Denksportler wird mit fast 79 Jahren Vizeweltmeister

Fred Kunzelmann aus Chemnitz hat seinen bisher größten Erfolg als Fernschachspieler gefeiert. Bis er die Medaille erhält, muss der pensionierte Arzt ähnlich viel Geduld aufbringen wie bei seinen Wettkämpfen.

Wenn es mal wieder länger dauert: Knapp zweieinhalb Jahre ist es her, dass er bei der 30. Weltmeisterschaft im Fernschach seine erste Partie begann. 17 Denksportler hatten sich für die Titelkämpfe qualifiziert, und Fred Kunzelmann von der USG Chemnitz war einer von ihnen. Seine Aussichten schienen nicht besonders rosig zu sein: Der pensionierte Arzt war an Nummer 17 gesetzt. "Als Außenseiter habe ich mich trotzdem nicht gefühlt. Immerhin war es bereits meine zweite WM-Teilnahme", erklärte Kunzelmann am Montag im Gespräch mit der "Freien Presse".

Der Chemnitzer wollte sein Licht zu Recht nicht unter den Scheffel stellen, denn jetzt ist er Vizeweltmeister - und das mit fast 79 Jahren! In den Fernduellen mit seinen 16 Kontrahenten aus aller Welt blieb Kunzelmann ungeschlagen und musste in der Endabrechnung nur dem Russen Andrej Kochemasow den Vortritt lassen. Seinen denksportlichen Triumph kommentierte der USG-Spieler voller Bescheidenheit. "Es ist wie in anderen Sportarten, man muss auch mal Glück haben", bemerkte Kunzelmann. Unter Glück verstehe er in dem Fall, keinen groben Fehler begangen zu haben.

So ein hochkarätig besetztes Fernschach-Turnier ist harte Arbeit und kann zum Vollzeitjob werden. Das hat auch mit der Zeitverschiebung zu tun. "Die Züge amerikanischer Spieler treffen zumeist frühmorgens ein", so Kunzelmann. Spät am Abend unserer Zeit sei mit den Asiaten zu rechnen. In Hektik muss ein Fernschachspieler dennoch nicht verfallen. "Für zehn Züge hat man 50 Tage Zeit. Das kann man sich einteilen, wie man will", erklärte der 78-Jährige, der drei Computer zu Hause hat: Zwei leistungsstarke stehen im Wohnzimmer, ein älteres Modell ist als Ersatz im Keller deponiert.

Fernschach hat viel mit Analyse zu tun. "Ich habe mehrere Millionen Partien auf meinen Computern gespeichert. Gerade erst ist wieder eine CD mit 1,5 Millionen Partien eingetroffen. Das muss man erst einmal archivieren", so Kunzelmann, der beim Fernschach "jeden geplanten Zug hundertmal überprüft". Mit seinem zweiten Platz bei der WM hat er nach jetzigen Regularien einen Startplatz für die im Sommer 2020 beginnende nächste Weltmeisterschaft sicher. "Die werde ich wohl noch spielen", kündigte der Doktor der Medizin an.

Bevor er seine Silbermedaille in der Hand halten kann, muss er ähnlich viel Geduld wie bei seinen Wettkämpfen aufbringen: Erst während des Fernschach-Weltkongresses im Herbst nächsten Jahres im schottischen Glasgow wird die Sieger- ehrung stattfinden. "Dorthin reisen will ich deswegen nicht. Ich werde mir die Medaille wohl zusenden lassen", sagte Kunzelmann, der sich früh dem königlichen Denksport zugewandt hatte. Zunächst spielte er das herkömmliche Schach. "Doch das war später mit meinem Beruf als Mediziner zeitlich nicht mehr zu vereinbaren. Werktags wurde oft trainiert - und dann noch die Wettkämpfe am Wochenende", sagte der Pensionär. So wandte sich der Chemnitzer dem Fernschach zu, das er nach eigener Aussage bereits im achten Schuljahr ausprobiert hatte. "Zu der Zeit wurden die Züge noch mit Postkarten oder Briefen an die Kontrahenten übermittelt", erinnerte sich der WM-Silbermedaillen- gewinner von 2019.


Reichlich Bedenkzeit für einen Zug

Als Fernschach wird eine Variante des Schachspiels bezeichnet, bei der sich die Partner nicht am Brett gegenübersitzen, sondern sich an unterschiedlichen Orten befinden und die Züge mittels eines Mediums austauschen. In früheren Zeiten waren das zum Beispiel Briefe oder Post- karten. Mittlerweile werden Turniere vorwiegend per Computer auf einem Fernschachserver ausgetragen.

Die Denksportler dürfen in dieser speziellen Disziplin alle Hilfsmittel einsetzen, die ihnen zur Verfügung stehen. Dazu zählen Bücher, Schachdatenbanken und Computerschachprogramme. Fernschach wird nach den üblichen Regeln des königlichen Spiels bestritten.

Teilnehmer an Turnieren müssen viel Zeit und Geduld mitbringen. So können Weltmeisterschaften schon mal drei Jahre oder länger dauern. Bei offiziellen Wettbewerben hat jeder Spieler - je nach Turnier - zwei bis sechs Tage Bedenkzeit pro Zug zur Verfügung. Die erste überlieferte Fernschachpartie fand 1804 innerhalb von Holland statt. Damals duellierten sich ein Oberstleutnant aus Den Haag und ein Offizier aus Breda. (ms)

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