Der unerfüllte Traum mit der Hymne

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Im Erzgebirge sind viele Sportler groß geworden - Olympiasieger und Welt-, Europa- sowie nationale Meister. In einer unregelmäßigen Folge will die "Freie Presse" aufzeigen, wie es ihnen geht und was sie jetzt so machen. Heute: Kathrin Weßel.

Königswalde.

Kathrin Weßel, frühere Ullrich, ist in den 1980er-Jahren den meisten Frauen davongerannt. Auf Mittel- und Langstrecken gehörte die aus Königswalde stammende Ausdauerathletin zur Weltspitze. Heute lebt die 53-Jährige nahe der Bundeshauptstadt - und bekam erst vor wenigen Tagen ihren nationalen Rekord über 10.000 Meter abgenommen. Konstanze Klosterhalfen verbesserte am 27. Februar bei einem Meeting in Texas die deutsche Bestmarke auf 31:01,71 Minuten. Zuvor lag diese mit 31:03,62 Minuten fast 30 Jahre lang bei der gebürtigen Erzgebirgerin.

Klosterhalfens Leistung ließ die Entthronte, die am 30. Juni 1991 beim Europacup in Frankfurt am Main ihre Bestzeit erzielt hatte, nicht unberührt. "Ich wusste, dass sie eines Tages fallen würde. Als es soweit war, bin ich trotzdem ein wenig gerührt gewesen, sogar traurig", erzählt die immer noch sportliche, 1,70 Meter große Frau aus dem brandenburgischen Schönwalde.

Die Basis ihrer Erfolge reicht rund 45 Jahre zurück und begann im erzgebirgischen Königswalde. "Kathrin war schon als Kind sportlich und ehrgeizig. Sie schaffte 1978 zur Bezirksspartakiade für ihre Oberschule ohne großes Training einen 2. Platz über 800 Meter", erzählt Vater Hans-Jürgen Ullrich. Sofort wurde die Sektion Leichtathletik von Dynamo Annaberg auf das dunkle, schlanke Mädchen aufmerksam, Übungsleiter Bruno Felder nahm es unter seine Fittiche und führte es nur ein Jahr später zum Bezirksmeistertitel. Schnell waren die Klubs an dem talentierten Mädchen interessiert, mit nur 13 Jahren wechselte es an die Kinder-und Jugendsportschule von Dynamo Berlin. "Das war schon eine Umstellung, aus dem kleinen Erzgebirgsdorf in die Hauptstadt der DDR", erinnert sich die einstige Spitzenathletin, die zudem "im ersten Jahr mächtig vom Heimweh geplagt" wurde.

Doch Training, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz zahlten sich aus, das intensive Training an der KJS brachte sie nach vorn. 1983 gab es zur DDR-Spartakiade zweimal Gold - über 1500 und 3000 Meter. Vier Jahre danach gelang ihr der Durchbruch im Erwachsenenbereich: Bronze bei der Weltmeisterschaft in Rom über die 10 Kilometer. Jedes Jahr gewann Kathrin Ullrich Titel bei nationalen Meisterschaften, zehnmal stand sie auf dem obersten Treppchen. Im Laufe der Zeit erweiterten sich für sie nicht nur die Trainingsumfänge, sondern auch die Streckenlängen. Bei Olympia 1988 in Seoul gab es nach 10.000 Metern nur die Holzplakette. "Platz 4 war schon richtig schmerzlich, hatte ich doch mit einer Medaille geliebäugelt. Dazu mussten wir, die ,Verlierer', zur Strafe mit einem zweiten Flugzeug in die Heimat zurückfliegen", erinnert sich die Athletin.

Einen ihrer größten Höhepunkte erlebte sie im Frühjahr 1990 auf Einladung des indonesischen Leichtathletikverbandes. Mit Trainer Jürgen Haase durfte sie nach Yogyakarta fliegen, dort an einem 10-km-Lauf auf der Straße teilnehmen und den Sieg einstreichen. "Das Preisgeld musste ich abgeben, bekam aber später einen kleinen Teil zurück", erzählt die Läuferin lachend.

Die Wende brachte sportlich keine Veränderungen für Kathrin Ullrich. Nach Silber bei der Europameisterschaft 1990 verliefen die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona allerdings erneut schmerzlich, denn im Vorlauf schied die Deutsche verletzt aus. Viele 4. Plätze erzielte Kathrin Ullrich, die 1989 als erste Deutsche die 5000 Meter unter 15 Minuten lief, Anfang der 1990er Jahre bei internationalen Rennen. Dafür war ihr das Liebesglück hold. 1992 heiratete sie den Langstreckenläufer André Weßel, mit dem sie sich in ihrer Wahlheimat in einer Doppelhaushälfte gemütlich eingerichtet hat. 1998, nach sechs Monaten Verletzungspause, entschied sie, von der Bahn auf die Straße zu wechseln. Einige Marathonsiege folgten, der letzte 2004 in Mannheim. Danach, mit 37 Jahren, hängte die von Jörg Wagner, Jürgen Haase und André Weßel trainierte Sportlerin ihre Schuhe an den Nagel.

"Ich bin mit meinem Leben, insbesondere dem im Sport, zufrieden", sagt sie heute. Vieles würde sie wieder so machen, wenngleich ein Traum unerfüllt blieb. "Dass ich zu keinem großen Wettkampf ganz oben stand und die Hymne hören durfte, betrübt mich schon", sagt Kathrin Weßel offen. "Vielleicht schafft es ja aber meine Tochter Nele, die beim Königsteiner Leichtathletikverein trainiert und mit ihren 21 Jahren über die Mittelstreckendistanzen bereits von sich reden macht", erzählt sie stolz.

Dass es jetzt in der Corona-Zeit schwer ist, ihren 77-jährigen Vater in Königswalde zu besuchen, belastet die 53-Jährige. "Ich fahre gern in meine Heimat, meine Tochter fühlt sich ebenfalls im Erzgebirge wohl, hat viele schöne Stunden bei Oma und Opa verbracht", sagt die Sportartikelverkäuferin, die in einem Long-Distance-Geschäft am Berliner Tiergarten arbeitet. (mit mas)

Bereits erschienene Folgen gibt's bei www.freiepresse.de/sportlegenden

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.