Der Wahnsinnsritt des Stephan Mende

2 Länder, 9 Gipfel, 4400 Höhenmeter, 162 Kilometer Strecke, die in 24 Stunden zu absolvieren sind - mit dieser Herausforderung lockt der Stoneman Miriquidi ins Erzgebirge. Ein Vogtländer hat es als Erster geschafft, dies zu Fuß zu bewältigen.

Markneukirchen.

Weiterlaufen, auch wenn der Körper längst rebelliert. Weiterlaufen, wenn die Muskeln brennen. Weiterlaufen, wenn das Unterbewusstsein signalisiert, dass es längst genug ist mit dieser Quälerei. Weiterlaufen, irgendwie, schließlich kommt das Ziel doch immer näher. Weiterlaufen, um es sich und allen anderen zu beweisen, dass doch zu schaffen ist, wozu vorher viele sagten: "Vergiss es, das klappt nie!" Mit purer Willenskraft und beträchtlicher Leidensfähigkeit hat der Markneukirchener Stephan Mende diesen Sommer als Erster überhaupt den Stoneman Miriquidi, eine 162 Kilometer lange Mountainbikestrecke durch das deutsche und tschechische Erzgebirge, zu Fuß bewältigt - innerhalb von 24 Stunden wohlgemerkt.

Man bekommt eine leise Ahnung davon, wie Mendes Leistung einzuordnen ist, wenn man den Werbetext liest, mit dem die Erzgebirger die Radsportler zum Stoneman verführen wollen: "2 Länder, 4400 Höhenmeter und 162 Kilometer sind für die richtig harten Kerle innerhalb eines Tages zu schaffen. Alle anderen können sich auch zwei oder drei Tage Zeit für die landschaftlich reizvolle und technisch anspruchsvolle Strecke nehmen ..."

Nun ist der 38-jährige Stephan Mende kein unbeschriebenes Blatt, wenn es um extreme sportliche Herausforderungen geht. Mit seinen Vereinskollegen vom Triathlon-Team Vogtland hat er schon so manchen Marathon in Angriff genommen. "Aber ich bin eigentlich eher Radsportler, das lange Laufen war bisher nicht so meins", blickt er zurück. Wie kommt man da auf die Schnapsidee, eine solch knackige Radstrecke wie den Stoneman Miriquidi, die immerhin über neun Gipfel führt, zu Fuß zu bewältigen? "Eigentlich per Zufall. Ich hatte nach dem Extremtriathlon voriges Jahr in Italien etwas Motivationsprobleme, suchte nach einer neuen Herausforderung. Da habe ich im Fahrradgeschäft von Frieder Jäckel in Oelsnitz zufällig davon gehört, dass er vorhat, irgendwann mal den Stoneman abzulaufen. Klar, sagte ich mir, das müsste man mal probieren." Mende fragte seinen Vereinskollegen Stefan Henneberg aus Morgenröthe-Rautenkranz, ob er sich vorstellen könnte, da mitzumachen. Ganz allein, so war sich der Markneukirchener sicher, packt man das nicht. Henneberg sagte: "Du spinnst!" - und war natürlich sofort dabei. Beide nutzten den Rennsteiglauf über rund 75 Kilometer auf dem Kamm des Thüringer Waldes als ersten Testflug. "Das war eine einzige Quälerei. Im Ziel war ich mir völlig sicher: Das mit dem Stoneman wird nie was."

Das Problem: Die beiden Triathleten waren auf Tempo geeicht, sind es gewohnt, immer Gas zu geben. "Bei solchen Ultraläufen geht das aber natürlich nicht. Ich musste erst lernen, bewusst langsam zu laufen. Das ist etwas völlig anderes." Also wurde das Training entsprechend umgestellt, 120 bis 140 Kilometer pro Woche spulten sie ab. Beim nächsten Test, dem 24-Stunden-Lauf in Reichenbach, den beide in einer Staffel angingen, stellten sie fest: Es geht doch. Wobei "wir" nicht nur die beiden Läufer Stephan Mende und Stefan Henneberg bedeutet. Vereinskameraden, Familie und Freunde bildeten ein ganzes Team mit Radfahrern als Begleiter auf der Strecke, Helfern bei der Essens- und Getränkeversorgung und als moralischen Beistand. Samstag, 20. Juli, 3 Uhr nachts auf dem 1018 Meter hohen Auersberg: Mende und Henneberg starten den Wahnsinnsritt, den Freunde und Bekannte als "total bescheuert" einordneten.

Doch es ging nicht alles gut. "Wir sind es vorsichtig angegangen. Lange lief es, aber so nach 60 Kilometern am Fichtelberg fielen Stefan und mein Radbegleiter zurück. Da wurde die Versorgung kompliziert, ich war einige Zeit ganz auf mich allein gestellt." Am Pöhlberg war Henneberg am Ende seiner Kräfte, musste aussteigen. Mende hatte wenig später am Scheibenberg eine ernsthafte Krise. "Irgendwie habe ich mich gezwungen weiterzulaufen. Ich habe mir gesagt: Du kannst jetzt nicht aufgeben, denk an die Leute, die sich schon den ganzen Tag um dich kümmern!" Also lief er weiter, quälte sich weiter, zwang sich weiter. Und tatsächlich, am 21. Juli kurz vor 2 Uhr nachts, nach 22 Stunden und 54 Minuten, trabte er unter dem Jubel seiner Familie und Freunde die letzten Meter auf den Auersberg, holte sich für seine Stoneman-Karte den letzten Gipfelstempel, der dokumentierte: Dieser Kerl hat geschafft, was unmöglich schien.

Und der? War erst mal unglaublich leer, ausgebrannt, auch wenn es dem Körper besser ging, als er vorher dachte. "Ich habe über eine Woche gebraucht, um das zu verarbeiten", gibt Stephan Mende zu. Der Stoneman zu Fuß war demnach eine einmalige Sache? "Stand jetzt: Ja. Es war halt der Reiz, etwas zu machen, was vorher keiner gemacht hat", sagt Mende mit jenem verschmitzten Schmunzeln im Gesicht, das Interpretationsspielraum lässt.

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