Ein Kleiner bei einem ganz Großen

Voller Stolz blickt ein junger Ringer aus Thum auf eine ganz besondere Trainingseinheit zurück. Erwin Lerchenberger hat einen Mann getroffen, der auf der Welt bislang Einmaliges geschafft hat.

Thum.

Als Familie Lerchenberger ins Auto geklettert ist, blieb das Ziel für Ringer Erwin noch geheim. Er ahnte zwar, dass es etwas ganz Spezielles werden würde, doch Genaues erfuhr er zunächst nicht. "Wir waren eher zufällig auf eine Einheit namens ,Jugend WorldC(h)amp' gestoßen. Es ging darum, zwei Trainingseinheiten mit anschließendem Motivationsvortrag mit dem dreifachen Ringer-Weltmeister Frank Stäbler mitzumachen. Das klang vielversprechend", erinnert sich Mama Nicole Lerchenberger an die Ausgangslage. "Da geht es hin, das machen wir für unseren Erwin", entschied dann Papa Sven. Also startete das Familienauto nachts, vor ihm lagen rund 450 Kilometer auf dem Weg zum KSV Musberg, das nahe Stuttgart liegt. "Für Erwin sollte es eine Überraschung sein. Alle haben dichtgehalten. Er konnte nur ahnen", so die Lerchenbergers.

"Nach drei Stunden Schlaf auf der Rücksitzbank kam dann bei Erwin die Aufregung: Wohin fahren wir? Was machen wir? Übernachten wir? Und: Wie weit ist es noch? Vorerst erfuhr der junge und bereits recht erfolgreiche Nachwuchsringer des RSK Gelenau nur, dass er eine Art Geschenk bekommt. "Ein Training mit dem Weltmeister stand schon lange auf seiner Wunschliste. Irgendwann haben wir das Geheimnis gelüftet." Erwin war sprachlos. Er, der neunjährige Junge aus dem Erzgebirge, sollte mit dem berühmten Ringer trainieren dürfen, den er sonst nur von YouTube kennt? Dem Ringer, dem es bislang als einzigem auf der ganzen Welt gelungen ist, in drei verschiedenen Gewichtsklassen Weltmeister zu werden. Eben jenem Frank Stäbler.

Tatsächlich. Es war so. Beim Anmelden gab es für die Kids T-Shirt, Trinkflasche und kleine Snacks. Erwin schlüpfte aufgeregt in sein RSK-Trikot, in dem er bereits Sachsenmeister geworden war. Dann hieß es warten - für ihn und ungefähr weitere 80 Ringer der C- und D-Jugend, die nach Musberg gefahren waren, um auf den vier Matten den Tipps des Weltmeisters zu lauschen.

Pünktlich, 10 Uhr der erste Pfiff. Frank Stäbler begrüßte alle, stellte sein zehnköpfiges Trainer-Team vor, darunter Sparringspartner Abdolmohammad Papi, mehrere Bundesligakämpfer, sein eigener Trainer, sein Bruder und natürlich die Trainer des KSV Musberg, bei denen der Weltmeister aufgewachsen ist. Dann durften die Jungs auf die Matte. Einlaufen, Gymnastik, Sprints. Sehr schnell war klar: Stäbler ist ein sehr sympathischer Kerl, der seine Erfolge nicht heraushängen lässt, Techniken erklärt und diese eindrucksvoll mit seinen Partnern demonstriert. Die Weltklasse-Ringer flogen in hohen Bögen durch die Halle. Dann durfte der Nachwuchs ran: Partner suchen - und üben, üben, üben - mit Hilfestellung von Stäbler und Co. Die Zeit bis zur Mittagspause verging wie im Flug. Danach ging es mit Bodentechniken weiter. Wie gelingt eine Rolle am besten, wie wehrt man sie ab? Mit Begeisterung erklärte der Weltmeister die Details. "Beeindruckend, wie die Jungs bei der Sache blieben", so Sven Lerchenberger. "Für die Kinder zeigten die Profis spektakuläre Würfe, mit denen sie Erwin schwer beeindruckten." Um dies im Kampf abrufen zu können, sind tausende Wiederholungen nötig. "Da blieb manchen der Mund offen stehen. Beeindruckend waren Schnelligkeit und Leichtigkeit der Weltklasse-Athleten. Wir sind ja noch nicht so lange bei den Ringern und dachten, die Liga-Kämpfer in Gelenau sind schnell. Wir wurden eines Besseren belehrt", fügte der Papa hinzu.

Motivieren kann der Weltmeister auch noch. Willen, Ehrgeiz, Disziplin und Spaß sind wichtig. Zwei ganz wichtige Tipps gab er den Kindern mit auf den Weg: "Auch nach einer Niederlage geht die Sonne am nächsten Tag wieder auf." Und: "Nur die Besten trainieren selbst dann, wenn ihnen nicht danach ist."

Schließlich lud Frank Stäbler noch zu einer Autogramm- und Fotostunde ein. Alle durften ihm ganz nah sein und die drei Weltmeistergürtel bestaunen. Geduldig beantwortete er jede Frage, unterschrieb auf Schuhen oder T-Shirts, ließ sich unzählige Male ablichten. "Wir haben gelernt, gestaunt, gelacht und beobachtet. Vieles, was Stäbler an diesem Tag sagte, kannte Erwin bereits aus seinem Training. Das bestätigt uns, dass beim RSK Gelenau sehr gute Arbeit geleistet und nicht viel falsch gemacht wird", ist Sven Lerchenberger überzeugt.

Und Erwin? Der hat viel zu erzählen. Wie Stäbler ist er eher zufällig zum Ringen gekommen. "Wir haben etwas gesucht, das seine Kraft in vernünftige Bahnen lenkt", erinnert sich Nicole Lerchenberger. Und da ihr Bruder zusammen mit Ringertrainer Daniel Franke Fußball spielte, sind sie bei den Zweikämpfern in Gelenau gelandet. Das war noch bevor Erwin in die Schule ging, demnächst beginnt der Neunjährige die 4. Klasse. Seit einigen Jahren pendelt die Familie zwischen Thum und Gelenau. "Wir könnten auch unser Haus versetzen, denn unsere kleine Lena übt mittlerweile mit der Funkengarde des Gelenauer Faschingsclubs", sagt Mama Lerchenberger schmunzelnd. "Zum Glück läuft das Training der beiden Kinder einigermaßen parallel. Da kann ich wenigstens in der Zeit die Einkäufe erledigen."

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