Wo sich Akrobatik, Varieté und Musik zu einer Show verbinden

Mit einer stadtkritischen Darbietung macht der neugegründete Artistenverein auf sich aufmerksam. Dessen Mitglieder orientieren sich an den ganz Großen der Branche.

Akrobaten sind mitunter hart im Nehmen. Lukas Schlegel vom Ersten Chemnitzer Artistenverein (EAVC) ist der lebende Beweis dafür. Eine Unaufmerksamkeit genügte - und schon stürzte der 19-Jährige von einem unter der Decke hängenden Trapez mehrere Meter in die Tiefe. Obwohl am Bein verletzt, rappelte er sich wieder auf und turnte seinen Part zu Ende. "Normalerweise geht bei der Generalprobe etwas schief, und bei den Aufführungen läuft dann alles perfekt. Diesmal war es eben andersherum", sagte Schlegel hinterher lapidar, noch immer deutlich humpelnd.

Der Vorfall war allerdings der einzige Patzer, den sich die 25 Athleten im Alter von acht bis 25 Jahren leisteten, die jüngst im Pentagon 3 an der Brückenstraße auf Akrobatiktischen, gestapelten Kisten und Metallrollen turnten und sich am Ende den verdienten Applaus abholten. Die Show mit dem Titel "Chemnitz - Stadt hinter dem Regenbogen" war die erste Aufführung des Ersten Artistenvereins Chemnitz überhaupt in dessen noch junger Geschichte vor einem größeren Publikum.

Bei der rund 30 Mitglieder umfassenden Truppe handelt es sich ursprünglich um eine Abspaltung vom Chemnitzer Sportensemble. Im Gegensatz zu diesem sei der Fokus weniger stark breitensportlich ausgerichtet. "Zwischen dem Breitensport und dem professionellen Turnen besteht aus unserer Sicht eine Angebotslücke in der Stadt, die wir schließen wollen", sagt Vereinschef André Bauer. Generell orientiere man sich an den Programmen des weltbekannten "Cirque du Soleil", mit einer Mischung aus Akrobatik, Varieté und Musik.

Im aktuellen Fall wird das Ganze aber auch noch mit einem gehörigen Schuss Kritik am Leben in der Stadt Chemnitz gewürzt. Die geringe Frequentierung der City nach 21 Uhr, die Abrisse der Alleebäume an der Reichenhainer Straße, die aus Sicht des Vereins finanzielle Übervorteilung des Chemnitzer FC durch die Stadt - all das findet sich im Programm wieder, dargestellt durch die Akrobaten.

Diese findet der Verein auf unterschiedlichen Wegen. Lukas Schlegel beispielsweise kam beim Stadtfest mit den Vereinsmitgliedern in Kontakt, die für ihn heute "wie eine zweite Familie" sind. Wie viele andere beim EAVC hat er eine Vergangenheit als Turner, in seinem Fall beim Chemnitzer Kunstturnverein (KTV). Doch auch Kinder, die im Schulunterricht eine Leidenschaft fürs Geräteturnen oder Gymnastik entdecken, ohne sich allerdings einem zu großen Leistungsdruck aussetzen zu wollen, würden sich anmelden. Julia Hänel, einst Deutsche Meisterin im Sprung vom TuS Altendorf, trainiert die Jüngsten dreimal pro Woche in der Sporthalle der Ludwig-Richter-Grundschule in Hilbersdorf. "Natürlich schaue ich schon darauf, wie die körperlichen Fähigkeiten sind, ob ein Kind zum Beispiel einen Handstand beherrscht oder ein Rad schlagen kann", sagt die 26-Jährige, deren Aufgabe es ist, den Nachwuchs an die "Großen" heranzuführen. Wichtig sei, auf jeden individuell einzugehen und allgemein Spaß am Turnen zu vermitteln.

Was die aktuelle Show betrifft, so soll diese noch dreimal laufen - am 9. Juni, 18. August sowie letztmals am 22. September. Richtig spannend wird es aber danach. "Wir wollen irgendwann in der Lage sein, jeden Monat eine neue Show anzubieten", sagt Jens Haase. Der 56-Jährige ist der Kreativkopf im Team. "Wenn ich nachts nicht schlafen kann, hole ich mein Ideenbuch und schreibe hinein. Inzwischen ist es gut gefüllt", sagt er, ohne Inhalte preisgeben zu wollen.

Allerdings gehe die Realisierung, von den Geräten bis zu den Kostümen richtig ins Geld, weshalb man auf Spenden und Sponsorengelder angewiesen sei. Als künftiger, fester Auftrittsort soll das Pentagon 3 dienen, allerdings kann sich Haase durchaus auch Aufführungen anderswo vorstellen, zum Beispiel im Gasometer in Zwickau, wie er betont. Das sei aber wirklich noch Zukunftsmusik.

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