CFC-Antirassismus-Beauftragter: "So etwas hatte ich noch nicht gesehen"

Daniel Maaß über die Aufarbeitung der Vorfälle vom 9. März und umstrittene Gesänge von Chemnitzer Profis

Nachdem am 9. März beim Regionalligaspiel gegen Altglienicke im Stadion an der Gellertstraße eine Trauerzeremonie für einen verstorbenen Neonazi abgehalten worden war, hatte der Chemnitzer FC Auflagen des Nordostdeutschen Fußballverbandes zu erfüllen. Dazu gehörte die Einstellung eines Antirassismus-Beauftragten. Die Stelle ist inzwischen mit Daniel Maaß, Konfliktmanager des Bayerischen Fußballverbandes, besetzt worden. Mario Schmidt führte mit dem 47-Jährigen das folgende Gespräch.

Freie Presse: Herr Maaß, was war Ihre erste Erfahrung mit Rassismus im Fußball?

Daniel Maaß: Das ist sieben, acht Jahre her. Es war ein Länderspiel Österreich gegen Deutschland in Wien, das ich besucht hatte. Damals gab es Rufe gegen einen farbigen österreichischen Spieler, das war David Alaba. Dieser Zwischenfall hat mich veranlasst, mich intensiver mit der Materie zu beschäftigen.

Wie wurden Sie als Mitarbeiter des Bayerischen Verbandes erstmals mit diesem Thema konfrontiert?

Während einer Partie in Nordbayern war ein Spieler aus Äthiopien rassistisch beleidigt worden. Ich bekam den Auftrag, mich um den Fall zu kümmern - übrigens gemeinsam mit dem jetzigen DFB-Vizechef Rainer Koch, der auch Präsident des Bayerischen Fußballverbandes ist.

Und wie ging es aus?

Wir konnten das einvernehmlich lösen. Derjenige, der den afrikanischen Spieler beleidigt hatte, hat sich während eines Treffens persönlich bei ihm entschuldigt. Und der Äthiopier nahm die Entschuldigung an.

Sie arbeiten beim Bayerischen Verband als Konfliktmanager. Welchen Konflikt konnten Sie beispielsweise schon lösen?

Ich erinnere mich an ein unterklassiges Spiel, in dessen Verlauf die Fans der Gästemannschaft Bengalos zündeten. Daraufhin kam es zu Prügeleien mit dem Ordnungsdienst der Hausherren. Letztlich wollten beide Vereine nie wieder gegeneinander antreten. In so einem Fall ist es wichtig, die Präsidien beider Clubs an einen Tisch zu bringen und nach Lösungen zu suchen. Das haben wir geschafft. Beim nächsten direkten Duell der beiden Vereine wurde ein gemeinsamer Ordnungsdienst eingesetzt. Das hat super geklappt.

Wann und wie haben Sie von den Vorfällen am 9. März im Chemnitzer Stadion erfahren?

Das war am selben Abend. Ich habe mit meiner Frau die ARD-Sportschau geguckt, was selten vorkommt, weil sie sich eigentlich nicht für Fußball interessiert. Als die Bilder aus Chemnitz gezeigt wurden, waren wir beide im ersten Moment geschockt. So etwas hatte auch ich noch nicht gesehen.

Und dann hat Sie der CFC um Hilfe gebeten.

Ja, das war schon wenige Tage nach dem 9. März. Es hat mir imponiert, wie schnell der Verein reagiert und erkannt hat, dass akuter Handlungsbedarf besteht.

Welche groben Fehler hat der Verein an jenem 9. März gemacht?

Die Vorfälle werden gründlich aufgearbeitet, für eine abschließende Einschätzung ist es aber viel zu früh. Schließlich laufen noch mehrere juristische Verfahren. Es geht zum Beispiel um die Frage, ob der Veranstalter genötigt wurde, die Zeremonie für den verstorbenen Herrn H. durchzuführen.

Steht der CFC bezüglich rechtsextremer Tendenzen zu Recht so hart in der Kritik oder muss man eher feststellen, dass der Verein auch durch Versäumnisse der Politik und gesellschaftliche Fehlentwicklungen in diese Situation geraten ist?

Ich würde nicht so weit gehen und von Politikversagen sprechen. Es handelt sich um Strömungen, die den CFC als Projektionsfläche für ihre politischen Überzeugungen missbrauchen. Damit haben zahl- reiche Vereine Probleme, auch im Westen. Viele Clubs können das durch sportliche Erfolge in den Hintergrund drängen.

Zum Beispiel?

Werder Bremen und Borussia Dortmund sind Vereine, die diesbezüglich Probleme hatten - und diese inzwischen lösen konnten. Mit den beiden Clubs arbeiten wir zusammen und bekommen wertvolle Hinweise.

Sie hatten ein Konzept für die Antirassismus-Arbeit des CFC angekündigt. Was sind die Kernpunkte?

Ganz fertig ist das Konzept noch nicht. Hauptsächlich geht es darum, die Fanszene für das Thema Rassismus stärker zu sensibilisieren und klarzustellen, was im Stadion geht und was nicht. Darüber hinaus werde ich mit allen Gruppierungen, die im Stadion vertreten sind, Kontakt aufnehmen. Wichtig ist, Gründe für rechtsradikale Tendenzen klar zu benennen und mit voller Überzeugung dagegen anzugehen.

Wie schwierig ist es, Rechtsradikale aus dem Stadion zu verbannen?

Die Gesinnung allein reicht nicht, um jemanden auszuschließen. Es müssen Verstöße gegen die Hausordnung vorliegen. Dazu gehört, den Hitlergruß zu zeigen oder Kleidung mit verbotenen Nazisymbolen zu tragen.

In Ihrer Funktion wollen Sie zudem Ansprechpartner für Betroffene und Aussteiger sein. Wie kann man sich an Sie wenden?

Am besten per E-Mail unter der Adresse maass@chemnitzerfc.de.

Sie waren in Chemnitz kaum im Amt, als Sie sich mit umstrittenen Gesängen der CFC-Mannschaft beschäftigen mussten. Zur Meisterfete soll ein Spieler mit "Du Zigeuner"-Gesängen gefeiert worden sein. Ist dieser Zwischenfall aufgearbeitet?

Ja, ich habe mich darüber intensiv mit dem deutschen Zentralrat der Sinti und Roma ausgetauscht. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es kein rassistischer Vorfall war. Der Spieler, der als "Zigeuner" gefeiert wurde, fühlte sich deswegen nicht beleidigt. Das Team hat das Lied aus Unwissenheit angestimmt.

Haben Sie dennoch eine Auswertung mit den Spielern vorgenommen?

Natürlich. Ich habe mit ihnen über die Situation der Sinti und Roma gesprochen und auch erklärt, welches Schicksal dieser Minderheit im Dritten Reich widerfahren ist. Allein im Konzentrationslager Auschwitz sind mehr als 20.000 Sinti und Roma ermordet worden.


Daniel Maaß

Der 47-Jährige wurde in Hamburg geboren und interessierte sich schon früh für den Fußballsport. "Ich war Fan des HSV, der damals seine große Zeit hatte. Das muss also lange her sein - ich war zehn oder elf Jahre alt", berichtet Daniel Maaß. Er habe sich auch selbst als Fußballer in einer unteren Klasse versucht. "Dann kam aber schnell das Einsehen, dass es zu einer Profikarriere nicht reichen wird", fügt Maaß hinzu.

Durch einen guten Freund sei er zum Bayerischen Fußballverband gekommen. Seit annähernd zehn Jahren ist Maaß als ausgebildeter Marketingfachwirt für den Verband als Konfliktmanager beziehungsweise Moderator tätig, will den Schwerpunkt seiner Arbeit künftig jedoch nach Chemnitz verlegen. Der Antirassismus- Beauftragte der Himmelblauen ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Oberfranken. (ms)

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