Chemnitzerin klettert auf WM-Podest

Lucia Dörffel hat bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Italien den dritten Platz belegt. Klettern gehört ab 2020 zum olympischen Programm. Hofft sie auf einen Start in Tokio?

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und eine Art Puzzle: eine senkrechte, mitunter auch nach vorn geneigte Wand, vier, fünf Meter hoch. Mehrere Griffe bilden eine Route nach oben, am Boden schützt eine weiche Matte vor Verletzungen. Fünf Minuten haben die Sportler und Sportlerinnen Zeit, um die gesamte Strecke einmal ohne Sturz zu bewältigen. Fünf Minuten, in denen sie genau überlegen müssen, wo sie die Füße hinsetzen und ihre Hände auflegen, um den nächsten Zug zu schaffen. So sieht ein Wettkampf in der Klettervariante Bouldern aus. Und die Chemnitzerin Lucia Dörffel gehört zu den Nachwuchssportlerinnen, die diese Disziplin am besten beherrschen: Bei der Weltmeisterschaft im italienischen Arco hat sie vor kurzem in der Altersklasse Junioren die Bronzemedaille gewonnen.

Für Dörffel ist es der bislang größte Erfolg. "Ich hatte mit dem Halbfinale gerechnet. Dass es aber zu Bronze reicht, hatte ich nicht erwartet", sagt sie. Und es wurde gleich zweimal Edelmetall, denn auch in der Gesamtwertung aus drei verschiedenen Wettkämpfen kam die 19-Jährige auf den dritten Rang. Neben Bouldern standen Seil- und Speedklettern auf dem Programm. Ganz überraschend kommt der Erfolg in Anbetracht ihrer Leistungen in diesem Jahr aber nicht: Junioren-Europacupsieg in Bulgarien, Sächsischer und Berliner Landesmeister sowie Deutscher Meister bei den Frauen. "Dieses Jahr ist das bislang beste", sagt die junge Chemnitzerin.

Dabei hatte sie sich vorher eine Auszeit genommen. Nach dem Abitur im vergangenen Sommer reiste Dörffel drei Monate durch Asien, kletterte überhaupt nicht und nahm erst Ende vergangenen Jahres das Training wieder auf - nicht mit einem professionellen Trainer, sondern mit Freunden. Seitdem bestreitet sie Wettkampf um Wettkampf, startet sowohl bei den Junioren als auch bei den Frauen, reist nach Portugal, Italien und Bulgarien. "So viele Wettkämpfe wie aktuell waren es noch nie."

Dörffel ist im Alter von vier Jahren das erste Mal geklettert. Ihre Eltern hatten sie mitgenommen und ins Seil eingehängt, mit dem gesichert wird. Zur Sicherheit stiegen sie ihr hinterher. Die Chemnitzerin fand Gefallen an dem Sport, war lange Zeit vor allem im Freien unterwegs, klettert bis heute gern in der Sächsischen Schweiz und im Frankenjura. Als 2010 die Boulderlounge öffnete, entdeckte sie auch diese besondere Kletterart für sich und gehörte schnell zu den Besten. 2014 wurde der Bundestrainer des Deutschen Alpenvereins (DAV) auf sie aufmerksam und holte sie in den Bundeskader, dem sie bis heute angehört. Sportförderung wie andere Leistungssportler erhalte sie aber nicht, sagt Dörffel. Sie bekomme immerhin Fahrtkosten erstattet.

Klettern gehört ab den kommenden Spielen in Tokio 2020 erstmals zum olympischen Programm. Das Fenster, sich zu qualifizieren, ist noch bis Anfang kommenden Jahres offen. "Ich werde bei einer EM starten, bei der man sich für Olympia qualifizieren kann. Aber Priorität hat das für mich nicht", sagt Dörffel. In Japan werden viele Größen der Szene dabei sein, die von ihrem Sport dank Siegprämien und Sponsoringverträgen leben können. Das sei keine Option für sie, meint die WM-Dritte aus Chemnitz. "Ich will keine Profisportlerin werden."

Dem Klettern räumt sie dennoch vorerst Priorität ein. Den geplanten Start eines Studiums der Wirtschaftswissenschaften werde sie wohl auf nächstes Jahr verschieben, um genügend Freiraum für Training und Wettbewerbe zu haben, sagt sie: "Ich will richtig studieren, und das ist mit den vielen Wettkämpfen gerade eher schwierig." Schon an diesem Wochenende reist sie nach Brixen - zur Europameisterschaft der Juniorinnen. Im Oktober folgt die Seilkletter-EM.


Bouldern, Seilklettern, Speed - ein Überblick

Im Wettkampfklettern unterscheidet man die Disziplinen Bouldern, Seil- und Speedklettern. Bei den Olympischen Spielen 2020 wird ein Format angeboten, das alle drei Disziplinen verbindet (Combined).

Bouldern ist das Klettern ohne Seilsicherung in Absprunghöhe. Die Wände sind meist nicht höher als vier, fünf Meter. Die kurzen Routen weisen aber viele Schwierigkeiten auf.

Seilklettern ist die älteste Variante. Ziel ist es, eine Route an einer 10 bis 20 Meter hohen Wand innerhalb eines festen Zeitlimits möglichst sturzfrei zu meistern beziehungsweise weiter zu klettern als die Konkurrenten. Eine Seilsicherung verhindert Stürze.

Beim Speedklettern gewinnt, wer am schnellsten die Wand emporgeklettert ist. Dafür gibt es mittlerweile standardisierte Routen, auf die man sich vorbereiten kann. Entsprechend fix geht es: Der Deutsche Rekord an einer 15-Meter-Wand liegt aktuell bei 6,67 Sekunden. Bei den Juniorinnen hält ihn Lucia Dörffel (10,23 Sekunden). (lumm)

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