CFC-Nachwuchsleiter: "Alle Talente können wir nicht halten"

CFC-Nachwuchsleiter Thomas Köhler über die Zertifizierung des Leistungszentrums und die Auflösung der jüngsten Mannschaften des Clubs

Elf Mannschaften mit annähernd 140 Spielern gehören zum Nachwuchsleistungszentrum des Chemnitzer FC. Mario Schmidt sprach mit dessen Leiter Thomas Köhler, der zudem Assistenz- und Torwarttrainer des Profiteams ist, über die Resultate der Zertifizierung und über Methoden höherklassiger Clubs, um CFC-Talente abzuwerben.

Freie Presse: Das Nachwuchsleistungszentrum des CFC ist zwecks neuer Zertifizierung unter die Lupe genommen worden. Mit welchem Ergebnis?

Thomas Köhler: Einem sehr guten. Wir haben das Zertifikat wieder erhalten und bei der Bewertung sogar besser abgeschnitten als beim letzten Mal 2016.

Wie und von wem sind die Bedingungen in Chemnitz geprüft worden?

Darum kümmert sich eine belgische Firma namens Double Pass, die im Auftrag des Deutschen Fußball- Bundes arbeitet. Zwei Vertreter des Unternehmens waren eine Woche lang hier. Sie haben sich unter anderem Spiele und Trainingseinheiten angeschaut sowie mit Trainern und Talenten gesprochen.

Was sind wichtige Kriterien für den Status eines Nachwuchsleistungszentrums?

Dass genügend qualifizierte Trainer zur Verfügung stehen, es ausreichend Trainingsplätze gibt und die Mannschaften möglichst hochklassig spielen.

Womit konnte der CFC besonders punkten?

Vor allem mit der engen Verknüpfung von Leistungszentrum und Sportschulen, verbunden mit kurzen Wegen zum Training. In dieser Hinsicht hat Chemnitz Bedingungen wie nur ganz wenige andere Standorte in Deutschland zu bieten. Zugute kam uns auch, dass Nachwuchstalente wie Erik Tallig und Tim Campulka, der zurzeit leider schwer verletzt ist, zum Aufgebot der Männermannschaft gehören. Genau das wollen die Prüfer sehen. Denn was nützt ein Nachwuchsleistungszentrum, wenn kein Spieler oben ankommt.

Was hat den Vertretern der belgischen Firma weniger gefallen?

Dass ich als Leiter des Leistungszentrums gleichzeitig noch Assistenz- beziehungsweise Torwarttrainer der Profis bin. Vorerst wird das aber wegen der schwierigen finanziellen Situation des CFC akzeptiert.

Vereine der 3. und 4. Liga sind im Gegensatz zu den Erst- und Zweitligisten nicht verpflichtet, ein Nachwuchsleistungszentrum zu betreiben. Warum macht es der CFC trotzdem?

Weil man dadurch Talente viel besser fördern kann. Das Nachwuchsleistungszentrum ist auch in finanzieller Hinsicht wichtig für die Zukunft des Clubs. Wenn junge Spieler zu anderen Vereinen wechseln, ist eine deutlich höhere Ablösesumme fällig, wenn sie aus einem Nachwuchsleistungszentrum kommen. Abgesehen davon war der Erhalt des CFC-Leistungszentrums eine Bedingung der Stadt für deren Entgegenkommen hinsichtlich der Pacht fürs Stadion an der Gellert- straße.

Stimmt es, dass der Verein nach dieser Saison seine jüngsten Teams der Altersklassen U 7 bis U 10 auflöst - und wenn ja, warum?

Das stimmt und hat nichts mit der finanziellen Lage des CFC zu tun. Kinder sollen Spaß am Fußball haben und künftig länger bei ihren Heimatvereinen bleiben. Wir wollen ihnen in dem Alter keinen Wettkampfdruck auferlegen. Stattdessen haben wir uns dazu entschieden, ein- bis zweimal pro Woche bei uns ein Talentetraining durchzuführen. Das ist aus unserer Sicht der richtige Weg.

Aber was passiert mit den Kleinsten, die gegenwärtig beim CFC spielen?

Wir sind dabei, mit deren Eltern zu sprechen. Die Kinder sollen bei anderen Chemnitzer Vereinen wie dem VfB Fortuna spielen. Wir als CFC wollen in Zukunft nicht mehr diejenigen sein, die anderen Sportgemeinschaften die talentiertesten Spieler einfach wegschnappen, stattdessen wollen wir mit den Vereinen zusammenarbeiten und uns regelmäßig mit ihnen aus- tauschen.

Im Nachwuchsleistungszentrum gibt es eine Reihe verheißungsvoller Talente. Welche Mög- lichkeiten und Argumente hat der CFC, um diese Spieler zu halten?

Einerseits mit den erwähnten guten Bedingungen in Verbindung mit der Sportschule. Wir versuchen den Jungs klarzumachen, dass sie sich hier sehr gut entwickeln und leichter den Sprung ins erste Männerteam als bei einem Bundesligaclub schaffen können. Dennoch: Alle Talente können wir nicht halten. Es ist nicht zu verhindern, dass einige beispielsweise von RB Leipzig abgeworben werden.

Verhalten sich die höherklassigen Clubs bei Interesse an einem CFC-Talent immer fair?

Mittlerweile ist es gang und gäbe, dass sich die Scouts zuerst an die Eltern der betreffenden Spieler wenden. Sie locken mit Geld und zum Teil auch mit Arbeitsstellen für die Väter oder Mütter. Wenn der Vertreter eines höherklassigen Clubs bei uns anruft und Interesse an einem Spieler bekundet, kann man getrost davon ausgehen, dass er ein paar Tage vorher schon mit dessen Eltern gesprochen hat.


Thomas Köhler - mit Dynamo Dresden spielte er im Europapokal

Der gebürtige Thüringer ist 51 Jahre alt und blickt auf eine lange Lauf- bahn als Torhüter zurück. Im Jugendbereich spielte Thomas Köhler bei Rot-Weiß Erfurt, bevor der 1,94 Meter große Keeper nach der Zwischen- station Robotron Sömmerda im Alter von 20 Jahren zum DDR-Spitzenclub Dynamo Dresden wechselte.

Für die Schwarz-Gelben bestritt er 17 Begegnungen in der DDR-Oberliga und kam im Spieljahr 1990/91 auch zu zwei Einsätzen im Europapokal der Landesmeister gegen den späteren Cup-Gewinner Roter Stern Belgrad.

1991/1992 stand Köhler eine Saison bei Bundesligist Hansa Rostock unter Vertrag, kam jedoch nicht zum Einsatz. Nach drei Jahren beim FC Sachsen Leipzig kehrte er 1995 zu Dynamo Dresden zurück, wo er bis 1999 Stammtorhüter in der Regionalliga war. Seine letzte Station als Aktiver war von 1999 bis 2001 Energie Cottbus. Dort hatte er Tomislav Piplica vor der Nase, sodass es nur zu einem Einsatz im DFB-Pokal reichte.

Seit dem Ende seiner Profikarriere arbeitet Köhler als Torwart- und Nachwuchstrainer, zuletzt von 2010 bis 2015 bei Dynamo Dresden. Im Sommer 2018 trat er seine Funktion als Torwarttrainer und Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim CFC an. Köhler besitzt die Fußball- lehrer-Lizenz, die Voraussetzung dafür ist, ein solches Leistungs- zentrum zu leiten. (ms/tre)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...