Wie der Basketball-Boom in Chemnitz begann

Mit dem Aufstieg in Liga eins könnten die Niners die Entwicklung einer Sportart krönen, die zur Wende in Chemnitz noch eine sehr kleine Rolle spielte. Doch das sollte sich auf spektakuläre Weise ändern.

Der Name war fast schon eine Kurzgeschichte: Betriebssportgemeinschaft des Ingenieur- und Verkehrs- baukombinats "Fritz Heckert" Karl-Marx-Stadt, kurz BSG ITVK. So hieß der Verein, in dem vor der Wende Männerbasketball gespielt wurde. Die Mannschaft trat in der DDR-Oberliga, der höchsten Klasse, an. Interessiert hat das kaum jemanden. "Wir haben anfangs kein Eintrittsgeld verlangt, weil wir froh waren, wenn überhaupt jemand kam", erinnert sich Jens Künze. Er hatte an der DHfK in Leipzig Sport studiert und war von 1985 bis 1990 hauptamt- licher Basketball-Nachwuchstrainer bei ITVK. "Die Männer-Oberliga war Hobbysport. Viermal die Woche wurde nach der Arbeit trainiert. Wer bei ITVK beschäftigt war, durfte immer mittwochs bereits 14 Uhr Feierabend machen und zum Training gehen", erinnert sich Künze.

1986 zogen die Korbjäger für ihre Punktspiele von einer Schulturnhalle in die damals neue Schloßteichhalle um. "Wir dachten, dass es jetzt aufwärtsgeht, und wollten in der Oberliga oben mitspielen. Doch dazu hat es letztlich nicht gereicht", berichtet der heute 59-Jährige. Kurz nach dem Mauerfall wurde Künze Trainer des Männerteams. ITVK gab es nicht mehr. "Wir haben uns dem Verein CSV Union 77 angeschlossen und sind in der Saison 1991/92 Meister der Oberliga Sachsen/Thüringen geworden", so Künze.

Damit war der Aufstieg in die Dritte Liga, die Regionalliga Südost, geschafft. "Dort waren wir die einzigen Ostdeutschen unter vielen bayrischen Teams. Uns war klar: Wenn wir mithalten wollen, brauchen wir einen Ami", sagt Künze rückblickend. Eines Tages sei ein Rechtsanwalt aus Düsseldorf namens Ulrich Lein in der Halle aufgetaucht. "Er hat uns zum Aufstieg gratuliert und angeboten, einen amerikanischen Spieler mitsamt Wohnung zu finanzieren", berichtet Künze. Der Anwalt habe Wort gehalten.

Was dann geschah, sollte sich als Meilenstein in der Entwicklung des städtischen Basketballsports erweisen. Über den Kontakt zur christ- lichen US-Sportorganisation "Athletes in Action" lotste die BG Chemnitz, wie der Verein inzwischen hieß, einen jungen Basketballer nach Sachsen. Sein Name: Matt Linehan. "Wir wollten einen, der mehrere Positionen spielen kann. Schon während der ersten Trainingseinheit war uns klar, was für einen bombastischen Neuzugang wir geholt hatten", erzählt Künze. Trainer und Team kümmerten sich rührend um den jungen Amerikaner, damit er sich menschlich wohlfühlte. "In den Punktspielen ist Matt Linehan langsam aufgetaut, wir haben zu Beginn der Regional- liga Südost fünfmal in Folge verloren", erinnert sich der Trainer.

Aber dann explodierte der Neuzugang aus Übersee förmlich. Seine attraktive, dynamische Spielweise begeisterte das Publikum. "Im Frühjahr 1993 waren die Zuschauerzahlen von 200 auf 600 gestiegen. Später kamen auch mal 1000 Besucher in die Schloßteichhalle", sagt Künze, der 1994 Lehrer am Sportgymnasium wurde und ein Jahr später als Männercoach der BG aufhörte. Noch heute engagiert er sich als Jugendtrainer bei den Niners.

Doch was ist aus dem Basketballer geworden, der durch seine spektakuläre Spielweise einst für den fast märchenhaften Aufschwung der Sportart in Chemnitz gesorgt hatte? Auf Anfrage der "Freien Presse" gab Matt Linehan vor wenigen Tagen Einblick in sein jetziges Leben. "Ich wohne in Rogersville, Missouri, einer Kleinstadt mit 3000 Einwohnern", berichtete Linehan. Seit fast 20 Jahren arbeite er als Grundschullehrer. Seiner Sportart ist er immer noch verbunden. "Ich gebe Privatstunden als Trainer und arbeite im Sommer in Basketballcamps", so der 50-Jährige. Er sei viel in Bewegung und fühle sich fit. Auch für seine beiden Kinder spiele Sport eine große Rolle. "Mein Sohn Josh, der die elfte Klasse besucht, ist ein guter Basketballer", erklärte Linehan. Tochter Brianna geht in die neunte Klasse und hat sich der Leichtathletik sowie dem Volleyball verschrieben.

Von seinen fünf Jahren in Chemnitz (1992 bis 1997) schwärmt der Amerikaner in den höchsten Tönen. "Ich fühle mich geehrt, dass ich Teil der Basketballgeschichte dieser Stadt sein durfte", betonte Linehan, der offenbar immer noch gerührt ist, wie sich seine damaligen Team- gefährten und vor allem der Trainer um ihn gekümmert haben. "Jens Künze und seine Frau haben mich mal nach Budapest mitgenommen. Ich war auch oft bei ihnen zu Hause zum Essen eingeladen, habe im Garten rumgehangen und mir sogar die Haare schneiden lassen", erzählte Linehan. Das alles seien großartige Erinnerungen.

Besonders gern denkt er jedoch an die Begegnung mit einer jungen Dame aus Chemnitz zurück: Sie heißt Simone, und inzwischen ist er mehr als 20 Jahre mit ihr verheiratet. Linehan kann sich gut vorstellen, seiner früheren Wahlheimat wieder mal einen Besuch abzustatten - "wenn meine Kinder erwachsen sind", fügte er hinzu. Das letzte Mal war er 2010 hier. Die Ergebnisse der Niners, wie sein Ex-Club heute heißt, habe er all die Jahre per Internet verfolgt: "Ich freue mich sehr über die Erfolge des Teams und hoffe, dass es so weitergeht", betonte Linehan, der für den Aufstiegskampf gegen Hamburg die Daumen drückt - genau wie sein früherer Trainer. "Man sollte es mit Liga eins probieren. Der Verein ist jetzt deutlich gefestigter und hat ein breiteres Umfeld, das den Basketballsport unterstützt", meint Jens Künze.

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