75-Jähriger will 60 Jahre als Schiedsrichter schaffen

Jürgen Schubert aus Lößnitz ist seit 1960 als Fußball-Referee auf dem Feld und an der Linie im Einsatz. Sport prägt sein Leben und hält ihn fit. Das streitbare Amt verlange vor allem eines, sagt er: beiderseitigen Respekt.

Lößnitz.

Die 60 will Jürgen Schubert noch voll machen. Allerdings nicht mit Blick aufs Lebensalter, denn da hat er die 60 längst erreicht. Vielmehr steht der rüstige Senior, der am 11. August 75 Jahre alt wurde, seit 1960 auf dem Fußballplatz: als Schiedsrichter beziehungsweise Assistent. Damit ist der Lößnitzer derzeit der älteste aktive Referee im Altkreis Aue-Schwarzenberg. Ein Leben ohne Pfeife und Karton? Nicht denkbar für den gelernten Bäcker, der 1943 in Clausthal-Zellerfeld in Niedersachsen geboren wurde und ein Jahr später des Krieges wegen zu den Großeltern nach Wildenfels umzog.

Bei Opa und Oma wuchs er auf, schnürte ab 1954 die Töppen. "Einige Jahre später riet mir der Arzt wegen des Verdachts auf eine Meniskusverletzung, mir etwas anderes zu suchen." Schubert suchte nicht lange, legte 1960 die Referee-Prüfung ab und begann in der Kreisklasse Aue mit dem Pfeifen. "Bis ich in den Bezirk delegiert wurde - für 24 Jahre von 1970 bis 1994." Altersbedingt sollte er dann aufhören und Beobachter werden. "Das war nichts für mich. Da wechselte ich lieber runter in den Kreis, um noch bisschen weiterzumachen." Seiner Gilde blieb er auch mit über 60 treu. Er ist heute als Assistent unter anderem in der Kreisoberliga an der Linie zu finden und pro Halbserie bis zu 20-mal im Einsatz, wenn auch lange nicht so oft wie früher. Zudem pfeift er noch bei Hallenturnieren und bei Spielen der Alten Herren. "Früher war ich fast jedes Wochenende unterwegs." Noch zwei Jahre will er durchziehen, dann hat er 60 Jahre als aktiver Schiri voll. "Ein schönes Ziel."

Ohne eine verständnisvolle und sportbegeisterte Familie mit Frau und drei Kindern im Rücken wäre all das nicht möglich gewesen. Dessen ist sich der Lößnitzer bewusst, dem man sein Alter nicht ansieht. "Sport hält fit und gesund", ist und bleibt seine Devise. Zwar geht es anlässlich des 75. auf große Schiffreise, doch auch Radurlaube und dergleichen gehören zum Standardprogramm des Erzgebirgers, der beruflich vom Bäcker ins Blechformwerk wechselte. An den Standorten Lößnitz und Bernsbach hat er gearbeitet, sich weitergebildet und stieg vom Bandarbeiter bis zum Meister auf.

Die Begeisterung für den Sport gab er an die Kinder weiter. Beide Söhne kickten, der mittlere sogar in der Juniorenauswahl der DDR mit Steinmann, Sammer & Co. Die Tochter war erfolgreiche Leichtathletin und holte bei der Kinder- und Jugendspartakiade in Berlin unter anderem Bronze über 800 Meter. "Unsere fünf Enkel sind auch alle sehr sportlich - das freut mich besonders", sagt Jürgen Schubert.

Ein besonderes Spiel sei ihm bei der Vielzahl, die er absolviert hat, nicht im Gedächtnis geblieben. "Natürlich haben Derbys immer einen eigenen Charakter." Da müsse man als Referee Rückgrat zeigen und sich durchsetzen können, die Regeln beherrschen, sich stets weiterbilden. "Ich musste auch lernen, was passives Abseits ist. Denn das gab es anfangs bei uns noch nicht." Man dürfe auch nicht zu streng sein, müsse das gewisse Gespür mitbringen. So habe er es stets mit Vernunft gehalten. In 24 Jahren auf Bezirksebene erteilte er nur zehn Feldverweise, davon fünf wegen Handspiels. "Manchmal hilft ein strenger Blick", sagt Jürgen Schubert und schmunzelt.

Ernst nimmt er jedoch aktuelle Entwicklungen. Fünfmal schneller sei der Fußball geworden. "Leider mangelt es teilweise schon bei den Junioren am nötigen Respekt voreinander - und vor dem Schiri. Das ist nicht gut." Unvergessen bleiben die vielen Begegnungen, die er als Referee bei freiem Eintritt besuchen durfte. "Etwa bei Motor Zwickau und in Aue." Gern wäre er im Schiri-Wesen aufgestiegen, doch weil er erst mit etwa 27 im Bezirk anfing, war es zu spät. "Wer das professionell machen will, sollte zeitig anfangen. Schon mit 15. Dann durchläuft man die nötige Schule."

Auf den neuerlich eingeführten und viel diskutierten Videobeweis hätte der Lößnitzer in seiner Laufbahn ab und zu gern zurückgegriffen. "Pfiff ist Pfiff. Und natürlich trifft man auch mal Fehlentscheidungen, wenn es schnell geht." Das sei menschlich. "Es wird immer ein streitbares Amt bleiben", sagt Jürgen Schubert. Für ihn bleibt es aber eines, das er nicht missen will.

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