Vom Radsport-Fan zum Experten

Selbst ist Konrad Pirl nie ein Steherrennen gefahren. Aber er hat alle großen Wettkämpfe miterlebt und wird auch dabei sein, wenn die besten Fahrer nach Chemnitz kommen.

Der Plan, wie Konrad Pirl dieses Wochenende verbringen wird, steht schon seit Monaten fest. Denn der Chemnitzer wird seine Schritte Richtung Sportforum lenken, wo auf der Radrennbahn am heutigen Freitag und am Samstag die Deutsche Stehermeisterschaft ausgetragen wird. Dann gehen Radsportler hinter ihren motorisierten Schrittmachern auf dem 333 Meter langen Oval auf Rundenjagd und erreichen dabei durchaus Geschwindigkeiten von mehr als 70 km/h.

Pirl kennt jeden Quadratzentimeter dieser Sportstätte, die 1950 erbaut wurde. "Unsere Familie ist 1951 von Jahnsbach nach Chemnitz an die Bernsdorfer Straße gezogen. Von dort war es nur ein Katzensprung zur Bahn. Und für uns Buben war es damals ein großes Erlebnis, die Steherrennen verfolgen zu dürfen", sagt der heute 79-Jährige. So erinnert er sich noch daran, dass 1952 mit Walter Lohmann aus Bochum der Weltmeister von 1937 und zehnfache Deutsche Stehermeister auf der Bahn gastierte. Da es jedoch regnete, konnte nicht gefahren werden. "Die Leute kamen sogar zu Tausenden wieder, als der Wettkampf wegen der Nässe um einen Tag verschoben werden musste", sagt Pirl.

In den folgenden Jahren verpasste er kaum eine Veranstaltung, oft schaffte er den begehrten Sprung in den Innenraum. "Ich schnappte mir einfach eine Rennmaschine, trug sie auf der Schulter und schon war ich drin", schmunzelt der Chemnitzer. Nachdem der Radsportfan regelmäßig als Zuschauer auf die Bahn kam, wurde er schließlich angesprochen, als Betreuer Teil des Ganzen zu werden. "Ich habe in den folgenden Jahrzehnten unzählige Steher aus dem In- und Ausland betreut, habe ihnen beim Start assistiert, die Schrittmachermaschinen angeschoben oder die Fahrer auswärts begleitet", erinnert sich der sachkundige Senior, der bis zur Rente als Abteilungs- und Sachgebietsleiter im Tiefbauamt der Stadt Chemnitz tätig war.

Nach seinen größten Erlebnissen gefragt, muss Pirl nicht lange überlegen. "Da stehen die Weltmeisterschaften 1958 in Leipzig und 1960 in Karl-Marx-Stadt ganz oben", sagt der Sportexperte, der in den 1970er-Jahren als stellvertretender Obmann für Stehersport agierte, aber selbst nie aktiv ein Steherrennen absolvierte. So erinnert er sich ganz genau, dass im Jahr 1960 rund 33.000 Zuschauer sehen wollten, wie die tollkühnen Fahrer hinter den Motoren im Endlauf um den Titel fuhren. Seine Eindrücke hat er auf unzähligen Fotos festgehalten, die sieben Alben und einen großen Karton füllen.

Nicht nur Pirl weiß, dass es am Wochenende auf den Rängen ein paar Nummern kleiner zugehen wird. Doch Thomas Lippold, der Chef des gastgebenden Radsportvereins Chemnitz, ist guter Dinge, dass die Titelkämpfe ein Erfolg werden. Glaubt man den Prognosen, dürfte auch das Wetter keinen Strich durch den Programmablauf machen. Pirl hat zwei Favoriten auf dem Zettel. So traut er Franz Schiewer zu, am Ende die Reifen ganz vorn zu haben. Der gebürtige Forster reist immerhin als amtierender Europameister im Sportforum an. Die lokale Fahne könnte aus seiner Sicht Robert Retschke hoch halten.

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