Als die Weltklasse in Chemnitz dribbelte

Mehr als 10.000 Zuschauer verfolgten vor 88 Jahren ein Fußballspiel des CPSV gegen eine Mannschaft aus Argentinien. Eine Frage dazu treibt jetzt einen Historiker aus Südamerika um: Wo genau fand das Spiel statt?

Es war eines der größten Sportereignisse des Jahres 1931 in Chemnitz: Am 21. Februar standen sich in einem Freundschaftsspiel der Chemnitzer Polizeisportverein und der Club de Gimnasia y Esgrima La Plata aus Argentinien gegenüber. Die Spitzenmannschaft aus dem südamerikanischen Land war damals auf Europa-Tournee, spielte unter anderem bei Real Madrid, dem FC Barcelona, Inter Mailand oder Sparta Prag. Eines der acht Spiele auf deutschem Boden fand in Chemnitz statt, wo der argentinische Meister von 1929 vor über 10.000 Zuschauern mit 4:2 gegen den CPSV gewann. Die Frage ist nur: Wo genau fand das Spiel statt?

"Ich glaube, es war das Stadion an der Clausstraße", sagt Gustavo Barr Rodriguez. Der Fußballhistoriker hat sich mit der Bitte um Unterstützung bei der Suche nach mehr Informationen an die "Freie Presse" gewandt. "Ich habe kaum Hinweise zur Spielstätte", sagt er. "Vielleicht gibt es ja Fans, die alte Bilder vom Stadion oder dem Spiel selbst haben. Das würde uns sehr helfen." In La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, gab es eine Ausstellung zur Fußballreise des Vereins im Winter 1930/31, jetzt soll ein Buch darüber entstehen. Doch es fehlen Details zum Chemnitzer Spielort.

Verwirrung stiftet bei der Suche nach dem richtigen Stadion eine Zeile im Spielbericht, der damals von Vereinsmitgliedern des CPSV verfasst wurde. "So kam es dann, dass schon lange vor Spielbeginn die Menschenmassen der Hausenstraße zustrebten", heißt es dort. Besagte Straße gibt es heute nicht mehr, denn sie wurde umbenannt. Jetzt heißt sie Franz-Werfel-Straße, besteht in erster Linie aus neu gebauten Einfamilienhäusern und hat am unteren Ende einen kleinen öffentlichen Sportplatz - Hinweise auf ein Stadion, das 10.000 Besucher oder mehr fasste, gibt es allerdings nicht.

"Wir haben eher vermutet, dass das Spiel auf einem ehemaligen Sportplatz nahe der Planitzwiese stattgefunden hat", sagt Reinhard Walther. Er ist Pressesprecher des CPSV und hatte vor einiger Zeit schon Kontakt mit dem argentinischen Fußballhistoriker Rodriguez. "Wir haben ihm verschiedene Unterlagen geschickt, so zum Beispiel den Spielbericht von damals", sagt Walther. "Allerdings haben auch unsere Recherchen zum genauen Spielort keine Ergebnisse geliefert." Fakt ist nur: Im eigenen neuen Stadion an der Gellertstraße hat der CPSV 1931 noch nicht spielen können, denn das wurde erst 1934 an der Stelle eröffnet, an der heute die moderne Arena steht. So scheint es wahrscheinlicher, dass die Partie gegen die Dribbelkünstler aus La Plata tatsächlich an der Clausstraße stattfand - auf dem damals Preußen-Platz genannten Areal, das heute von der Spielvereinigung Blau-Weiß genutzt wird.

Das Spiel selbst war für damalige Zeiten eine kleine Sensation. Denn Fußballmannschaften aus Südamerika waren Anfang der 1930er-Jahre die besten der Welt. Das Finale der Weltmeisterschaft 1930 hatte die Nationalmannschaft Uruguays gegen Argentinien mit 4:2 gewonnen, die gleiche Paarung und den gleichen Sieger hatte es zuvor im Finale des Olympischen Fußballturniers 1928 in Amsterdam gegeben. In einer Zeit, in der das Fernsehen noch in den ganz kleinen Kinderschuhen steckte, erfuhren die Fußballfans hierzulande nur aus der Zeitung von der Spielfreude und der angeblich so brillanten Technik der südamerikanischen Kicker. Und plötzlich hatten sie die Chance, ein argentinisches Topteam live zu erleben.

"Die Reise hatte die Mannschaft von Gimnasia als Belohnung für den Titelgewinn 1929 bekommen", sagt Historiker Gustavo Barr Rodriguez. "Das Team brauchte fast 30 Tage, um mit dem Schiff über den Atlantik zu kommen - für eine südamerikanisches Mannschaft war das damals ein echtes Abenteuer." Mit Siegen gegen Real Madrid, den FC Barcelona oder Benfica Lissabon machte Gimnasia von sich reden, besonders Mittelstürmer José María Minella, der später argentinischer Nationalspieler und -trainer werden sollte, hatte es den Zeitungsreportern angetan. Auch beim Auftritt in Chemnitz konnte der damals 21-Jährige mit drei Toren begeistern - und das auf einem Platz, der kaum ein ordentliches Fußballspiel zuließ. Frost und Tauwetter sorgten dafür, dass der Rasen aufgeweicht und tief war. "Das Wetter hat die Fußballer sehr überrascht", sagt Gustavo Barr Rodriguez. "Das Spiel in Frankfurt am 8. Februar war das erste Spiel überhaupt, das eine argentinische Mannschaft auf Schnee bestritten hat."

Informationen zum Spielort der Partie zwischen dem CPSV und Gimnasia am 21. Februar 1931 oder Bilder davon nimmt die Redaktion der "Freien Presse" unter 0371 65612141 oder per Mail an red.chemnitz@freiepresse.de entgegen.

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1Kommentare
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  • 3
    0
    cn3boj00
    17.01.2019

    Ich habe zwar von dem Spiel nichts mitbekommen :), aber wenn man auf dem Stadtplan von 1930 blickt, sieht man, dass der Sportplatz des Polizeisportvereins wohl auf dem Gelände der späteren Russenkaserne gelegen war, bevor an der Gellertstraße der neue Platz gebaut wurde. Diese diente damals als Landespolizeikaserne, auch waren Finanzamt und Hauptzollamt dort angesiedelt. Am Ende der Hausenstraße am Zeisigwald war links auf dem Jahrmarktplatz ein kleiner Sportplatz, wie erwähnt, rechts aber war vermutlich der Eingang zum großen Sportplatz auf dem Kasernengelände. Da haben 10000 Menschen durchaus Platz gefunden, wieviel man aber vom Spiel sehen konnte ist ungewiss, dann große Traversen dürfte es nicht gegeben haben. Vielleicht hat ja jemand noch Fotos von dem alten Kasernengelände aus den 30er Jahren.
    Ich habe den Planauszug der Redaktion geschickt, vielleicht ist er auch dort eingegangen?

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