Insolvenzverwalter: "Herr Georgi ist weiterhin Präsident des Chemnitzer FC"

Klaus Siemon über den Bruch mit der Clubspitze, die Gründe dafür und Kritik an seiner Arbeit

Seit Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Juni ist der Kölner Rechtsanwalt Klaus Siemon der alleinige Chef beim Fußball-Regionalligisten Chemnitzer FC. Im Interview mit Thomas Reibetanz und Benjamin Lummer spricht der 59-Jährige darüber, warum seine aktuelle Aufgabe die schwerste seiner Laufbahn ist und was das Nachwuchsleistungszentrum mit den Sanktionen gegen Präsident Andreas Georgi und Aufsichtsratschef Uwe Bauch zu tun hat.

Freie Presse: Herr Siemon, es könnte aktuell kaum besser laufen für den CFC, oder?

Klaus Siemon: Aus sportlicher Sicht haben Sie Recht. Vier Siege aus den ersten vier Spielen sind mehr, als wir erwarten durften. Hauptgrund ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Sportchef Thomas Sobotzik, Trainer David Bergner und mir sehr harmonisch verläuft.

Bringt die Siegesserie ungeahnte neue Probleme mit sich, weil die Spieler Prämien erhalten?

Die Spieler werden gemäß ihrer Verträge bezahlt - und das auch erfolgsabhängig, richtig. Aber wir waren nicht blauäugig und haben mit dem schlimmsten Fall kalkuliert.

Also mit der optimalen Punktausbeute?

Ganz so optimistisch sind wir dann doch nicht. Es wird auch wieder Spiele geben, die weniger optimal verlaufen. Aber wir glauben daran, dass es viele Siege werden und haben die Prämien auch im Budget vorgesehen.

Eben dieses Budget sorgt für Verwunderung auf der einen und Verärgerung auf der anderen Seite. Gegnerische Mannschaften, aber auch eigene Fans fragen sich: Wie kann sich ein Verein, der offiziell pleite ist, so eine Mannschaft leisten?

Bei der Planung haben wir auf zwei Säulen gesetzt. Die eine sind die Einnahmen des laufenden Geschäfts wie Ticketverkäufe. Die andere setzt sich aus Werbeeinnahmen und Sponsoren zusammen. Hier haben mir Vorstand und Aufsichtsrat des CFC versichert, dass die Wirtschaftskraft in Chemnitz und auch die Unterstützung für diesen Traditionsverein stark genug sind, dass wir weiterhin auf Unterstützung bauen können. Damit hatten sie Recht. Zu Beginn des Insolvenzverfahrens im April hatten der damalige Sportvorstand Steffen Ziffert und der neue Vorstandschef Andreas Georgi mit einem Budget von zwei Millionen Euro für den Kader der Männermannschaft geplant. Meine Vorgabe war, das Budget auf 1,8 Millionen Euro zu reduzieren. Herausgekommen sind wir bei 1,85 Millionen Euro. Diese Summe ist noch nicht komplett durchfinanziert - es sind zum Beispiel noch zwei Logen im Stadion frei - aber wir sind auf einem guten Weg. Nicht zuletzt, weil die Fans weiter zu ihrem Verein stehen. Statt der kalkulierten 3500 Zuschauer pro Heimspiel kamen in den ersten beiden Partien 50 Prozent mehr als gedacht.

Sie haben bei Ihren Planungen für die Vereinssanierung also immer mit Vorstand und Aufsichtsrat zusammengearbeitet?

Natürlich. Ich habe zwar seit 20 Jahren eine Kanzlei in Chemnitz, bin oft in der Stadt und kenne als Fußballfan den CFC und seine Geschichte. Bei der Analyse und auch Planung des Insolvenzverfahrens habe ich mich aber auf die Informationen aus den Gremien verlassen müssen. Und die waren immer gut.

Und dennoch kam es zum Bruch mit dem erst seit Februar amtierenden Vorstandschef Andreas Georgi und Aufsichtsrat Uwe Bauch. Beide ziehen gegen Ihre Entscheidung vor Gericht, sie zu suspendieren.

Hierzu möchte ich zunächst einmal klarstellen: Herr Georgi ist weiterhin der Präsident des CFC, Herr Bauch weiterhin Chef des Aufsichtsrates. Ich habe sie nie von diesen Aufgaben entbunden. Ich habe ihnen aber im Rahmen meiner recht lichen Möglichkeiten - und nur in diesem Rahmen arbeite ich - untersagt, weiterhin im operativen Geschäft tätig zu sein. Das Wort Suspendierung bezieht sich also nur auf das operative Geschäft und heißt im Klartext: Beiden ist der Zutritt zu den Geschäftsräumen des CFC und zur VIP-Tribüne untersagt.

Warum?

Weil ich nicht möchte, dass sie den Mitarbeitern Anweisungen geben, die meiner Arbeitsweise widersprechen. Herr Georgi und Herr Bauch ziehen im operativen Geschäft nicht so mit, wie ich es erwarte, um den Verein zu sanieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Einer der Gründe für die Entscheidung ist, dass Herr Georgi und Herr Bauch das Nachwuchsleistungszentrum als insolvenzfreie Masse sehen wollten. Das bedeutet: Alle Nachwuchsteams und das Leistungszentrum würden aus der von mir verwalteten Finanzierung des Gesamtvereins ausgegliedert. Was wiederum bedeutet, dass sich das Nachwuchsleistungszentrum selbst finanzieren müsste. Das wäre dessen Ende.

Haben beide Herren dieses Vorhaben begründet?

Nein. Und es ist für mich auch nicht nachvollziehbar, die sportliche Grundlage für einen Fußballclub derart zu gefährden.

Gibt es weitere Gründe dafür, dass Sie dem Präsidenten und dem Aufsichtsratschef Hausverbot erteilt haben? Und auch dafür, dass sie die Gerichtsverhandlung gegen diese Maßnahme mit einem Befangenheitsantrag gegen die Richter des Chemnitzer Landgerichts verschoben haben?

Zu beiden Themen werde ich mich nicht weiter äußern. Generell finde ich es auch schade, dass ich mich um dieses Thema kümmern muss. Ich habe hier viel wichtigere Aufgaben zu erledigen.

Ende September steht mit der Gläubigerversammlung ein entscheidender Termin an. Was passiert, wenn die Gläubiger Ihrem Plan nicht zustimmen?

Ich beantworte diese Frage nur in der Theorie. Also theoretisch würde ein Nein der Gläubiger bedeuten, dass der Chemnitzer FC geschäftsunfähig ist. Ich bin aber optimistisch, dass es nicht dazu kommen wird. Ich bin mit vielen Gläubigern im Gespräch, habe bis zum Termin aber auch noch viel Arbeit vor mir.

Wann rechnen Sie mit dem Abschluss des Insolvenzverfahrens, und wie soll es danach weitergehen mit dem Verein?

Zu beidem kann ich mich derzeit nicht äußern, dafür muss erst die Gläubigerversammlung durch sein. Wir haben aber Pläne, um die Probleme zu lösen.

Ist eine Ausgliederung der Profiabteilung eine Option?

Es gibt viele Optionen.

Sie sind seit 1992 als Insolvenzverwalter tätig, haben unter anderem den VFC Plauen und den FSV Zwickau saniert. Wie ordnen Sie im Vergleich die aktuelle Aufgabe ein?

Es ist die arbeitsreichste, die ich bisher hatte. Aber es ist auch Herzblut dabei, weil ich mich Chemnitz verbunden fühle und mittlerweile Fan des CFC geworden bin. Zu viel Euphorie kann ich mir aber nicht leisten. Dann gerät das Wesentliche aus dem Blick. Und das sind die Zahlen.

Sie sind Fan des CFC? Aber es gibt doch auch viel Gegenwind, gerade aus der Fanszene?

Ich widerspreche der Behauptung, dass es bei vielen Fans Kritik gibt. Gerade beim Auswärtssieg des CFC in Erfurt habe ich auch viel Zuspruch von Anhängern erfahren.


Bauch und Georgi zu den Vorwürfen von Siemon

Die Vorsitzenden von Aufsichtsrat und Vorstand Uwe Bauch und Andreas Georgi weisen die Vorwürfe des Insolvenzverwalters Klaus Siemon, sie hätten eine Ausgliederung des Nachwuchsleistungszentrums aus der Insolvenzmasse angestrebt, zurück.

"Auch der neue Vorwurf ist weder zutreffend, noch geeignet, das Vorgehen des Insolvenzverwalters zu rechtfertigen", schreiben sie in einer Stellungnahme. Der Vorwurf sei ihnen auch nicht als Grund für das verhängte Hausverbot genannt worden.

Eine solche Entscheidung hätten sie zudem nicht allein durchsetzen können; dafür hätte es eine Mehrheitsentscheidung der Vereinsgremien gebraucht, so Georgi und Bauch. Es dränge sich der Verdacht auf, "dass der Insolvenzverwalter Schuldige für den Fall aufbauen will, dass sein bisher dem Verein nicht konkret dargelegtes Struktur- und Finanzierungskonzept nicht aufgehen sollte". Das Vorgehen Siemons sowie seine Behauptungen werde man juristisch prüfen lassen, kündigen sie an.


Klaus Siemon

Der 59-jährige Anwalt ist seit 1988 als Insolvenzverwalter tätig. Nach der Wende führten ihn mehrere Aufträge nach Sachsen, unter anderem die Sanierung der Fußballclubs FSV Zwickau und VFC Plauen sowie Insolvenzverfahren von Betrieben beispielsweise aus dem Baugewerbe und der Metallindustrie.

In seiner Jugend bis zum Beginn des Studiums war Siemon Fußball-Tor- hüter. Er lebt in Köln, ist verheiratet und hat sechs Kinder. (lumm/tre)

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