"Der Sportunterricht ist nur noch fünftes Rad am Wagen"

Leichtathletik: LAC-Präsident Peter Seifert über Ziele seines Vereins und Probleme des Leistungssports

Der Leichtathletik-Club (LAC) Erdgas Chemnitz steht in diesem Jahr vor besonderen Heraus- forderungen. Höhepunkt ist die Weltmeisterschaft in Doha/Katar. Mario Schmidt sprach mit Vereinspräsident und Ex-Oberbürgermeister Peter Seifert über die sportliche Situation, Probleme bei der Trainer- und Sponsorensuche sowie über den Leistungssport in Chemnitz.

Freie Presse: Der LAC Chemnitz ist erfolgreich ins Jahr gestartet, unter anderem mit fünf Medaillen bei der Deutschen Hallenmeisterschaft. Wird 2019 ein Superjahr für den Verein?

Peter Seifert: Superjahr sicher nicht. Seit unserer Gründung 1993 sind wir der erfolgreichste Chemnitzer Sportverein mit zwei Olympiasiegen und mehr als einem Dutzend WM- und EM-Titeln. Ich denke, dass wir auch bei den anstehenden Titelkämpfen ordentlich abschneiden werden.

Bereits kommende Woche bei der Hallen-Europameisterschaft in Glasgow?

Ich erhoffe mir, dass Dreispringerin Kristin Gierisch ihren Titel verteidigen kann. Sie ist in toller Form, und auch Max Heß kann wieder mit um die Medaillen kämpfen.

Apropos Max Heß. Er hat zwei enttäuschende Jahre hinter sich. Haben Sie sich große Sorgen um ihn gemacht?

Eigentlich nicht, es gab ja dafür Gründe. Max hatte mehrere Verletzungen. Zudem hat er an der TU Chemnitz ein Studium begonnen. Alles unter einen Hut zu bekommen, war nicht einfach, aber er wird bald wieder an seine frühere Leistungsstärke anknüpfen können.

Saisonhöhepunkt ist Ende September/Anfang Oktober die Weltmeisterschaft im katarischen Doha. Was erhoffen Sie sich aus LAC-Sicht?

Ziel ist es, vier Teilnehmer an den Start zu bringen. Neben den beiden Dreispringern können 400-Meter Läufer Marvin Schlegel und Hürdensprinterin Franziska Hofmann die Qualifikation schaffen. Mit etwas Glück ist im Dreisprung eine Medaille für uns drin.

Wie sieht es im Nachwuchs aus?

Nicht schlecht. Wir haben eine Handvoll junger Sportler, die in ihrer Altersklasse in Deutschland schon an der Spitze stehen. Sie können in die Fußstapfen der jetzigen Spitzenathleten treten.

Trifft das auch auf die Trainerfrage zu?

Es ist äußerst schwierig, hochqualifizierte junge Trainer zu finden. Es gibt in Deutschland keine akademische Trainerausbildung mehr, und die Bezahlung ist schlecht. Oft gehen erfolgreiche Trainer ins Ausland, wo sie mehr Anerkennung erhalten.

Viele Chemnitzer Sportvereine beklagen, dass die Sponsorensuche immer schwieriger wird. Macht der LAC dieselbe Erfahrung?

Eindeutig ja. Auch wir haben Mühe, unseren jährlichen Etat abzusichern. Es ist mit Ausnahme des Spitzenfußballs ein Problem vieler Sportarten, dass ihre Fernsehpräsenz zunehmend geringer wird und sich so Sponsoren nicht öffentlichkeitswirksam präsentieren können.

Wie hoch ist das Jahresbudget Ihres Clubs?

Es liegt unterhalb eines mittleren sechsstelligen Bereiches. Wir übernehmen für unsere fast 700 Mitglieder alle Wettkampf- und Reisekosten und beschäftigen 25 Trainer beziehungsweise Übungsleiter. Da wir zusammen mit Leipzig Bundesleistungszentrum sind - ein Status, den Dresden verloren hat - , bekommen wir aber auch Zuschüsse zur Trainerfinanzierung.

Zurück zum Sportsponsoring in Chemnitz. Die Lage wird in den nächsten Jahren sicher noch angespannter, weil der CFC neue Förderer braucht und die Basketballer für Liga eins einen Mindestetat von drei Millionen Euro auf die Beine stellen müssen.

Das gesamte Sponsoring- und Spendenvolumen entspricht leider nicht dem Leistungsvermögen der Chemnitzer Wirtschaft. Viele Unter- nehmen engagieren sich gar nicht oder nur im kulturellen und sozialen Bereich, was ja auch in Ordnung ist. Im Gegensatz etwa zur Sparkasse Chemnitz oder auch Eins Energie in Sachsen leisten die großen Konzernbetriebe kaum einen Beitrag.

Mit Ausnahme der Leichtathleten, Bahnradsportler und Kunstturnerinnen gibt es in Chemnitz kaum noch Sportarten mit Aussichten auf internationale Medaillen. Woran krankt der städtische Leistungssport?

Der Sport hat in der Gesellschaft keinen so hohen Stellenwert mehr. Schon in den Schulen ist der Sportunterricht nur noch das fünfte Rad am Wagen. Weitere Gründe sind die bereits erwähnten Probleme hinsichtlich Trainer und Sponsoring.


Peter Seifert

Der 77-jährige gebürtige Zwickauer studierte und promovierte an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt. Beruflich war Peter Seifert im Bereich der Computerentwicklung und Datenverarbeitung zunächst im VEB Robotron und später im Meß- gerätewerk Zwönitz tätig. Von 1993 bis 2006 war das SPD-Mitglied Oberbürgermeister von Chemnitz. Seifert ist Ehrenbürger der Stadt. Die größte Leidenschaft des zweifachen Vaters gilt von jeher der Leichtathletik, die er früher selbst erfolgreich betrieb. So lief Seifert die 100 Meter unter elf Sekunden. (ms)

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