"In einem Jahr reicht der Platz nicht mehr"

Basketball: Interview mit Niners-Sportdirektor Konstantin Lwowsky über Nachwuchssuche, Toptalente und Hallenprobleme

Nachdem er zwölf Jahre lang bei Alba Berlin gearbeitet hatte, wechselte Konstantin Lwowsky im Sommer 2017 als Sportlicher Leiter zu den Niners Chemnitz. Der 44-Jährige gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Jugend- Basketballtrainer. Mario Schmidt sprach mit ihm über die Situation im Nachwuchsbereich des Zweit- ligisten, der sich Niners Academy nennt und dem gegenwärtig rund 750 Spieler angehören.

Freie Presse: Die Profis der Niners führen die Tabelle klar an, sorgen für Begeisterung. Wie sind unterdessen die Bundesligateams der Altersklassen U 19 und U 16 in die Saison gestartet?

Konstantin Lwowsky: Unterschiedlich. Unsere U 19 hat in der Nachwuchs-Bundesliga alle ihrer bisherigen fünf Begegnungen verloren, drei davon sehr knapp. Im Kader stehen einige herausragende Talente, in der Breite ist die Mannschaft aber noch nicht stark genug und muss sich deutlich steigern. Hingegen hat die U 16 in der Jugend-Bundesliga die Mehrzahl ihrer Spiele gewonnen und befindet sich auf Playoffkurs.

Warum hat der Verein das U-19-Team nicht so verstärkt, dass es besser mithalten kann?

Das würde unserer Philosophie widersprechen. Wir wollen keine ausländischen Spieler einkaufen, sondern die hiesigen Talente fördern. Da muss man dann auch mal eine schwächere Saison aushalten. Ich hoffe, dass die Qualität des Kaders reicht, um nicht abzusteigen.

Sie sprachen von großen Talenten. Wem kann man in naher Zukunft den Sprung ins Profiteam zutrauen?

Bruno Albrecht zum Beispiel. Er ist sowohl in der Nachwuchs-Bundes- liga als auch in der Männer-Regionalliga, wo die Talente ebenfalls eingesetzt werden, der Topscorer unter allen Mannschaften - und das mit 17 Jahren. Zudem erhoffen wir uns von Leon Hoppe einen weiteren Sprung nach vorn, genau wie von Robin Kottke, den wir im Sommer aus Würzburg geholt haben. Robin ist bereits 2,12 Meter groß.

Eines Ihrer Ziele ist, deutlich mehr Kinder in Chemnitz für Basketball zu begeistern. Wie kommen Sie voran?

Sehr gut. Wir führen immer freitags unser Schnuppertraining durch, an dem jedes Mal ein Dutzend neuer Kinder teilnimmt, um sich auszuprobieren. Wir arbeiten inzwischen mit 25 Grund- und fünf Oberschulen in Chemnitz und Umgebung zusammen. Hinzu kommen fünf Kitas. Wir würden noch mehr machen, doch dazu bräuchten wir mehr Trainerstellen und Übungs- leiter beziehungsweise Erzieher.

Ist die CFC-Krise eine Chance für die Niners, um mehr Jungen anzulocken?

Das weiß ich nicht. Fest steht, dass es bei Kindern einen Automatismus gibt. Sie rennen zum Fußball, wenn man ihnen kein anderes Angebot unterbreitet. Deshalb ist es für uns so wichtig, in Kitas sowie in 1. und 2. Klassen von Grundschulen zu gehen. Etwa ab der 3. Klasse sind die meisten Jungs an den Fußball vergeben.

Wie hilfreich wäre der Aufstieg der Niners-Profis in Liga eins für die Nachwuchsgewinnung?

Ich habe schon bei Erstligisten gearbeitet und kann feststellen, dass die Bedingungen für Jugend-Spitzenbasketball in Chemnitz jetzt schon vergleichbar mit Standorten in der Ersten Liga sind. Wir können im Zusammenspiel von Verein und Sportschule mit unserem umfassenden Trainings- und Betreuungsangebot sicherstellen, dass ein talentierter Spieler mit der richtigen Einstellung seinen Weg in den Profisport mit uns finden kann. Ein Aufstieg unserer Profis würde die Anziehungskraft der Niners für Kinder natürlich noch erhöhen.

Zu sehr guten Bedingungen gehört aber auch, dass man genügend Platz hat. Sie haben schon 2017 darauf hingewiesen, dass die Niners eine zusätzliche Trainingshalle brauchen, weil sich alles in der Hartmannhalle abspielt. Gab es dazu Gespräche mit der Stadt?

Das ist ein sehr schwieriges Thema, bei dem wir nicht vorankommen. Eine konkrete Lösung mithilfe der Stadt ist noch nicht in Sicht. Seitens der Kommune wird darauf verwiesen, dass in den kommenden Jahren drei neue Schulen in Chemnitz entstehen, mit neuen Turnhallen. Aber das hilft uns momentan nicht. Wenn wir weiter wachsen wollen, reicht der Platz in ein bis zwei Jahren nicht mehr.

Also muss sich der Verein was einfallen lassen.

Ja, wir müssen uns Partner im Bereich der Schulen suchen, um deren Hallen nutzen zu können. Das ist zum Teil schon gelungen. So können wir in der Halle im Blindenzentrum an der Flemmingstraße vor allem in den Ferienzeiten trainieren.

Vor zwei Wochen hat Bundeskanzlerin Merkel die Niners Academy besucht - mit welchen Nachwirkungen?

Egal, mit wem man von den Jungs spricht: Für sie war das ein eindrucksvolles, bleibendes Ereignis. Die Kanzlerin ist sehr sympathisch aufgetreten, hat echtes Interesse an den Sportlern gezeigt. Und sie war länger hier als geplant. Der Regierungssprecher hat dann schon etwas nervös auf die Uhr geschaut, weil der nächste Termin anstand.

Seit Merkel bei den Chemnitzer Basketballern zu Gast war, wirkt sie dynamischer und angriffslustiger als vorher.

Offensichtlich verleiht die Hartmannhalle eine besondere Energie. Das zeigen die Leistungen unserer Profis - und die jüngsten Auftritte der Bundeskanzlerin.

Sie wollten als Sportlicher Leiter Talente aus anderen deutschen Städten auch mit dem Argument nach Chemnitz holen, dass die Stadt schön und lebenswert ist. Kann man das nach den Ereignissen der vergangenen drei Monate voll vergessen?

Überhaupt nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass das positive Denken in dieser Stadt überwiegt. Das bringen auch unsere jungen Basket- baller, die schon vorher hier waren, zum Ausdruck. Sie sagen in Gesprächen mit mir und den Trainern, dass es mal für ein paar Wochen ungemütlich in Chemnitz geworden ist, fühlen sich hier jedoch weiter gut aufgehoben.


Konstantin Lwowsky

Der 44-jährige Berliner hat Deutsch und Sport auf Lehramt studiert. Als Nachwuchstrainer holte er mit mehreren Hauptstadt-Teams deutsche Meistertitel und arbeitete als Assistenzcoach bei den Erstliga-Profis von Alba Berlin.

In Chemnitz ist Konstantin Lwowsky im Jugendbereich unter anderem für die Nachwuchsgewinnung und die leistungssportliche Betreuung zuständig. Zudem versteht sich der dreifache Vater als Bindeglied zwischen Jugend- und Profibereich.

Der Nachname Lwowsky hat mit der westukrainischen Stadt Lwow (Lemberg) zu tun. Von dort stammen seine Vorfahren. Die Endung "-sky" steht

für "aus". Lwowsky bedeutet also, dass jemand aus Lwow kommt. (ms)

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