum eine geile Show geboten", meinte der neue Champion und strahlte über das ganze Gesicht.

In der Tat riss der junge Mann vom TSV Bayer Leverkusen die Menschen im Olympiastadion von den Sitzen, wenn er sich über die Latte schlängelte. Bis 2,35 Meter meisterte Mateusz Przybylko jede Höhe im ersten Versuch und gewann damit vor dem Weißrussen Maxim Nedasekau, der 2,33 Meter überquerte. Erst am neuen deutschen Rekord von 2,38 Metern scheiterte der sympathische Blondschopf und beließ es bei einem Anlauf. "Ich bin bis dahin jeden Sprung mit 200 Prozent angegangen, dann war die Luft raus", entschuldigte sich der Sieger fast ein bisschen.

Den deutschen Rekord hält Carlo Thränhardt mit 2,37 Metern. Diese Berstmarke steht ebenfalls auf der Liste von Mateusz Przybylko. "Das ist machbar", sagte er selbstbewusst, nachdem er die Ehrenrunde in vollen Zügen genossen hatte. Dabei rennt der Sportsoldat, der beim anschließenden Fernsehinterview prompt einen Krampf bekam, gar nicht so gern. Jedenfalls viel weniger gern als seine zwei Brüder, von denen Kacper in der Zweiten Fußball-Bundesliga zuletzt für den 1. FC Kaiserslautern spielte und derzeit auf Vereinssuche ist. Jacub kickt in der Oberliga bei Turu Düsseldorf. "Meine Brüder waren immer so auf den Ball fixiert, ich dagegen war eher verträumt und bin nicht so gern gelaufen", erzählte der gebürtige Bielefelder, dessen Eltern aus Polen stammen. Auch für dieses Land hätte er starten können. Überlegungen dazu gab es. "Ja, aber das hat sich erledigt. Ich bin jetzt stolzer Deutscher" sagte Mateusz Przybylko entschieden.

Stolz und stark im Wettkampf, auch wenn er seine Aufgeregtheit nur schwer in Zaum halten konnte. "Ich war zwei Tage vor der Qualifikation nervös, in der Qualifikation nervös, vor und im Wettkampf, weil ich das Ding nicht vergeigen wollte", berichtete der 1,95 Meter große und 70 Kilogramm schwere Hochspringer von seinem aufgewühlten Inneren. Der zweifache Deutsche Meister bekam es mit einem kleinen mentalen Trick in den Griff. "Ja", erklärte er mit einem Grinsen, "ich habe immer wieder an Bottrop gedacht, wo ich im vergangenen Jahr die 2,35 Meter gesprungen bin. Ich habe mir gesagt. Das hier ist wie in Bottrop und es war wie in Bottrop - nur besser."

Nach Bottrop und Berlin kommt jetzt Bali. Dort, auf der Ferieninsel, möchte Mateusz Przybylko mit seiner Freundin den Urlaub nach der Saison verbringen. Die Berlin-Bilder wird er dann aber immer noch im Kopf haben. "Momentan kann ich sagen: Es war ein perfekter Wettkampf", meinte der Schützling von Trainer Hans-Jörg Thomaskamp. Zusammen wollen die beiden einmal ihre Karriere beenden. Aber das hat noch Zeit, denn Mateusz Przybylko auch noch einiges vor. "Der deutsche Rekord reizt sehr", sagte er mit heißerer Stimme. Unmittelbar nachdem Gold festgestanden hatte und er weinend in die Knie gegangen war, schrie er seine Freude laut heraus. "Die Zuschauer haben mich unglaublich beflügelt. Ich habe fast keine Stimme mehr." Aber noch Luft nach oben.

Malaika Mihambo: Pop statt Klassik vor dem Wettkampf

Die zweite große Leidenschaft von Malaika Mihambo neben dem Sport ist klassische Musik. In Berlin hörte die Europameisterin im Weitsprung vor dem Wettkampf zur Aufmunterung allerdings Pop statt Chopin. "Klassik ist zu ruhig", sagt die 24-Jährige, die sogar selbst komponiert und mit einem Klavierstück an der Musikschule einen ersten Preis gewonnen hat.

Im Olympiastadion setzte sich die Tochter einer Deutschen, der Vater stammt aus Sansibar, knapp mit 6,75 Metern vor Marina Bech aus der Ukraine, die auf 6,73 Meter kam, durch. EM-Bronze gewann die Britin Shara Proctor mit 6,70 Metern. "Das ist nicht optimal gelaufen. Ich konnte erst gut springen, als ich kontern musste", sagte Malaika Mihambo. Die Siegweite schaffte sie mit dem Rücken zur Wand. Als vor dem dritten Sprung das Aus für den Endkampf drohte, drehte die langbeinige Athletin auf. "Aber am Ende zählt nur der Titel", meinte sie glücklich.

Für die Studentin (Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre) ist es nach WM-Bronze 2016 in Amsterdam der bisher größte Erfolg ihrer Karriere. Die verfolgt die bodenständige junge Frau seit Jahren bei einem eher kleinen Verein - der LG Kurpfalz. "Ich habe dort alles, was ich brauche", erzählt Malaika Mihambo. Sie schätzt Beständigkeit. Seit ihrem zehnten Lebensjahr wird sie von Ralf Weber, trainiert. "Ehrenamtlich, das ist nicht selbstverständlich", unterstreicht sie. Hauptberuflich arbeitet ihr Coach als Lehrer.

Heike Drechsler war 1998 in Budapest die letzte Deutsche, die den EM-Titel im Weitsprung gewinnen konnte. Die 53-jährige Thüringerin ist in Berlin ganz nahe dran am Geschehen, als Kampfrichterin harkt sie den Sand in der Weitsprunggrube glatt. "Gartenarbeit liegt mir eben", sagt Drechsler lachend. Als Kampfrichterin will sie auch zu den nächsten Olympischen Spielen.

In Tokio 2020 könnte auch Malaika Mihambo wieder dabei sein. Das Potenzial dazu hat die gebürtige Heidelbergerin, die 2017 wegen eines Knochenödems im Fuß jedoch um die Fortsetzung ihrer Karriere bangen musste. Doch die Olympiavierte von Rio de Janeiro schaffte das Comeback und steht jetzt bei einer Bestleistung von 6,99 Metern. (tt)

Kommentar: Nicht zu lange feiern

Die Feste soll man feiern wie sie fallen - das hat die europäische Leichtathletik in Berlin getan. "Gänsehautgefühl" wurde dieser Tage zum geflügelten Wort. Fast jeder deutsche Athlet benutzte es, um die Atmosphäre im Olympiastadion zu beschreiben. So macht Leichtathletik Spaß, trotz Mess-Pannen oder undurchsichtiger Kampfrichterentscheidungen. Der Funke zum Publikum und umgekehrt sprang über. Im Stadion und inmitten der Hauptstadt, wo zu Füßen der Gedächtniskirche die Siegerehrungen stattfanden oder die Geher und Marathonis ihre Start-Ziel-Bühne bekamen, herrschte eine begeisterte, aber auch sensible Stimmung. Sieger wurden ausgiebig gefeiert, Verlierer mit Respekt bedacht, Emotionen glaubhaft transportiert.

Bleibt die Frage, wo die deutsche Leichtathletik steht? In Europa gehört sie weiter zur Spitze. Starke Werfer und Mehrkämpfer, wieder erstarkte Springer und zwei, drei läuferische Ausnahmererscheinungen sorgen dafür. Dabei sei einmal dahingestellt, ob eine Mannschaft fast 130 Athleten an den Start bringen muss. Fakt ist aber auch, dass das Bild nächstes Jahr bei der WM im Wüstenstaat Katar ein ganz anderes sein wird, wenn etwa die US-Amerikaner oder Afrikaner wieder mitmischen. Die deutschen Asse, die derzeit in der Weltbestenliste unter den ersten drei zu finden sind, kann man fast an einer Hand abzählen. Vier von sechs werfen den Speer (Vetter, Hofmann, Röhler, Hussong) , dazu kommen Kugelstoßerin Schwanitz und Zehnkämpfer Abele. Wer denkt, Doha 2019 ist noch weit, der irrt. Die EM in Berlin war ein Fest, aber die deutschen Leichtathleten sollten nicht zu lange feiern. Schon viele sind nach einer großen Party mit einem Kater aufgewacht.

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