Zu Fuß in die Partnerstadt und zurück

Das Projekt Laufkultour ist nach zwei Jahren Pause mit geändertem Konzept gestartet. Zwölf Frauen und Männer sind seit Freitag auf dem Weg nach Düsseldorf. Was reizt die Läufer? Was nehmen sie für das Projekt auf sich? Und was erwartet sie?

Eigentlich hätten Lea und Luise Zechner gerade gemeinsam mit ihren Eltern die Berge des Allgäus besteigen sollen. Dieser Familienurlaub fällt aber aus. Stattdessen sitzen die beiden Schwestern seit Freitagmorgen im Sattel ihrer Fahrräder - oder sammeln zu Fuß fleißig Kilometer. Sie sind zwei der zwölf Teilnehmer, die sich am wiederbelebten Projekt Laufkultour beteiligen.

Kurz nach neun Uhr am Freitagmorgen erfolgte der Startschuss für den neuaufgelegten Staffellauf. Zwischen 2007 und 2016 begaben sich jeden Sommer Studenten der TU Chemnitz auf eine rund 4000 Kilometer lange Deutschlandumrundung. In den vergangenen beiden Jahren fiel die Veranstaltung aus. Nun ging es wieder los - wieder unter dem Dach des Laufkultour-Vereins, aber mit verändertem Konzept: Statt immer entlang der Außengrenzen Deutschlands zu laufen, führt die Route diesmal mitten durch die Bundesrepublik: über Leipzig, Halle (Saale) und Frankfurt (Main) in die Chemnitzer Partnerstadt Düsseldorf und von dort über Dortmund, Kassel und Jena wieder nach Chemnitz. Das sind insgesamt 1300 Kilometer. Weniger anstrengend als früher dürfte es für die Teilnehmer aber nicht werden. Denn alle Sportler und Sportlerinnen befinden sich zwölf Stunden am Tag immer gleichzeitig auf der Strecke, wobei elf Personen mit dem Rad unterwegs sind, die zwölfte läuft und so das Tempo der Gruppe vorgibt. "Obwohl die Tour nur noch zehn statt früher 16 Tage dauert, besteht die sportliche Herausforderung nun für alle darin, neben dem reinen Laufen auch noch Rad zu fahren und die gesamte Strecke zu absolvieren", sagt Philipp Liebs, einer der Organisatoren und Läufer.

"Ich habe Respekt vor den Laufetappen, zumal ich abends dran bin und mir das nicht so liegt", erklärte die 20-jährige Lea Zechner am Freitag vor dem Start. Und ihre zwei Jahre ältere Schwester Luise ergänzte: "Irgendwann wird der Hintern vom vielen Radfahren schmerzen." Das Geschwisterpaar aus Halle studiert seit einem beziehungsweise vier Jahren an der TU Chemnitz und ist bei Lauftreffs mit dem Verein Laufkultour auf das Projekt aufmerksam geworden. Beide bestreiten in ihrer Freizeit Triathlon-Wettbewerbe. Gemeinsam mit den anderen Laufkultour-Teilnehmern absolvierten sie zuletzt zur Vorbereitung noch einige Duathlon-Einheiten (Radfahren und Laufen). Dennoch ist Lea Zechner zurückhaltend: "Ob wir fit genug sind, werden wir sehen", sagt die junge Frau.

Und warum tun sie sich das an? "Mich interessierten die sportliche Herausforderung und der karitative Zweck", antwortet Luise Zechner. Das Projekt sammelt wie bei früheren Auflagen Spenden und unterstützt die "Aktion Benni & Co". Der gleichnamige Verein engagiert sich für Jungen, welche an der Krankheit Muskeldystrophie Duchenne leiden. Von dieser genetisch bedingten Erkrankung sind deutschlandweit etwa 2000 Jungen betroffen.

Sportlich an die eigenen Grenzen gehen und mit Freunden in der Natur unterwegs sein - das seien seine Motive für die Teilnahme, sagt Thomas Seider. Der 37-Jährige bezeichnet sich selbst als "der Tour-Opa" im Team. Der gebürtige Karl-Marx-Städter hat an der TU Chemnitz studiert, arbeitet mittlerweile aber als Projektingenieur. Für den Staffellauf hat er Urlaub nehmen müssen. "Aber das ist okay, ich bin ja in der Natur unterwegs." Der Hobby-Bergsteiger hat gerade eine Zugspitz-Tour absolviert, sollte dank Höhentraining also fit sein. "Wandern ist allerdings was ganz anderes als Radfahren oder Laufen", gibt Seider zu Bedenken. Vor allem der Wechsel vom Radsattel auf die Laufstrecke sei schwierig. "Da braucht man erstmal eine Viertelstunde, um ins Laufen zu kommen."

Um im Plan zu bleiben, muss jeder Läufer etwa elf Kilometer pro Stunde zurücklegen. Dazu kommen täglich 120 Kilometer auf dem Rad. Die Route führt über Wald- und Fußwege, die Orientierung erfolgt mithilfe von GPS-Geräten. Im Gegensatz zu früheren Teilnehmern übernachten die Sportlerinnen und Sportler der diesjährigen Auflage nicht in Wohnmobilen, sondern in festen Quartieren wie Sporthallen oder Jugendherbergen. Eine eher ungewöhnliche Herberge beziehen sie im nordrhein-westfälischen Soest, verriet Organisator Steffen Kehrer: "Dort schlafen wir in einer Physiotherapiepraxis. Die haben elf Behandlungsbetten, und die dürfen wir nutzen."


Kommentar: Bemerkenswertes Comeback

Studenten und Berufstätige laufen in ihrer Freizeit zehn Tage durch Deutschland und werben für ein Hilfsprojekt. Es gibt nichts zu gewinnen, außer Anerkennung. Schon deswegen ist die Laufkultour auch in ihrer leicht abgespeckten Version ein Vorzeige-Projekt und Werbung für die Stadt. Bemerkenswert ist die elfte Auflage des Staffellaufs aber noch aus einem anderen Grund: der Wiederbelebung nach zwei Jahren Auszeit. Oft genug bedeutet für ehrenamtlich getragene Projekte eine Pause das endgültige Aus, weil beispielsweise Mitstreiter abspringen. Das haben die Organisatoren vermieden. Der Start am Freitagmorgen hätte deswegen mehr Aufmerksamkeit und auch die Anwesenheit eines Vertreters der Stadt verdient gehabt.


"Werbung für Chemnitz und die TU"

Der Rektor der TU Chemnitz, Gerd Strohmeier, hat sich beim Start selbst die Laufschuhe angezogen. Benjamin Lummer hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Sie begleiten die Läufer am ersten Tag?

Gerd Strohmeier: Ja, aber nur auf der ersten Etappe [bis etwa Wittgensdorf, Anmerkung der Redaktion]. Wir haben es überschlagen: Es sollten etwa elf Kilometer sein. Das traue ich mir zu. Ich laufe regelmäßig um den Schloßteich. Das ist meine Standardstrecke.

Warum sind Sie dabei?

Ich finde toll, was die Laufkultour sprichwörtlich auf die Beine stellt, und das möchte ich unterstützen.

Was überzeugt Sie an dem Projekt?

Erst einmal die Idee, gemeinsam eine Strecke zu laufen. Das fördert den Teamgeist. Dazu kommen der karitative Zweck und der sportliche Aspekt, der ja eine große Rolle an der TU spielt. Und dann ist es auch Werbung für die TU, für Chemnitz und für Sachsen - auch wenn das nicht im Vordergrund steht.

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