Bouldern: Mit Kraft und Köpfchen

Bouldern boomt - und ist 2020 Teil der olympischen Kletterpremiere in Tokio. Sachsenmeister Anton Schramm aus Chemnitz ist Boulderer mit Leib und Seele und erklärt die Faszination der Trendsportart.

Chemnitz.

Der Boulder, den sich Anton Schramm für den Fototermin ausgesucht hat, läuft in einem Überhang aus. Ohne zu zögern steigt er in die Route ein. Seine Bewegungen gehen fließend ineinander über, scheinbar mühelos hält er die farbigen Griffe wider die Schwerkraft. Kaum eine Spur von Anstrengung ist im Gesicht zu erkennen. In nicht einmal einer Minute hat der 18-Jährige das Problem mit akrobatischem Geschick bewältigt. "Überhänge klettere ich gern, weil sie kraftbetont sind", sagt er.

Der Chemnitzer gehört der Jugend-Nationalmannschaft im Klettern an, ist mehrfacher Sächsischer Meister im Kinder-, Schüler- und Jugendbereich. In diesem Jahr gewann er seinen ersten Titel bei den Männern - alles im Bouldern. Keine Frage: diese Spielart, bei der die Kletterer in Absprunghöhe (siehe Infokasten) agieren, mag er am liebsten. Eine Sportart, die in den letzten Jahren - auch im Freien - einen wahren Boom erlebt hat. Der Deutsche Alpenverein (DAV) schätzt allein die Zahl der großen Kletterhallen (mehr als 100 Quadratmeter Kletterfläche) im Jahr 2018 auf etwa 500. "Gefühlt macht jede Woche eine neue Boulderhalle in Deutschland auf. Das ist echt der Wahnsinn", meint Anton Schramm und erinnert sich an seine Anfänge. "Als die Boulderlounge Chemnitz 2010 geöffnet hat, bin ich am ersten Tag hin und in Turnschuhen rumgekraxelt. Jeder kannte damals jeden. Inzwischen wird es in den Hallen manchmal richtig eng", erzählt er.

Aber warum ist das so? Warum liegt Bouldern voll im Trend? Der Hobbyschlagzeuger lächelt und holt erst einmal Luft: "Ich liebe die Sportart wegen ihrer Vielseitigkeit. Sie spricht verschiedene Muskelgruppen an, wobei es nicht ums Aussehen geht. Es geht ums Funktionelle, um das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln, um Koordination und Körpergefühl", erzählt er. Seine Augen leuchten vor Begeisterung: "Der Boulderer wird jedes Mal vor ein neues Problem gestellt. Er braucht neben Kraft auch Köpfchen." Doch der sportliche Aspekt ist nur die eine Seite: "Die Szene ist cool, lässig, ein bisschen alternativ, es gibt auch ein paar schräge Typen. Ganz wichtig ist auch, dass alles in der Gruppe passiert. Du kannst mit den Freunden ein klettertechnisches Problem lösen oder auch nur quatschen."

Klettertechnische Probleme gibt es etwa in der Boulderlounge, die den jungen Mann ebenso wie die Chemnitzer Sektion des DAV unterstützt, mit etwa 150 Routen genügend. Wöchentlich wird je ein Sektor mit etwa 30 Routen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden umgebaut. Das ist ebenso ein Aspekt, den Anton Schramm anspricht. "Beim Bouldern hast du auch als Breitensportler ziemlich schnell sichtbaren Erfolg. Das ist sehr motivierend. In die absolute Weltspitze zu kommen, ist allerdings superschwer."

Im Jugendbereich ist er ihr nahegekommen, etwa bei der Weltmeisterschaft 2015 im italienischen Kletter-Mekka Arco am Nordufer des Gardasees. "Es war meine erste WM, bei der ich es gleich ins Halbfinale geschafft habe - und deshalb etwas Besonderes", erinnert er sich. Auch der Weltcup 2017 in München, als einige A-Jugendliche des Gastgeberlandes bei den Erwachsenen und vor tausenden Zuschauern starten durften, ist im Gedächtnis haften geblieben. "Unter dem Dach des Olympiastadions, vor so vielen Menschen zu klettern und sich neben seinen großen Vorbildern warm machen zu dürfen, war ein Megaerlebnis", schwärmt Anton Schramm von zurückliegenden Highlights.

Ein Höhepunkt in naher Zukunft ist Tokio 2020. In Japan feiert Klettern seine olympische Premiere mit dem "Olympic Combined". Bei diesem Mehrkampf, zu dem neben dem Bouldern das Schwierigkeits- (Lead) sowie das Geschwindigkeitsklettern (Speed) gehören, wird der Kompletteste in der Vertikalen gesucht. "Ein Sportler, der in einer Disziplin Spitze ist und in der anderen nichts kann, der hat bei Olympia keine Chance. Den Spagat zwischen den drei Disziplinen zu schaffen, ist enorm aufwendig, schwierig und komplex", sagt Anton Schramm. Beispielhaft führt er das Krafttraining an, bei dem der Boulderer mehr auf die Maximalkraft hinarbeitet, der Seilkletterer auf die Kraft-Ausdauer und der Speedkletterer auf die Schnellkraft.

Auch Anton Schramm hat eine Zeit lang alle drei Disziplinen trainiert. Inzwischen genießt das Bouldern jedoch absoluten Vorrang. Hier möchte der Sachse, der nach dem erfolgreich abgelegten Abitur im Moment ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, auf nationaler Ebene noch einmal angreifen. Drei- bis viermal in der Woche trainiert er dafür, nicht nur an den Wänden. In der Trainingsecke, am sogenannten Campusboard, hangelt er an kleinen Leisten entlang oder macht Klimmzüge. "Auch Ausgleichssportarten wie Yoga oder Crossfit sind inzwischen sehr wichtig", erklärt Anton Schramm.

Olympia 2020 ist hingegen kein Thema, weil er 2019 ein Medizinstudium in Dresden beginnt. "Mir war immer klar, dass ich Klettern nicht unbedingt zu meinem Beruf machen möchte", sagt der 18-Jährige, der mit Seil und Gurt auch gern draußen unterwegs ist. Seine Passion ist aber das Bouldern, die Freundin Theresa inzwischen teilt. Die besten Voraussetzungen bringt sie als Vertikaltuch-Akrobatin mit: "Das passt gut zusammen", meint Anton Schramm schmunzelnd.

Infos und Regeln

Boulder (englisch) heißt übersetzt Felsblock. Bouldern ist das Klettern ohne Seil und Gurt an natürlichen Felsblöcken oder an künstlichen Kletterwänden in Absprunghöhe bis ca. 4,00 Meter. Eine dicke, weiche Matte sorgt dafür, dass man sich beim Abspringen nicht verletzt.

Im Wettkampf müssen die Athleten verschiedene Boulder (Routen oder auch Probleme) bewältigen, beginnend an einem Start- und endend an einem Topgriff. Der Sieger steht nach Qualifikation (5 Boulder), Halbfinale (4) und Finale (4) fest. Etwa in der Mitte der Route befindet sich der Zonengriff, dessen Erreichen ebenso gewertet wird. Die Anzahl der Versuche ist innerhalb einer bestimmten Zeitspanne unbegrenzt. Sieger ist, wer die meisten Topbegehungen schafft.

Anfänger benötigen zum Bouldern erst einmal Kletterschuhe und Beutel mit Magnesia. Das Puder hilft gegen Handschweiß und damit das Abrutschen (beides kann in den meisten Hallen ausgeliehen werden). Bei der Bekleidung ist auf Bewegungsfreiheit zu achten. (fp)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

    Lesen Sie auch
    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...