"Ein Radwechsel durfte nur 15 Sekunden dauern"

Alfons Kindermann feiert seinen 80. Geburtstag. Als Chefmechaniker der Radsport-Nationalmannschaft hatte er großen Anteil an internationalen Erfolgen.

Er kennt wirklich jedes Teil an einem Rennrad. Und das ist kein Wunder: 36 Jahre lang war Alfons Kindermann als Chefmechaniker bei unzähligen nationalen und internationalen Radrennen dabei. Am heutigen Samstag feiert der gebürtige Bautzener, der seit 1959 in Chemnitz lebt, seinen 80. Geburtstag. Viele bekannte Sportler wie der Olympiasieger und zweifache Gewinner der Friedensfahrt, Olaf Ludwig, haben für die Feier zugesagt.

Ludwig und viele andere Radsportasse hatten es Kindermann zu verdanken, dass während der Rennen alles rund lief - auch bei brütender Hitze, Sturm oder Hagel. "Ich bin die Friedensfahrt 30 Mal als Mechaniker mitgefahren", erzählt der Jubilar. Noch heute schwärmt er vom kollegialen Verhältnis unter den Sportlern und Mechanikern, egal, ob man aus sozialistischen oder kapitalistischen Ländern kam.

Seine erste Friedensfahrt erlebte er 1971. Der Druck war hoch: "Damals ging es für uns ums Überleben. Die Friedensfahrt als bedeutendstes Amateurrennen galt für die Sportler der DDR als Qualifikationswettbewerb für internationale Titelkämpfe. Den letzten Einzelsieg hatte sich 1968 Axel Peschel geholt", berichtet Kindermann. Es habe acht Jahre gedauert, bis mit Hans-Joachim Hartnick wieder ein DDR-Akteur die Tour gewinnen konnte. Neben der Friedensfahrt war Kindermann der Chefmechaniker für die DDR-Nationalmannschaft und nach der Wende fürs gesamtdeutsche Nationalteam. "Ich habe einige Olympische Spiele und Weltmeisterschaften miterlebt", erzählt der Chemnitzer. "Vor allem die Spiele 1988 in Seoul waren sehr erfolgreich. Dort wurde Olaf Ludwig Olympiasieger. Und auch die Vierer-Mannschaft gewann Gold", schwärmt Kindermann noch heute. Die Sportler hätten genau gewusst, welch enormen Beitrag die Mechaniker zu den Erfolgen leisteten.

Mechaniker ist Kindermann vor allem durch seinen Trainer Helmut Lohse geworden. "Ich bin von 1959 bis 1964 beim SC Wismut Karl-Marx-Stadt Rad gefahren. Als ich aufhörte, fragte mich Lohse, ob ich nicht als Mechaniker weiter im Radrennsport arbeiten will", erinnert sich der 80-Jährige. Flinke Finger, ein gutes Auge und schnell das passende Werkzeug bei der Hand - das seien die Voraussetzungen für einen Radsportmechaniker. "Durch meine Tätigkeit in der Hausschlosserei im ehemaligen VEB Barkas brachte ich eine Menge handwerkliches Geschick mit", so Kindermann. Dennoch habe er für seine neue Aufgabe viel geübt. "So durfte ein Radwechsel nicht länger als 15 Sekunden dauern", weiß er noch genau.

Nach der Deutschen Einheit sei er im Gegensatz zu vielen Kollegen vom Bund Deutscher Radfahrer übernommen worden und konnte bis 2000 weiter als Mechaniker arbeiten. Und noch heute ist er aktiv: Kindermann betreut beim Chemnitzer Polizeisportverein die erfolgreichen Bahnradsportler Stefan Bötticher und Joachim Eilers als technischer Berater. Auch den Schülern am Sportgymnasium gibt er Tipps, wenn am Rennrad Probleme auftreten. "Einmal in der Woche bin ich auf der Radrennbahn im Sportforum", so der Unruheständler.

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