Als der TV Gablenz Deutscher Meister wurde

Vor 90 Jahren hat der Verein einen großen Triumph im Feldhandball gefeiert. Ein Chemnitzer erinnert daran - und an eine Sportart, die es längst nicht mehr gibt.

Walter Müller zeigt das Foto mit den deutschen Feldhandball-Meistern vom TV Chemnitz-Gablenz aus dem Jahr 1928. Die Sportart war zu jener Zeitähnlich populär wie Fußball.

Von Mario Schmidt

Menschenmassen haben sich am Hauptbahnhof eingefunden, um ihre Lieblinge zu empfangen. Tausende sind gekommen. Sie wollen den großen Erfolg feiern, die Mannschaft hochleben lassen. Wer sich für die Chemnitzer Sporthistorie interessiert, wird sagen: Das kann nur 1967 gewesen sein, als die Fußballer des FCK als Meister vom Auswärtsspiel gegen Hansa Rostock zurückkehrten. Walter Müller weiß es besser. Bereits 1928 war es zu einem Riesenandrang am Hauptbahnhof gekommen. "Bis hinunter zum Theaterplatz war alles dicht", sagt Müller, der sich intensiv mit der Geschichte des städtischen Handballs beschäftigt und bereits mehrere Chroniken angefertigt hat.

Anlass für den damaligen Ansturm war die Rückkehr der Feldhandballer des Turnvereins (TV) Gablenz, die sich im Rahmen des 14. Deutschen Turnfestes in Köln den Titel geholt hatten. Vor wenigen Tagen jährte sich der Triumph zum 90. Mal. Gablenz hatte damals in einem nervenaufreibenden Finale den Kontrahenten von 1860 Fürth nach zweimaliger Verlängerung mit 9:6 bezwungen. Der anschließende, überwältigende Empfang in der Heimat war aus Müllers Sicht keine große Überraschung. "Denn Feldhandball ist zu jener Zeit ähnlich beliebt wie Fußball gewesen", erklärt der 77-Jährige.

Die Sportart war der Vorgänger des Hallenhandballs. Gespielt wurde zweimal 30 Minuten im Freien auf einem Platz, der die Größe eines Fußballfeldes hatte. Ein Team bestand aus einem Torhüter und zehn Feldspielern. "Heimstätte des TV Gablenz war die Jahnkampfbahn auf der Humboldthöhe. Zu den Punktspielen in der Gauliga Sachsen kamen meist mehrere Tausend Besucher", sagt Walter Müller, der aus Sachsen-Anhalt stammt und selbst noch Feldhandballer war. "Als Jugendlicher bin ich mit der Magdeburger Bezirksauswahl Dritter beim Deutschen Turn- und Sportfest geworden", nennt er seinen größten Erfolg.

Für den einst so siegreichen TV Gablenz war 1937 Feierabend. "Der Verein ist pleite gegangen", berichtet Müller. Die Handballer gründeten daraufhin den VfL Chemnitz-Ost, 1949 schloss sich die Sektion der BSG Motor Ifa an. Feldhandball blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst eine äußerst populäre Sportart. Unvorstellbar, dass 1954 zu einem Länderspiel zwischen Deutschland und Schweden in Augsburg rund 40.000 Zuschauer kamen.

Wenige Jahre später ging es mit der Sportart jedoch bergab, sie musste mehr und mehr dem dynamischeren Hallenhandball weichen. Ende der 1960er-Jahre war die Zeit des Feldhandballs vorbei. Eine für 1969 geplante WM musste mangels Teilnehmern abgeblasen werden. "In der DDR wurde der Spielbetrieb zwei Jahre vorher eingestellt", sagt Müller. Er war 1957 mit seinen Eltern nach Karl-Marx-Stadt gekommen, wo er noch viele Jahre Handball spielte. "Ich bin insgesamt 45 Jahre in diesem Sport aktiv gewesen", so Müller, der längst das ganz große Jubiläum im Hinterkopf hat: 100 Jahre Handball in Chemnitz. 2020 wird es so weit sein.

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