Chemnitzer Läufer verarbeitet seine EM-Premiere in der Heimat

Marvin Schlegel hat die deutsche 4-x-400-Meter-Staffel als Startläufer ins Finale geführt - für das er dann nicht mehr nominiert wurde. Die Enttäuschung hält sich aber in Grenzen.

Größer könnte der Unterschied kaum sein. Noch am vergangenen Freitag sprintete Marvin Schlegel über die blaue Laufbahn des Berliner Olympiastadions und wurde von nahezu 10.000 Fans als Startläufer der deutschen Staffel beim Vorlauf der Leichtathletik-Europameisterschaften angefeuert. Jetzt ist die Laufbahn rot, der Lärmpegel auf ein paar zwitschernde Vögel und den ein oder anderen Rasenmäher beschränkt, das Tempo deutlich langsamer. Auf dem Sportplatz seines Heimatvereins, des SV Einheit Bräunsdorf, dreht Schlegel derzeit ab und zu seine Runden. "Um auch im Urlaub fit zu bleiben", wie er sagt. "Training ist das nicht."

Während der 20-Jährige die Ruhe auf der Anlage oder im Elternhaus im benachbarten Riechberg genießt, muss er auch einiges verarbeiten, was er in den vergangenen Tagen erlebt hat. Da war zum Beispiel die Deutsche Meisterschaft Ende Juli, als Schlegel über die 400 Meter mit neuer persönlicher Bestleistung erstmals unter 46 Sekunden blieb und so den Sprung in den Kader des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) für die EM schaffte - für den Langsprinter des LAC Chemnitz die erste Teilnahme an einem großen internationalen Wettbewerb bei den Erwachsenen überhaupt. Dann war da das Trainingslager mit der kompletten deutschen Mannschaft in Kienbaum, anschließend die Unterbringung im Maritim-Hotel in Berlin. "Dort waren alle deutschen Athleten, ich war also auch hautnah dabei, als die Medaillengewinne gefeiert wurden", sagt Schlegel.

Das "Erlebnis EM" wurde für den deutschen U-23-Meister des vergangenen Jahres noch besser, als er am Donnerstagabend von seiner Nominierung für die Staffel erfuhr. "Da ist die Aufregung natürlich gestiegen, zumal ich als Startläufer ja vor dem Rennen noch mehr im Fokus der vielen Zuschauer stehe", blickt der eher introvertierte junge Mann zurück. Das Rennen selbst lief aus seiner Sicht gar nicht schlecht. "Wir sind mit einer ganz passablen Zeit Fünfter geworden und mussten hoffen, dass im zweiten Vorlauf kein Team ab Platz vier schneller war. Das ging schon ziemlich an die Nerven, am Ende hat es aber gereicht."

Die Freude über das Finalticket hielt für Marvin Schlegel allerdings nicht lange an, denn er wurde für den Endlauf am Samstagabend nicht nominiert. "Meine Zeit war Bundestrainer Edgar Eisenkolb nicht gut genug", sagt der Wahl-Chemnitzer. "Diese Entscheidung musste ich akzeptieren." Statt vor 60.000 Fans zu laufen, war Schlegel zum Zuschauen verdammt und musste miterleben, wie die deutsche Staffel als abgeschlagene Letzte ins Ziel kam. Die Zeit ohne Schlegel war dabei mit 3:04,69 Minuten langsamer als mit ihm (3:03,37 min). Was auch dazu führt, dass der Läufer, der in Bräunsdorf einst vom vor zwei Jahren verstorbenen Trainer Gerd Hofmann entdeckt wurde, nicht über das Finale sprechen möchte. Schlegel sagt nur: "Natürlich war ich etwas traurig, dass ich nicht starten durfte. Aber ich bin noch jung und werde hoffentlich noch ein paar Chancen bekommen, bei so einem Großereignis zu laufen."

Aus Berlin nehme er zahlreiche Eindrücke von tollen Wettkämpfen, vielen Erfolgen seiner Mannschaft und einer grandiosen Stimmung im Stadion mit, sagt Schlegel. Bevor es in drei Wochen mit der Ausbildung zum Polizeibeamten in der Sportfördergruppe Leipzig weitergeht, ist erst einmal Pause angesagt. Mit Freundin Lilly, einer ehemaligen Leichtathletin, dreht er höchstens mal ein paar Runden im idyllischen Bräunsdorfer Striegistalstadion, ansonsten stehen Besuche in der Heimat an oder beide machen es sich in der gemeinsamen Chemnitzer Wohnung gemütlich. "Ab September geht dann der Alltag wieder los", sagt Marvin Schlegel. Und vielleicht gehören zu diesem Alltag ja bald auch mehr solcher Veranstaltungen, bei denen ihn mehr als 10.000 Fans anfeuern.

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