Letten wollen weiterhin die Treue halten

Wie bei allen Vereinen herrscht aktuell auch beim Chemnitzer Athletenclub große Unsicherheit. Das betrifft die Absicherung der Betreuung der Heber ebenso wie die Bundesligamannschaft.

Chemnitz.

Normalerweise herrscht im Haus des Gastes in Reichenbrand, dem Domizil des Chemnitzer Athletenclubs (CAC), täglich reger Betrieb. Die Athleten aller Altersklassen trainieren, der Fitness- und Saunabereich ist frequentiert, Kurse für Senioren stehen regelmäßig auf dem Programm. Zudem wird das Objekt für Veranstaltungen der verschiedensten Art sehr gern gebucht: für Familienfeiern, Hochzeiten, Jugendweihen, Abschlussfeiern oder Tagungen. "Doch jetzt herrscht gähnende Leere, alles ist abgesagt. Wir wissen derzeit nicht, wie wir das kompensieren sollen", sagt CAC-Präsident Joachim Kunz. Besonders im Frühjahr hätte man sich sonst finanzielle Reserven für den Erhalt des Hauses und des Vereins aufbauen können, um über den Sommer mit weitaus weniger Buchungen zu kommen. "Es sollte sogar ein bundesweiter Ärztekongress, bei dem es auch um Impfungen gegen Influenza ging, stattfinden", fügte der Olympiasieger von 1988 hinzu. Für die drei Mitarbeiter im Objekt sowie die Trainerstelle musste Kurzarbeit beantragt werden.

Dennoch versuchen die Athleten, sich irgendwie weiter fitzuhalten. Einige haben sich Hantelmaterial ausgeborgt und nutzen beispielsweise in heimatlichen Gefilden Garagen, Terrassen oder Gärten. Spezielle Aufgaben für zu Hause erhielten auch die Nachwuchssportler von ihren Übungsleitern. Olympiakandidaten für Tokio besitzt der CAC derzeit nicht, sodass die Asse auch nicht im Sportforum trainieren können. "Wir haben aber an das sächsische Innenministerium einen Antrag gestellt, ob wenigstens die jungen Bundeskader, die im Herbst noch international starten könnten, bei uns im Objekt trainieren dürfen", berichtet Trainer Andreas Rehwagen. Er verweist darauf, dass die Bedingungen hinsichtlich des geforderten Abstandes, der Sanitäreinrichtungen, des Zuganges oder der Möglichkeit eines zeitlich versetzten Übens gegeben sind. Eine Reaktion gab es bisher noch nicht.

Ungewissheit schwebt so auch über der Bundesliga. Mit Blick auf die neue Saison, die hoffentlich dann wie vorgesehen Ende September beginnt, sind aber erst einmal keine Aktivitäten möglich. Ohne das Wissen um die dann vorhandenen Finanzen bleibt alles nur Spekulation, wie und ob es überhaupt weitergeht. "Wir hatten letztes Jahr gut gewirtschaftet, wollten die Mannschaft aufstocken und noch mehr Gas geben", meint Joachim Kunz. Nach Abbruch der vergangenen Serie, in der nur noch ein Vorrundenkampf gegen Obrigheim ausstand, rangierte der CAC auf dem fünften Rang. "Das Ergebnis ist vollkommen okay, damit hatten wir gerechnet", resümiert Andreas Rehwagen. In der nach einigen Jahren wieder eingleisigen höchsten deutschen Liga hieß es, zu bestehen. Mit den erhofften Erfolgen gegen Durlach, Weinheim, Berlin und Roding gelang dies wie geplant und dank der Hilfe der Gaststarter aus Lettland. Ritvars Suharevs, zudem ein heißer Kandidat für die Olympischen Spiele, avancierte dabei zum überragenden Akteur der gesamten Bundesliga. Mit 196,2 Relativpunkten, die ihm am 29. Februar in Roding gelangen, behauptet der 21-Jährige souverän die Spitze im Vergleich aller Starter.

"Trainer Eduard Andrusievics hatte mir versichert, dass er uns mit seinen Athleten auch weiterhin unterstützen wird. Sie kommen immer gern, fühlen sich wohl bei uns", erzählt Andreas Rehwagen. Bereits seit der Saison 2016/2017 halten die Letten dem CAC die Treue, ließen sich auch von weitaus finanzkräftigeren Clubs nicht abwerben. Sollte wieder Normalität eingezogen sein, würden auch die anderen Akteure, allesamt aus sächsischen Vereinen, weiter zum Aufgebot gehören. Zu einer tollen Verstärkung hatte sich dabei Raphael Friedrich entwickelt. Der 19-Jährige von der TSG Rodewisch, der am Bundesstützpunkt Chemnitz ebenso wie Kapitän Kurt Perthel und Julian Pianski in einer Gruppe bei Petr Hruby trainiert, steuerte mehrfach Bestwerte zu. Darüber hinaus wurde er als einziger deutscher Heber für die Junioren-WM nominiert, befand sich kurz vorher in einer bestechenden Form. Diese Titelkämpfe wurden als eine der ersten wegen der Coronakrise abgesagt.

Auch der zweite Neuzugang, Hagen Janta aus Meißen, zeigte solide Leistungen, wobei er mehrfach wegen Verletzungsproblemen gehandicapt antrat. Aus diesen Gründen konnte auch Kurt Perthel, der sich bei der U-23-EM zwei Medaillen erkämpfte, nicht immer sein Leistungspotenzial ausschöpfen. In bewährter Form Verlass war auf Routinier Hendrik Wetzel, der sich über die Liga erneut auf die internationalen Höhepunkte im Masterbereich vorbereiten wollte. Mit der 15-jährigen Leonie Mercedes Martin erhielt zudem eine hoffnungsvolle junge Heberin zweimal das Vertrauen. "Es bleibt unser Anliegen, vorrangig auf eigene Leute zu bauen und dem Nachwuchs Chancen zu geben", unterstreicht Andreas Rehwagen die Herangehensweise. Doch der 61-Jährige ergänzt auch: "In der aktuellen Situation über die Zukunft zu sprechen, ist wie Kaffeesatzleserei."


"Ich war nah dran an der Qualifikation für Olympia in Tokio" 

Gewichtheber Max Lang (Foto), der seine Laufbahn als 14-Jähriger beim Chemnitzer AC (CAC) begann und bis 2018 für den Verein aktiv war, hätte sich in diesem Jahr seinen großen Traum von Olympia erfüllen können. "Als die Qualifikation eingefroren wurde, lag ich sehr gut im Rennen. Mit einem starken EM-Ergebnis hätte ich alles perfekt machen können", berichtete der 27-Jährige. Doch das kontinentale Championat, das in Moskau geplant war, wurde wie alle weiteren Events wegen der Coronakrise abgesagt oder verlegt.

Den Beschluss, die Sommerspiele auf 2021 zu verschieben, findet auch er völlig in Ordnung. "Natürlich ist das in der jetzigen Zeit eine vernünftige Entscheidung. Es wären keine normalen Spiele geworden", meinte Max Lang und fügte hinzu: "Sicher ist es schade, denn man hatte diese Deadline im Kopf, die Motivation war auf diesen einen Tag angelegt."

Neben dem Leistungsaufbau an den Hanteln kam bei ihm noch eine zusätzliche Begleiterscheinung hinzu. Da die Regularien dahingehend verändert wurden, dass nur noch ein Athlet pro Land in einer Kategorie teilnehmen darf, hatte er sich entschieden, wegen der internen Konkurrenz von Europameister Nico Müller (Obrigheim) in die tiefere Kategorie zu wechseln. Dank eiserner Disziplin und mithilfe einer Ernährungsberaterin gelang ihm dies für die bisherigen wichtigen internationalen Meisterschaften und Turniere perfekt. Über diese Wettkämpfe, die zudem nach Wertigkeit unterteilt sind, muss sich auch erstmals nach einer speziellen Punktwertung jeder Heber selbst sein olympisches Startrecht erkämpfen. Er war auf einem hoffnungsvollen Weg, sich erstmals seinen Traum zu erfüllen.

Für die Sommerspiele 2016 hatte Max Lang die Nominierung nur äußerst knapp verpasst. Nur ein Kilogramm fehlte damals, um sich auf der Bühne in Rio präsentieren zu können. Nun hofft er, dass die EM vielleicht doch noch im Herbst stattfindet und er das Ticket buchen kann.

Der aktuellen Situation gewinnt er dennoch etwas Positives ab. Er kann einmal runterfahren, auch vorübergehend lockerer ans Essen herangehen. "Seit 2018 hatte ich keinen Urlaub, da ist so eine Pause mal ganz gut. Wir trainieren dreimal pro Woche zum Fithalten", erzählte Max Lang, der in Sandhausen lebt und in Mutterstadt oder in Leimen seine Übungseinheiten absolviert. Traurig ist er aber, dass er derzeit nicht zu seiner Familie ins Erzgebirge reisen darf. (mm)


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