Leichtathletik-WM 2019: Die Suche nach der Lichtgestalt

Sprintass Usain Bolt fehlt erstmals seit dem Jahr 2005 bei einer Weltmeisterschaft. Vor Doha lautet jetzt die große Frage: Ist ein neuer Star in Sicht? Eine deutsche Goldfavoritin sagt "nein". Zwei Athleten aus der Region wollen zumindest für positive Schlagzeilen sorgen.

Doha.

Keine Faxen am Start, keine Show nach Siegen - und auch kein Weltrekord-Blitz im tosenden Stadion mehr: Seit Supersprinter Usain Bolt seine Sportlerrente auf Jamaika genießt, fehlt der Welt-Leichtathletik die Lichtgestalt. Tolle Typen, die Millionen in ihren Bann ziehen und auch Dollar-Millionen garantieren, könnte die olympische Kernsportart dringend brauchen. Die bevorstehenden Weltmeisterschaften in Doha sind die ersten globalen Titelkämpfe seit 2003 ohne Bolt. Und nicht nur die Fans sind gespannt: Wer wird der neue Superstar der Leichtathletik?

Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler sieht keinen Grund zur Sorge. "Die Stadien sind in diesem Jahr auch ohne Usain voll gewesen", sagte der Thüringer. "Ich begrüße die aktuelle Taktik, in der Vermarktung auf mehr Pferde zu setzen. Davon lebt doch unsere Sportart, die vom Kern aus nun mal aus sehr vielen Disziplinen besteht und so viele verschiedene Charaktere hat", sagte der 27 Jahre alte Athletensprecher des Weltverbandes IAAF.

Doch Sprinter sind nun mal die Attraktion, ein 100-Meter-Finale ist das Highlight bei Olympia oder einer WM. Doch nach der Ära Bolt, der 2017 aufgehört hat, haben es seine Erben schwer. Kann ein Christian Coleman aus dem Schatten des Weltrekordlers, achtmaligen Olympiasiegers und elfmaligen Weltmeisters treten? Taugt der 23 Jahre alte US-Amerikaner schon zum Star? Schnelle Beine, forsche Töne - für Schlagzeilen hat Coleman in diesem Jahr schon reichlich gesorgt.

Auch für negative. Nach drei verpassten Dopingkontrollen ("Missed tests") drohte dem Mann aus Atlanta eine Sperre. Doch Coleman hat gute Anwälte. Die Anti-Doping-Agentur der USA zog ihre Anklage zurück. Bei einer Verurteilung hätte dem schnellsten Mann dieses Jahres (9,81 Sekunden) eine Sperre von bis zu zwei Jahren gedroht.

Wird Coleman mal der neue Bolt? Das hat der einen Kopf kleinere Amerikaner gar nicht vor. "Ich will nicht Usain Bolt sein. Ich will auch nicht irgendjemand anderes sein. Ich will die beste Version von Christian Coleman sein", sagte der Hallenweltmeister.

"Der Sprint wurde ja immer sehr gehypt. Jetzt gilt es, neue Gesichter zu finden, die für mehr stehen als nur für den sportlichen Erfolg", sagte Weitspringerin Malaika Mihambo. Der 25 Jahre alten Europameisterin trauen viele WM-Gold zu. Einen neuen Star am Firnament sieht sie derzeit nicht. "Bolt hat ja ausgezeichnet, dass er über viele Jahre hinweg so gut war", meinte Mihambo. "Da gibt es wenige, die in ihren Disziplinen so dominieren."

Noah Lyles, Colemans Landsmann und Rivale über 200 Meter, tastet sich ebenso an den Weltrekord heran wie der Norweger Karsten Warholm über 400 Meter Hürden. Stabhochsprung-Europameister Armand Duplantis (19) könnte mal einer werden: Schon als Teenager hat der Schwede die sechs Meter im Griff.

Und bei den Frauen? Eine Überfliegerin wie Jelena Issinbajewa, die Stabartistin und Weltrekordsammlerin aus Moskau, hat längst aufgehört. Caster Semenya wäre eine - aber die zweimalige Olympiasiegerin aus Südafrika will lieber Fußball spielen, da sie ihren WM-Titel über 800 Meter in Doha nicht verteidigen kann. Eine umstrittene IAAF-Regel würde sie zwingen, ihren genetisch bedingt erhöhten Testosteronspiegel durch Hormoneinnahme zu senken. Das lehnt sie strikt ab.dpa

Medaillenhoffnung vom LV Erzgebirge - Debütant vom LAC

Christina Schwanitz nimmt bereits ihre sechste Weltmeisterschaft in Angriff. 2005 in Helsinki (Rang neun) ließ sie das erste Mal beim Championat der Leichtathleten die Kugel fliegen. Danach folgten 2009 Berlin (Rang zwölf), 2011 Daegu (Rang zwölf), 2013 Moskau (Silber) und 2015 in Peking feierte die Sächsin mit Gold ihren bisher größten sportlichen Erfolg. In Doha wäre die 33-Jährige mit einer erneuten Medaille glücklich. "Ich denke, vier, fünf Mädels werden sich um Silber und Bronze schlagen - dazu möchte ich gehören." Favoritin ist Lijiao Gong (China).

Die Mutter von Zwillingen, die mit Ehemann Tomas, Sohn und Tochter in Chemnitz lebt, studiert in Mittweida Soziale Arbeit und wird seit Jahren erfolgreich von Sven Lang betreut. Er führte die Sportsoldatin, die am 2. (Quali) und am 3. Oktober (Finale) Farbe bekennen muss, u. a. zu zwei EM-Titeln und mehreren Deutschen Meisterschaften. Ihre ersten sportlichen Schritte unternahm sie beim Hetzdorfer SV. Christina Schwanitz startet für den LV 90 Erzgebirge.

Weltbestenliste: 1. Gong (China) 20,31 m, 2. Ealey (USA) 19,68 m,

3. Thomas-Dodd (Jamaika) 19,55 m, ...5. Schwanitz 19,37 m.

Marvin Schlegel feiert im Wüstenstaat seine WM-Premiere in der 4x-400-Meter-Mixedstaffel, die ebenfalls zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Sechs Läufer/innen hat der DLV nominiert. Wer letztendlich einen Startplatz erhält, entscheidet sich kurzfristig. "Ich hoffe natürlich, dass ich beide Rennen machen kann", sagt der Zweite der Deutschen Meisterschaften über

400 Meter. Um das Finale am Sonntag (29. September) zu erreichen, müssen der 21-Jährige und seine Teamkameraden aber erst einmal den Vorlauf am Sonnabend (28. September) überstehen. An Motivation mangelt es nicht: "Wir sind heiß darauf, ein geiles Ding zu zeigen", blickt Schlegel voraus.

Mit Staffel-Gold bei der U23-EM feierte der Polizeimeisteranwärter 2019 seinen bisher größten sportlichen Erfolg. Trainiert wird der gebürtige Frankenberger, der beim SV Einheit Bräunsdorf mit der Leichtathletik begann, von Jörg Möckel. Freundin Lilly war früher selbst Mittelstrecklerin. Marvin Schlegel startet für den LAC Erdgas Chemnitz.

Weltbestenliste: 1. Polen 3:15,46 min, 2. Bahrein 3:15,75, 3. USA 3:16,01, ... 8. Deutschland 3:16,85.

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