Familienduell auf der Schanze

Beim Abendsprunglauf in Grüna ist Arne Schmidt gegen seine Tochter Megi Lou angetreten. Kurios: Die Elfjährige hat deutlich mehr Skisprung-Erfahrung als ihr Vater.

Carina Vogt ist schuld. Schuld daran, dass Megi Lou Schmidt mit 60 Kilometern pro Stunde eine Rampe hinunterfährt, um dann fast 40 Meter durch die Luft zu fliegen. Und irgendwie auch schuld daran, dass sich die Elfjährige vom Wintersportverein (WSV) Grüna mit ihrem Vater beim Skispringen duelliert - wie am Samstag beim Abendsprunglauf in Grüna.

Aber der Reihe nach. Megi Lou-Schmidt war fünf Jahre alt, als sie die Profi-Skispringerin Carina Vogt im Fernsehen sah. "Da habe ich gesagt: ,Das will ich machen'", erinnert sie sich. Sie hatte zuvor schon Erfahrung im Alpin Ski gesammelt, nun stand also ein Probetraining beim WSV Grüna auf der kleinsten Schanze an. "Ich wusste nach dem ersten Sprung: Das ist die richtige Sportart für mich", berichtet Megi Lou. Schon zwei Jahre später durfte die damals Siebenjährige auf die große Gussgrundschanze: "Angst hatte ich nicht, aber es hat ganz schön im Bauch gekribbelt." Mittlerweile absolviert sie die Sprünge routiniert, am Samstag stellte sie mit 39,05 Metern eine neue persönliche Bestleistung auf. "Ich will eine richtige Skispringerin werden - und berühmt", sagt die Nachwuchssportlerin. Kürzlich hat sie in der Schule einen Vortrag zum Skispringen gehalten. "Die Lehrerin hat hinterher zu mir gesagt: ,Megi, du bist verrückt.'"

Verrückt beschreibt auch ganz gut, wie ihr Vater zu dem Sport gekommen ist. Der 47-Jährige ist ein Späteinsteiger. Er habe seine Tochter zum Training begleitet und sich für ihren Sport begeistert. "Beim Skifasching habe ich dann die Trainer gefragt, ob ich vielleicht mal auf die kleine Schanze darf", berichtet Arne Schmidt. Er durfte - und absolvierte im Alter von 44 Jahren seinen ersten Skisprung. "Da war es um mich geschehen", sagt der Sportlehrer für Erwachsene. Seine Frau habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen - wie schon, als die Tochter ihr neues Hobby bekannt gab. "Sie sagte: Jetzt drehen sie alle durch.'" Die sportlichen Ausflüge von Ehemann und Tochter unterstütze sie dennoch, sagt Arne Schmidt. "Und das Schöne ist ja: Ich teile das Hobby meiner Tochter als Aktiver."

Dass jemand so spät in die Sportart einsteigt, sei äußerst selten, heißt es beim WSV Grüna. Arne Schmidt ist das bewusst. "Manchmal fühle ich mich wie Eddy the Eagle." Der britische Athlet Michael Edwards war eine Ausnahme, weil er als erster Springer für Großbritannien bei Olympischen Winterspielen an den Start ging. Zumindest was die Platzierungen angeht - Edwards wurde bei den Spielen Letzter - will es der Chemnitzer aber besser machen. "Ich gehe das schon ehrgeizig an", sagt Schmidt. Seine Bestweite von 37,05 Metern würde er gerne auf 40 Meter steigern. "Das wird sehr schwer." Angst vor Verletzungen habe er nicht: "Aber Respekt. Und die Gesundheit geht immer vor." Selbst sein Chef unterstütze ihn, berichtet Schmidt. "Er hat gesagt: ,Arne, mach vorsichtig. Aber mach's!'"

So werden sich Vater und Tochter also noch eine Weile miteinander messen. Am Samstag hatte die Jüngere und Erfahrenere die Nase vorn. Zwei Meter weiter als ihr Vater sprang sie, das bedeutete zugleich Platz eins in ihrer Altersklasse.


30 aktive Springer

Skispringen hat in Grüna eine lange Tradition. Die erste Schanze wurde 1925 in Betrieb genommen. 1953 wurde mit dem Bau der Gussgrundschanze am jetzigen Standort begonnen, 1989 wurde sie modernisiert. 1990 fand der erste Abendsprunglauf statt.

Etwa 30 Springer zwischen 4 und 53 Jahren sind aktuell beim WSV Grüna aktiv. Sie werden von sieben Trainern betreut. Immer wieder wechseln Talente aus Grüna an die Leistungsstützpunkte Oberwiesenthal und Klingenthal. Der Chemnitzer Verein wurde wiederholt für seine Nachwuchsarbeit ausgezeichnet. (lumm)

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