Das seltsame Länderspiel der DDR-Elf in Karl-Marx-Stadt

Vor genau 30 Jahren kämpfte die Auswahl mit Lokalmatador Rico Steinmann gegen die Sowjetunion um Punkte in der WM-Qualifikation. Der überraschende Sieg geriet zur Nebensache, wie sich der damalige Fernsehkommentator erinnert.

Wenn es um die Wurst ging, waren sie zumeist nur zweiter Sieger. Ein einziges Mal war es DDR-Fußballern gelungen, sich für die Endrunde einer Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Und das ausgerechnet 1974 in der Bundesrepublik, dem späteren Titelträger, den man im deutsch-deutschen Duell in Hamburg fast sensationell mit 1:0 bezwingen konnte. Für einen jungen DDR-Fernsehreporter war dieses Turnier jedoch aus einem anderen Grund ein besonderes. Sein Name: Gottfried Weise. "Ich habe von insgesamt zwölf Fußball-Weltmeisterschaften berichtet. 1974 war ich zum ersten Mal im Einsatz", berichtet Weise.

15 Jahre später sitzt er auf der Tribüne des Ernst-Thälmann-Stadions in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Sportforum. Es ist der 8. Oktober 1989. Weise kommentiert fürs Fernsehen das Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel zwischen der DDR und der UdSSR. Mit einem Sieg können die Gastgeber ihre Chance wahren, sich zum zweiten Mal für eine WM-Endrunde zu qualifizieren - 1990 in Italien. Noch kurze Zeit vorher hätte eine solch wichtige Partie vor wahrscheinlich 100.000 Zuschauern im Leipziger Zentralstadion stattgefunden. Doch im Herbst 1989 ist plötzlich alles anders. "Das Spiel sollte ursprünglich in Leipzig ausgetragen werden. Dort hatte es aber schon die ersten Montags- demonstrationen gegeben", sagt Gottfried Weise im Rückblick. Von den Funktionären sei daraufhin entschieden worden, die Begegnung ins beschaulichere Karl-Marx-Stadt zu verlegen, um Unruhen rund um das sportliche Großereignis zu vermeiden.

Von Begeisterung für das WM-Qualifikationsspiel konnte keine Rede sein. "Im Land gärte es an allen Ecken und Enden. Der Fußball war zur völligen Nebensache geworden, was sich auch in deutlich sinkenden Zuschauerzahlen bei DDR-Oberligaspielen widerspiegelte", erklärt der heute 75-jährige Weise. So kam es, dass sich zum Länderspiel gegen die sowjetische Elf nur knapp 16.000 Besucher im Thälmannstadion einfanden.

Doch die bekamen viel geboten. In einer dramatischen Schlussphase drehte die DDR-Elf den 0:1-Rückstand aus der 74. Minute noch in einen 2:1-Sieg per Doppelschlag von Andreas Thom (81.) und Matthias Sammer (83.). Dieses Endergebnis überraschte auch den Fernsehkommentator. "Schließlich war die UdSSR fast mit ihrer kompletten Mannschaft von 1988 angetreten, als sie Vizeeuropameister wurde", so Weise. Nach der Niederlage in Karl-Marx-Stadt sei der sowjetische Trainer Waleri Lobanowski dermaßen sauer gewesen, dass er die Journalisten vor der Pressekonferenz eine Stunde warten ließ. Im DDR-Lager wurde indes ausgelassen gefeiert. "Nach dem Spiel war ich in der Kabine, wo sich Spieler und Trainer in den Armen lagen", erzählt Weise.

Einer der Besten im DDR-Trikot war an jenem 8. Oktober 1989 der Lokalmatador vom FCK, Rico Steinmann. Über die spärliche Zuschauerkulisse sagte Steinmann später: "Es herrschte Aufbruchstimmung im Land. Vielleicht war es eine Art Protest, dass viele Fußballfans dem Spiel gegen die Sowjetunion fernblieben. Hätte der Gegner beispielsweise Italien geheißen, wäre das Stadion sicherlich voll gewesen."

Sechs Tage nach dem Mauerfall trat Steinmann mit der DDR-Elf in Wien gegen Österreich an. Dort hätte ein Remis für die WM-Teilnahme gereicht. Die Auswahl von Nationaltrainer Eduard Geyer kam jedoch mit 0:3 unter die Räder. Offensichtlich waren die DDR-Kicker mehr damit beschäftigt, zu welchem Bundesligaclub sie wechseln sollten. Dass die große WM-Chance vertan wurde, fand auch Gottfried Weise schade. "Diese junge Mannschaft mit ihrem großen Offensivpotenzial hätte beim Turnier in Italien eine gute Rolle spielen können", sagt Weise, der aus dem mittelsächsischen Niederschöna stammt und als Jugendlicher beim FC Karl-Marx-Stadt kickte.

In seiner langen Reporterkarriere erlebte Weise viele große Momente. So interviewte er Franz Becken- bauer, Pelé und Johann Cruyff. Besonders gern denkt der Wahl-Berliner an den Dezember 1986 zurück. Damals gelang es ihm, den argentinischen Superstar Diego Maradona fürs DDR-Fernsehen vor die Kamera zu bekommen. "Das war im Rahmen einer Trainingseinheit in Neapel, wo Maradona zu jener Zeit unter Vertrag stand", berichtet Weise. Er sei mit italienischen Kameraleuten unterwegs gewesen. "Ich hatte die Zusage von Maradonas Privatsekretärin für ein Interview. Nach längerer Wartezeit kam er dann auch, begleitet von vier Sicherheitskräften", so Weise, der nach der Wende für den Sportkanal in London, das Deutsche Sportfernsehen und für Eurosport arbeitete. Heute ist er noch als Buchautor und freier Journalist bei Zeitungsverlagen aktiv.

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