Leichtathletik-WM: Kämpferin Krause ist guten Mutes

Die Frankfurterin ist über 3000 Meter Hindernis die erste Medaillenhoffnung der deutschen Leichtathleten. Exemplarisch für die Natur von Gesa Krause steht ein WM-Rennen, das mit Tränen endete.

Doha.

Da stand die Frau, 1,67 Meter groß und 50 Kilogramm schwer, nun vor den deutschen Journalisten und bat erst einmal um eine Jacke. Es war frisch und zugig in der Mixedzone des Khalifa-Stadions - und eine Erkältung wollte Gesa Krause nach dem souveränen Auftritt im Vorlauf über 3000 Meter Hindernis auf gar keinen Fall riskieren. Dafür ist sie zu sehr Profi. Also mummelte sich die 27-Jährige erst einmal ein. Wesentlich kompakter wirkte sie mit der gereichten Trainingsjacke allerdings nicht. Doch der Eindruck, dass die zierliche Athletin womöglich nicht stark genug ist, täuscht.

Krause, die am Montagabend (20.50 Uhr/MEZ) in Doha ihr Finale bestreitet, ist eine große Kämpferin. Exemplarisch für ihre Natur steht ausgerechnet ein Rennen, welches mit Tränen endete. Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in London stürzte die Medaillenkandidatin von Silvesterlauf Trier nach einer Karambolage mit einer Kenianerin unverschuldet. Krause rappelte sich jedoch auf und überquerte unter Schmerzen die Ziellinie noch als Neunte. Diese Willensleistung und vor allem, dass sie sich nach dem für sie deprimierenden Finale weder vor den Medien versteckte, noch die Schuld bei der Sturzverursacherin suchte, brachten ihr viele Sympathien ein. Die Sportsoldatin wurde zur "Leichtathletin des Jahres" gewählt und als "Sportlerin mit Herz" geehrt.

Was ihr diese Auszeichnungen tatsächlich bedeuten, sei einmal dahingestellt. Fakt ist, dass Krause in der Folge immer wieder betonte, dass sie das Pech von London stärker gemacht hat. Das drückt sich auf der Tartanbahn aus, auf der sie 2018 in Berlin ihren zweiten EM-Titel holte, aber auch in puncto Selbstbewusstsein. Gefragt nach ihren Chancen für den Endlauf, meint die WM-Dritte von Peking 2015: "Ich bin guten Mutes." Dass mehrere Kontrahentinnen schon schneller gelaufen sind, nimmt sie als Ansporn. "Das Niveau ist unglaublich hoch. Sechs, sieben Mädels haben schnellere Bestzeiten, die zwischen 8:45 und 9:05 Minuten liegen. Dann komme ich mit meiner 9:07", sagt Krause und schiebt lächelnd nach: "Demnach muss ich schneller laufen, mich weiter nach vorn kämpfen."

Eine simpler Plan, hinter dem sehr viel harte Arbeit steckt. Seit vergangenem Oktober war die mehrfache Deutsche Meisterin fünfmal im Höhentrainingslager. Für den Saisonhöhepunkt in Katar wollten sich Krause und ihr langjähriger Trainer Wolfgang Heinig eigentlich vier Wochen lang im schweizerischen Davos vorbereiten. Doch das Wetter spielte nicht mit. "Eine Woche war richtig schlecht: 4 Grad, Regen und irgendwann kam auch Schnee. Da bin ich kurzerhand abgereist und habe mich in Südafrika in Potschefstroom weiter vorbereitet", erzählt die ehrgeizige Hindernisläuferin, die in Frankfurt (Main) zu Hause ist. Wenn sie denn zu Hause ist. Bereits zwei Wochen nach der WM in Doha, in denen Urlaub mit ihrem Freund ansteht, geht es wieder in die Höhe nach Boulder in die Rocky Mountains.

Der gebürtige Torgauer Heinig, der mit der ehemaligen Klasselangstrecklerin Katrin-Dörre Heinig verheiratet ist, und Krause arbeiten bereits seit 2008 zusammen. Damals erkannte der inzwischen 68-jährige Coach bereits das Talent der in Ehringshausen gebürtigen jungen Dame. "Ohne ihn wäre ich niemals da, wo ich jetzt bin", sagt die Olympiasechste von 2016, die sich in der aktuellen Saison zunächst schwertat. "Ich bin zwar ohne Verletzung und Krankheit durch die Vorbereitung gekommen, zu Jahresbeginn blieben die großen Sprünge jedoch noch aus. Aber im Sport muss man manchmal auch geduldig sein", sagt die deutsche Rekordhalterin. Ihre eigene Bestmarke steigerte sie im August beim Diamond-League-Meeting in Zürich auf 9:07,51 Minuten. Beim Berliner Stadionfest Istaf ließ sie noch einen neuen Weltrekord über die selten gelaufenen 2000 Meter Hindernis folgen.

Am Montagabend ist die Strecke im auf ca. 25 Grad heruntergekühlten Khalifa-Stadion 1000 Meter länger. Topfavoritinnen sind Weltrekordlerin Beatrice Chepkoech und ihre kenianische Landsfrau Hyvin Kiyeng. Doch wer Gesa Krause unterschätzt, der täuscht sich.


"Das ist noch eine ganz andere Welt" 

Der Chemnitzer Marvin Schlegel über das Scheitern der Mixed-Staffel, die Enttäuschung und die Stellschrauben 

Die WM-Premiere von Marvin Schlegel (21) in der Mixed-Staffel ging richtig daneben. Im Vorlauf kam das deutsche Quartett mit dem Startläufer vom LAC nicht über Platz sieben hinaus. Einen Tag nach dem Rennen, in dem die USA-Staffel mit 3:12,42 Minuten einen Weltrekord aufstellte, sprach Thomas Treptow mit Marvin Schlegel.

Freie Presse: Sie konnten eine Nacht über die Enttäuschung schlafen. Geht es Ihnen jetzt besser?

Marvin Schlegel: Die Enttäuschung hat sich gelegt, ist aber immer noch nicht weg. Wir hätten uns natürlich gewünscht, dass wir ins Finale kommen und die Olympiaqualifikation direkt schaffen. Das war unser klares Ziel, welches wir nicht leugnen können. Jetzt müssen wie schauen, woran es gelegen hat und wie sich jeder Einzelne im Hinblick auf nächstes Jahr verbessern kann.

Woran denken Sie da in erster Linie?

Es gibt nicht nur den einen Punkt sondern mehrere Stellschrauben, an den wir drehen müssen. Bei den Jungs sind das zum Beispiel die Verbesserung der Grundschnelligkeit und mehr Schnelligkeitsausdauer.

Wie schätzen Sie Ihr Rennen ein?

Ich bin kurzfristig eingesprungen, eigentlich sollte ich erst im Finale laufen. Doch Tobias Lange hat eine Magen-Darm-Erkrankung bekommen. Trotzdem war ich fokussiert. Ich muss aber zugeben, dass es auf diesem Niveau einfach noch eine andere Klasse ist. Bei der U-23-EM haben wir es mit Staffelgold gut hingekriegt. Jetzt mussten wir hier erkennen, dass das noch eine ganz andere Welt ist. Um in ihr zu bestehen, müssen wir noch viel arbeiten.

Sie sind aber eine junge Truppe. Da ist noch Luft nach oben ...

Aus diesem Sichtwinkel betrachtet definitiv. Aber zu einer WM reist man halt trotzdem mit einem Ziel, und nicht, um hier nur einmal mitzurennen. Aber klar, wir sind jung und haben noch ein paar Jährchen vor uns. Und trotz Doha dürfen wir auch nicht vergessen, dass es für uns eine erfolgreiche Saison war - vor allem für die U-23-Athleten.

Waren Sie vor Ihrer WM-Premiere sehr aufgeregt?

Ich denke, da ist jeder relativ aufgeregt. Aber es war nicht so außergewöhnlich, dass es mich behindert hätte.

Sie arbeiten auch deswegen mit einer Psychologin zusammen. Das hat also etwas gebracht?

Im Verlauf der ganzen Saison bin ich definitiv stabiler geworden. Ich habe das auch bei den Deutschen Meisterschaften und der U-23-EM gemerkt, dass ich nicht mehr so leicht aus dem Konzept komme. Das ist ein wichtiger Schritt. Den Weg werden wir weitergehen.

Wie haben Sie die klimatischen Verhältnisse im Khalifa-Stadion empfunden?

Das war okay, das hatte ich mir deutlich schlimmer vorgestellt. Die haben das sehr gut hinbekommen, weder zu kalt noch zu warm. Auch der Wind von den Gebläsen war im Rahmen, etwa wie bei einem Outdoorwettkampf.

Die Saison war lang, steht jetzt wenigstens Urlaub an?

Wirklich Urlaub ist das nicht, weil meine Freundin noch zur Berufsschule geht und nicht frei bekommt. Allein in den Urlaub zu fahren, macht ja keinen Sinn. Anfang Dezember steht bei der Landespolizei außerdem die wichtige Zwischenprüfung an, da will ich den Stoff, den ich verpasst habe, nachholen.


WM-Tagebuch: Heiße Nacht 

Surreal bedeutet auch traumhaft oder unwirklich. So habe ich die Atmosphäre beim ersten Mitternachts-Marathon der WM-Geschichte empfunden. Doch es war die Realität. Eine Minute vor Beginn der Geisterstunde schickte Katars Herrscher Scheich Tamim Bin Hamad al-Than die 68 Frauen auf die 42,195 Kilometer. Zu diesem Zeitpunkt zeigte das Thermometer knapp 33 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 73,3 Prozent. Verrückt. Selbst als Zuschauer kam man nach wenigen Minuten ins Schwitzen - ohne sich zu bewegen. Wobei ich zugeben muss, dass mir das schicke, klatschnasse Hemd von Weltverbandspräsident Sebastian Coe irgendwie gefiel.

Die katarischen Ehrengäste schwitzen kaum, allerdings waren die meisten ziemlich fix von der riesigen Tribüne im Start- und Zielbereich verschwunden. Auch auf dem eintönigen Rundkurs an der Waterfront von Doha ließ das Interesse schnell nach. Dabei hätten die tapfer kämpfenden Frauen jeglichen Beifall gut gebrauchen können.

Für viele war es eine Tortur. Die Deutsch-Palästinenserin Mayada Al Sayad, deren Trainer Hans-Jürgen Stephan übrigens ein gebürtiger Sachse ist und aus Riesa stammt, sagte: "Es war schrecklich". Die Läuferinnen schoben sich Eiswürfel unter die Basecaps, schütteten sich literweise Wasser über den Kopf und benutzten gekühlte Handtücher. Trotzdem mussten in der heißen Nacht zum Sonnabend 28 Athletinnen - so viele wie noch nie bei einer WM - vorzeitig aufgeben, entkräftet und auch dehydriert. Einige konnten danach noch selbst laufen, einige wurden im Rollstuhl oder auf der Trage zur medizinischen Betreuung gefahren.

Am besten verkraftete die Kenianerin Ruth Chepngetich die Strapazen, die am Ende einer heißen Nacht sogar noch einen Schlussspurt hinlegte. Verrückt und irgendwie unnötig. So wie ein WM-Marathon um Mitternacht unter solchen Bedingungen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...