Als der Chemnitzer FC monatelang ohne Gegentor blieb

Vor 20 Jahren haben die Himmelblauen eine denkwürdige Rückrunde in der Regionalliga als damals dritthöchster Spielklasse hingelegt. Starker Rückhalt war Torhüter Antonio Ananiev, der seinen Trainer mit einer besonderen Geste verblüffte.

Er ist gesprächiger geworden. Als Fußballprofi musste man ihm mitunter jedes Wort aus der Nase ziehen. Antonio Ananiev überzeugte lieber durch Leistung als mit großen Sprüchen. Das war auch im ersten Halbjahr 1999 so, als der bulgarische Torhüter mit dem Chemnitzer FC eine denkwürdige Rückrunde in der Regionalliga spielte. Die Himmelblauen blieben von Ende Februar bis zum Abschluss der Hauptrunde im Mai nicht nur ungeschlagen, sondern auch ohne Gegentor. Ananiev war der starke Rückhalt der Mannschaft. Typisch für ihn, dass er seine Rolle auch heute im Rückblick nicht überbewerten will. "Das Team hat gut zusammengepasst. Wir waren spielerisch nicht immer auf höchstem Niveau, haben das aber durch großen Zusammenhalt ausgeglichen", sagt Ananiev zwei Jahrzehnte nach dem Triumph, der mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt gemacht wurde. In der Relegation konnte sich der CFC damals gegen den VfL Osnabrück durchsetzen.

Die Zeit in Chemnitz bedeute ihm viel, sagt der inzwischen 53-jährige Ananiev. Dabei hatte er bereits als sehr junger Sportler beachtliche Erfolge erzielt. "Mit 18 gehörte ich schon zur bulgarischen Nationalmannschaft", erzählt der Vater zweier Töchter. Den Traum, bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein, konnte er sich nicht erfüllen. "1986 galt ich als der beste Torhüter Bulgariens. Doch der Trainer entschied, mich nicht mit nach Mexiko zu nehmen", sagt Ananiev, der die Gründe offenbar bis heute nicht kennt. Auch 1994 war er ein heißer Kandidat für die WM-Endrunde in den USA. Doch wenige Wochen vorher passierte es bei einem Punktspiel der bulgarischen Liga: "Mich hat ein Volleyschuss am Kopf getroffen und mir den Kiefer gebrochen", erinnert sich der Ex-Chemnitzer. So musste er vorm Fernseher zuschauen, wie seine Kameraden im Viertelfinale den Titelverteidiger Deutschland überraschend mit 2:1 aus dem Turnier warfen.

Diese und weitere Rückschläge ließen den Sportler Ananiev zu Boden fallen. Doch er stand immer wieder auf. "Ich habe stets versucht, die Ruhe zu bewahren", sagt er rückblickend. Er haderte nie mit seinem Schicksal, selbst dann nicht, als es besonders erbarmungslos zuschlug: Bei seiner Frau wurde Krebs diagnostiziert. "Sie war jahrelang krank und ist dann gestorben. Trost gibt es nicht", sagt Ananiev. Der Fußball sei dadurch in den Hintergrund gerückt. Andererseits habe ihm der Sport in dieser schweren Zeit geholfen, positiv nach vorn zu schauen.

Heute sei er ein glücklicher Mensch, sagt Ananiev. "Seit drei, vier Jahren habe ich nichts mehr mit Fußball zu tun. Diese Pause hat mir gutgetan", berichtet der Bulgare, der mittlerweile Opa ist. Sein Leben spielt sich in Dresden und Berlin ab, fügt er hinzu. Mit einer seiner beiden Töchter habe er ein Unter- nehmen in der Kosmetikbranche gegründet, das sich gut entwickle. Ganz vom Fußball lassen kann "Toni", wie er genannt wird, aber nicht. "Selbstverständlich verfolge ich auch die Entwicklung beim CFC, dem ich den Aufstieg in die Dritte Liga wünsche - und dass er finanziell wieder gesund wird", betont Ananiev. Im März oder April will er ein Heimspiel der Himmelblauen besuchen. Dann kommt er vielleicht auch mit CFC-Spieler Kostadin Velkov ins Gespräch. Wie es der Zufall will: Ananiev kennt Velkovs Vater gut. "Von 1991 bis 93 haben wir zusammen bei Lok Sofia gespielt", berichtet der ehemalige Chemnitzer Torhüter, der vor zwei Jahrzehnten das CFC-Tor annähernd 1100 Minuten sauber hielt.

Beste Erinnerungen an Ananiev hat auch sein damaliger Trainer beim CFC, Christoph Franke. "Toni hat sehr gut gehalten und auch mal ,Todsichere' rausgeholt", so Franke. Er hatte den Bulgaren im Sommer 1998 auf Anraten von CFC-Mittelfeldspieler Kujtim Shala verpflichtet. Ananiev war zu jenem Zeitpunkt verletzt. "Ihn zu holen, war ein Risiko. Wäre es schiefgegangen, wäre ich der Dumme gewesen", bemerkt Franke. Was dem heute 74-Jährigen besonders imponierte, war der Charakter des Bulgaren. Eine Episode wird Franke nie vergessen. Sie ereignete sich kurz vor Ende der ersten Halbserie 98/99, in der Daniel Fröhlich das Chemnitzer Tor gehütet hatte. "Toni Ananiev war wieder fit, und ich wollte ihn spielen lassen", erklärt Franke. Die Reaktion Ananievs verblüffte ihn. "Er sagte, dass Daniel Fröhlich doch gut gehalten hat. Deshalb wollte er lieber noch mit einem Einsatz warten", berichtet der Ex-Trainer. Fröhlich blieb im Tor, bis er Ende Januar 1999 beim 0:2 in Leipzig zweimal patzte und vom späteren Aufstiegshelden Ananiev abgelöst wurde.

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