"Ich habe nie ein Tor verpasst"

Rainald Berger hat in den vergangenen gut zehn Jahren die alte Anzeigetafel im Stadion an der Gellertstraße bedient. Jetzt ist das gute Stück ausgemustert worden - und für den Ordner eine abenteuerliche Zeit zu Ende gegangen.

An seinen ersten Besuch beim Club kann er sich gut erinnern. "Das war 1969. Der FCK spielte gegen Vorwärts Berlin und verlor 0:3. Auf den Rängen waren die Zuschauer wie Sardinen in der Büchse zusammengedrängt", berichtet Rainald Berger. Den letzten Treffer für die Gäste habe Nationalspieler Otto Fräßdorf erzielt. Lang ist's her.

Bis heute ist Rainald Berger Stammgast im Stadion an der Gellertstraße geblieben - bis vor wenigen Wochen sogar in einer besonderen Funktion: Der gebürtige Karl-Marx-Städter bediente die altehrwürdige Anzeigetafel. Für seine letzte Amtshandlung sorgte CFC-Mittelfeldspieler Matti Steinmann, der im letzten Heimspiel gegen den VfL Osnabrück kurz vor Schluss zum 2:1-Endstand traf. Berger nahm daraufhin die etwa 1,5 Kilogramm schwere, dünne Platte mit der "2" in die Hand, stieg auf den Stuhl und steckte das Hartplasteteil in die nostalgische Anzeigetafel, die ab der kommenden Saison durch eine neue, hochmoderne Anlage ersetzt wird.

Vor reichlich zehn Jahren war Rainald Berger mit der Bedienung der alten Tafel betraut worden. "Das ist immer die Aufgabe der Ordnungsgruppe gewesen, der ich angehörte. Eines Tages legte der Chef mich dafür fest, weil mein Vorgänger aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste", erzählt der heute 57-Jährige. Er sei stolz auf die neue Funktion gewesen. "Das ist ein Belobigungsposten. Man hat das Spiel aus exklusiver Position oberhalb der Südkurve verfolgen können - was will man mehr?", bemerkt Berger.

Das Einschieben der Zahlen, nachdem ein Tor gefallen war, sei allerdings abenteuerlich gewesen. "Das hätte jeden Arbeitsschutzbeauftragten in den Wahnsinn getrieben. Ich bin immer auf einen wackeligen Stuhl gestiegen, der im Winter auch noch hin und her rutschte", sagt Berger, der sich während der Spiele nicht ablenken ließ oder gar ein Nickerchen machte. "Ich habe nie ein Tor verpasst", betont der CFC-Fan. Auch wenn es ihm nicht schmeckte, wenn der Gegner einen Treffer markierte: Er habe die Tore der Kontrahenten stets an der Tafel angezeigt. "Die Fans haben deswegen manchmal geflachst und mir augenzwinkernd die Schuld an Niederlagen gegeben", fügt Berger hinzu.

Da die Platten mit den Ziffern ziemlich schwer waren, nahm sie Rainald Berger nur bis zur "6" mit. "Wenn es mal 5:0 stand, wurde es langsam eng. Dann bin ich unter dem Gelächter der Zuschauer los- gerannt und habe weitere Tafeln geholt", so der Chemnitzer. Gebraucht habe er sie nie. "Mehr als sechs Tore hat der CFC nicht geschossen." Richtig ins Schwitzen wäre Berger vor knapp zwei Jahren gekommen, als die Himmelblauen im DFB-Pokal den Bundesligisten FSV Mainz mit 10:9 nach Elfmeterschießen aus dem Wettbewerb beförderten. "Den Stress hätte ich gern auf mich genommen. Das Spiel fand aber unter der Woche statt, da bin ich auf Montage", erklärt der 57-Jährige. Er ärgere sich jetzt noch, dass er bei dieser denkwürdigen Partie seinen angestammten Platz nicht einnehmen konnte.

Die zurückliegende und zugleich letzte Saison an der alten Anzeige- tafel wurde auch für Rainald Berger zwischenzeitlich zur Nervenprobe. "Es sah ja mal so aus, als würde es für den CFC ganz tief runter in die Regionalliga gehen. Das wäre das Ende des höherklassigen Fußballs in der Stadt gewesen", ist Berger überzeugt. Beispiele wie der FC Carl Zeiss Jena zeigten, dass es äußerst schwierig ist, die Rückkehr in den bezahlten Fußball zu schaffen. "Ein Abstieg hätte auch den Kritikern des Stadionbaus in die Karten gespielt", ergänzt Berger.

Er hoffe, dass die Himmelblauen nächste Saison endlich einmal konstante Leistungen ohne längeren Durchhänger zeigen. "In der Mannschaft fehlt ein Drecksack, der auch mal eine Werbebande eintritt oder eine Gelbe Karte riskiert, um Zeichen zu setzen und das Team auf- zuwecken", meint Berger, der nach seinem letzten Einsatz an der alten Anzeigetafel am 7. Mai nicht in tiefer Traurigkeit versank. Sagt er zumindest. "Ich habe nur gedacht, dass alles einmal zu Ende geht - auch meine Zeit an der Tafel", so Berger. Als Mitglied der Ordnungsgruppe werde er künftig weiter im Stadion anzutreffen sein. Wie sieht seine neue Aufgabe aus? "Das weiß ich noch nicht. Ich lasse mich überraschen."


Klarer Sieg gegen Aue zur Einweihung der Tafel

Zum ersten Mal in Betrieb genommen wurde die jetzt ausgemusterte Anzeigetafel auf der Gellertwiese am 23. Oktober 1976. Zur Premiere zeigte der FC Karl-Marx-Stadt gegen Wismut Aue eine fulminante zweite Halbzeit. Nach einem 1:1 zur Pause landeten die Gastgeber noch einen 5:1-Sieg. Torschützen waren Jürgen Bähringer (2), Wilfried Göcke, Andreas Heydel und Stefan Schädlich.

Die Tafel oberhalb der Südkurve verdiente damals die Bezeichnung "elektronisch". Es blinkten viele kleine Lämpchen, die von einem Schaltraum direkt hinter dem Koloss aus gesteuert wurden. Als der CFC 1991 für seine Zweitliga-Spiele ins Sport- forum umzog, hatte die Anzeigetafel erst mal ausgedient. Nach dem Abstieg in die Regionalliga kehrten die Himmelblauen 1996 an die Gellertstraße zurück - und die Tafel wurde wieder benutzt. Allerdings war die Elektronik im Eimer, sodass manuelle Bedienung angesagt war.

Mit den Umbau-Arbeiten zur neuen Arena wurde der Koloss in der Südkurve abgebaut und durch ein Provisorium ersetzt, das vor der Haupt- tribüne aufgestellt wurde. Auf die Frage, was mit der alten Anzeigetafel passiert, antwortete CFC-Geschäftsführer Sven-Uwe Kühn: "Sie wird im neuen Stadion einen Ehrenplatz erhalten." (ms)

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