"Ich habe mich gern gequält"

Kerstin Streit, Kapitänsfrau des HV Chemnitz, hat ihre 26-jährige Handball-Laufbahn beendet. Es war eine besondere.

Kerstin Streit, wie sie die Fans des HV Chemnitz über viele Jahre kanntenund schätzten: Die Kapitänsfrau zeigte stets vollen Einsatz und ging dorthin, wo es besonders wehtut.

Von Mario Schmidt

Keine Schmerzen und kein blauer Fleck nach dem Spiel: Sollte dieser Fall doch einmal eingetreten sein, war etwas schiefgelaufen. "Ich habe mich gefreut, wenn es hinterher wehtat. Denn dann wusste ich, dass ich auf dem Feld alles gegeben habe."

Die das sagt, heißt Kerstin Streit und hat gerade ihre 26 Jahre lange Handball-Laufbahn beendet. Mit ihr verliert Drittligist HV Chemnitz mehr als nur eine Kapitänsfrau und routinierte Spielerin. "Kerstin ist eine Institution im Verein. Dass sie so lange auf diesem Niveau aktiv war, ist fantastisch - da kann man nur den Hut ziehen", schwärmt ihr langjähriger Trainer Thomas Sandner, der sein Amt beim HVC ebenfalls aufgegeben hat.

Der Verein hieß noch Sachsen- hydraulik Schönau, als sich die gebürtige Karl-Marx-Städterin 1992 als Handballerin anmeldete. "Ich hatte vorher viele andere Sportarten probiert", erzählt Kerstin Streit. Dem damals zwölfjährigen Mädchen war bald klar: Handball als körperbetonte, schnelle Sportart entspricht ihrem Naturell. "Ich bin anders als andere und wollte nicht das machen, was normal für eine Frau ist", bemerkt Streit, die zwei Jahrzehnte in der ersten Mannschaft des HVC spielte und in dieser Zeit mehr als 400 Partien bestritt. Ihre Gegnerinnen hatten wenig zu lachen.

Die Blondine ging meist aufs Ganze - und immer wieder dorthin, wo es beim Handball besonders wehtut. "Ich habe mich gern gequält", sagt sie über sich. So bekam sie irgendwann den Spitznamen "Kamikaze" verpasst. "Ich habe stets versucht, das Maximale herauszuholen. Wenn ich in der Deckung stand, ist kaum eine Gegenspielerin durchgekommen", kann Kerstin Streit von sich behaupten. Obwohl es über so viele Jahre heftig zur Sache ging, fiel sie nur einmal für längere Zeit aus. "Ich war Mitte 20, als ich kurz hintereinander einen Kreuzbandriss hatte und mir den Arm brach. Das warf mich damals ganz schön aus der Bahn, ich musste etwa ein Jahr lang pausieren", berichtet die heute 38-Jährige, die beruflich als Filialleiterin im Einzelhandel tätig ist. Über kleine Blessuren konnte sie nur müde lächeln. Wie ihre Teamgefährtinnen musste sie bei Fingerschmerzen weder den Arzt oder Apotheker fragen, sondern Trainer Sandner: "Wir haben abends Schwedenkräuter drauf- getan, das war sein Tipp - und hat geholfen", erzählt Kerstin Streit schmunzelnd.

Irgendwann einmal den Verein zu wechseln, sei ihr nie in den Sinn gekommen. "Das Gesamtpaket beim HVC mit der familiären Atmosphäre, der Fankulisse und dem tollen Zusammenhalt in unserem Team hat einfach gepasst", betont Streit. Sie sei glücklich, dass ihr in den letzten beiden Jahren ihrer Karriere die beiden größten Erfolge vergönnt waren: der Aufstieg in die Dritte Liga 2017 und der hart erkämpfte Klassenerhalt in der vergangenen Saison. "Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Jetzt ist es an der Zeit, Platz für Jüngere zu machen, damit sie neue Impulse setzen können", sagt die langjährige Rückraumspielerin.

Auch wenn der Abschied nach einer solch langen Laufbahn gewiss nicht leichtfällt: Es gibt ein Leben nach dem Handball. Und auf das freut sich Kerstin Streit. "Ich habe jetzt mehr Zeit für die Familie, für Freunde und für mich selbst", betont sie. Die 38-Jährige will sich verstärkt anderen Hobbys zuwenden, die hauptsächlich sportlicher Natur sind. Selbst Triathlon könnte zum künftigen Freizeitprogramm gehören, wie sie verrät. HVC-Spiele wird die Chemnitzerin vorerst nicht besuchen. "Ich muss erst einmal Abstand gewinnen, den Kopf frei- bekommen", sagt Kerstin Streit. Und Schwedenkräuter muss sie künftig auch nicht mehr kaufen.

1Kommentare
👍1👎0 1005 11.09.2018 Ein Kapitän mit allen positiven Attributen geht leider von Bord.Viel Erfolg im weiteren Leben wünscht Steffen Fischer.
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