Eine Ewigkeit bis zum ersten Sieg

Rüstige Rentner, beide 71 Jahre alt. Vor nahezu sechs Jahrzehnten waren sie bei Schulfesten Rivalen. Das sind sie bis heute geblieben - und Freunde.

Auerbach/Oberwiesenthal.

Ob Erzgebirgs-Skimarathon, sächsische oder deutsche Seniorenmeisterschaft, Schwibbogen- oder Pöhlberglauf: Ullrich Friedemann aus dem erzgebirgischen Auerbach und Joachim Kretzschmar aus Oberwiesenthal schenken sich im Sommer und im Winter nichts, obwohl über die Strecken von 20 oder 30 Kilometern meist der Auerbacher die Nase vorn hat. Das geht bei den beiden fitten Oldies nun schon seit Jahren so.

Die beiden kennen sich 57 Jahre. Der gebürtige Stollberger Friedemann und der Thalheimer Kretzschmar besuchten von 1961 bis 1965 die Erweiterte Oberschule in Stollberg. Zu Schulsportfesten kämpften sie auf der Aschenbahn, vor allem im 1000-Meter-Lauf, gegeneinander. "Da war mal Joachim, dann wieder mal ich besser. Wir waren damals schon Konkurrenten - und Freunde", erzählt Ullrich Friedemann. "Der Achim ist schon damals ein Verrückter gewesen. Die acht Kilometer zur Schule, fuhr er jeden Tag - Sommer wie Winter - mit dem Fahrrad", erzählt der Auerbacher.

1965, nach dem Abitur, trennten sich ihre Wege. Während Ullrich zum Studium ging, kämpfte Joachim für Traktor Oberwiesenthal in der Loipe. Skilanglaufidole wie Gerd-Dietmar Klause und Gerhard Grimmer waren seine ärgsten Konkurrenten, aber nur selten zu schlagen. Trotz allem stand er 1966 in der Juniorenbestenliste der DDR auf Rang 1 und drei Jahre später bei den Herren auf Platz 5. "1970 bin ich aus ,kaderpolitischen Gründen' aus der Nationalmannschaft der Langläufer ausgeschlossen worden. Mir wurde angelastet, dass mein Bruder im Westen lebte", so der Oberwiesenthaler. Parallel zum Leistungssport hatte er jedoch ein Fernstudium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig absolviert und später als Sportlehrer gearbeitet. Die Verbindung riss deshalb nie ganz ab. "Joachim hat mir dann 1967 am Fichtelberg die ersten Schritte im Skilauf beigebracht. Damit begann meine Langlaufära", erzählt Friedemann. Doch erst 21 Jahre später, 1988 zur deutschen Seniorenmeisterschaft in Ehrenfriedersdorf, trafen beide das erste Mal in der Loipe aufeinander. Ullrich Friedemann erinnert sich schmunzelnd: "Es war für mich fast blamabel, Joachim hat mir über 15 Kilometer rund 5 Minuten abgenommen." Das stachelte den Unterlegenen, der inzwischen nach Auerbach gezogen war, aber nur an - im Sommer auf Skirollern, im Winter auf Ski vor der Haustür spulte er unzählige Kilometer ab. Oft musste er aber nach Oberwiesenthal, um wenigstens ein bisschen auf Schnee zu üben. Doch es dauerte 34 Jahre, genau bis zur Weltmeisterschaft 2001, dass Ullrich Friedemann seinen ehemaligen Schulfreund Joachim Kretzschmar das erste Mal bezwingen konnte. Er kam im österreichischen Maria Zell auf Platz 9 ins Ziel - und damit vor seinem einstigen Lehrmeister.

Während Joachim Kretzschmar, den es nach Oberwiesenthal verschlagen hat, die Wettkämpfe in der Region bevorzugt und die langen Strecken von 50 Kilometer und mehr meidet, reizen den Auerbacher die langen Kanten. 2007 erzielte er seine erste Einzel-Goldmedaille im finnischen Rovaniemi am Polarkreis. Trotzdem erlebten sie einen ihrer absoluten Höhepunkte gemeinsam: "Ein Supererlebnis war die Senioren-WM 2012 in Oberwiesenthal. Wir haben mit zwei Schwaben in der deutschen Staffel vor den Russen die Goldmedaille gewonnen", erinnern sich die beiden 71-Jährigen. "Als Neurentner gab das für mich noch einmal einen Leistungsschub. Das Erfolgsrezept ist bestimmt, dass ich mich jeden Tag bewege", ergänzt Friedemann. Zudem betrachten es beide als Geschenk, dass sie gesund und weitgehend verletzungsfrei geblieben sind.

Ulrich Friedemanns Ziel ist nächstes Jahr die Weltmeisterschaft in Norwegen. Joachim Kretzschmar reichen die Wettkämpfe in der Region und die Beschäftigung mit seinen zehn Enkeln. Auf das gemeinsame Wandern, das die Familien Kretzschmar und Friedemann jährlich unternehmen, freuen sich die Laufoldies aber jetzt schon.

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