Gurken-Meyer bietet mehr als Kostproben

In seinem auffälligem BWM hat der Schlettauer Michael Meyer die 2020er-Saison der Tourenwagen Classics aufgemischt. Dabei sprang am Ende nicht nur eine Top-Platzierung sondern auch ein neuer Spitzname heraus.

Schlettau.

Die Gefahr, dass der Schlettauer Michael Meyer in seinem Auto übersehen oder überhört wird, besteht eigentlich nicht: Gut sichtbar in orange lackiert, röhrt das exakte Replikat eines BMW 320 vom Typ E21 aus dem Jahr 1978 über die Piste. Dennoch ist das spannende Projekt des Kfz-Meisters und Inhabers eines Autohauses in der Region kaum bekannt. "Wir haben die Medienarbeit links liegen lassen, weil wir alle Zeit in den Aufbau des Autos und die Teilnahme an den Rennen gesteckt haben", sagt der 42-Jährige. Einzig beim 22. Pöhlbergpreis hatten die hiesigen Rennfans die Chance, den "auferstandenen Jägermeister-BWM" ohne lange Reisestrapazen zu inspizieren.

Da kein Originalfahrzeug mehr existierte, fertigte Meyer mit seinem Rennteam einen Nachbau an. Dessen hohe Qualität hat der Weltverband FIA mit einem Wagenpass und der Zulassung zum historischen Motorsport bestätigt. Mit diesem besonderen Gefährt macht Meyer nicht etwa die Straßen des Erzgebirges unsicher, sondern nahm im Jahr 2020 erfolgreich an der Serie der Tourenwagen Classics teil. Auf dem Salzburgring, dem Nürburgring, in der Lausitz sowie den Strecken in Assen und Zolder starten die - für viele Zuschauer legendären - Autos aus den 1980er und 90er Jahren im Rahmenprogramm der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft.

Seine erste Saison beendete der Schlettauer gleich auf dem Podest. Nach den Rennen auf dem Grand-Prix-Kurs des Nürburgrings, in denen er jeweils den 2. Platz in der Klasse DRM erreichte, holte er in der Kategorie "Fahrzeuge vor dem Jahr 1984" den 2. Platz und landete in der Gesamtwertung auf Rang 9. "Ich denke, das ist eine beachtliche Leistung, da sich im Klassement auch Harald Groß, Roland Asch, Kris Nissen und viele andere Profifahrer finden", so Meyer. Er habe dieses tolle Resultat auch seiner Familie und der Truppe um die Hauptmechaniker Andreas Lein sowie René Escher zu verdanken. Meyer: "Motorsport ist eine Teamleistung und erfordert auch hinter den Kulissen einen hohen Aufwand." Begonnen bei dem logistischen Prozedere, über die Verpflegung während der gesamten Veranstaltung bis hin zur Betreuung eines Rennwagens an der Strecke.

Dank des Einsatzes der Mechaniker blieb der BMW-Renntourenwagen die ganze Saison ohne einen Ausfall. "Davon konnte ich profitieren und mühsam Punkte für die Tabellenwertung sammeln", sagt der Schlettauer und blickt auf eine Serie zurück, die coronabedingt nur schleppend anlief: Erst Mitte Juli, beim Einladungsrennen auf dem Salzburgring, stiegen Haudegen wie Kris Nissen, Prinz Leopold von Bayern und Peter Mücke in ihre Fahrzeuge. Vier Wochen später mussten die Organisatoren und die 44 Teilnehmer lange zittern, ob Anfang August der 48. AvD-Oldtimer-Grand- Prix überhaupt stattfinden würde. Doch die Behörden genehmigten das Infektionsschutz- und Hygienekonzept und gaben für das Rennen in der Eifel grünes Licht.

"Sengende Hitze, wolkenbruchartige Regenfälle, Sturm, sogar Hagel", erinnert sich Michael Meyer. Die Wetterkapriolen sorgten für einen frühzeitigen Rennabbruch und bescherten dem Jägermeister-BWM unverhofft einen vorderen Platz im Gesamtklassement. Nur sieben Tage später wurde es auf dem Lausitzring laut und spannend. Michael Meyer lieferte sich mit dem Polen Szymon Nowak ein sehenswertes Duell und siegte im ProAm-Rennen. Dann kam der Auftritt in Assen mit 10.000 Besuchern auf den Tribünen. Beim Rennen am Samstag löste sich in der vorletzten Runde einer von drei Vergasern und baumelte nur noch am Gasgestänge. Trotz dieser Misere erreichte der BMW noch den 2. Platz in seiner Klasse. "Es war das erste Mal, dass ich mit nur vier Zylindern ins Ziel gefahren bin", so Meyer. Im zweiten Rennen goss es in Strömen. Hier konnten sich Bolide und Fahrer austoben: "Da die Leistung des Wagens mit reichlich 250 PS sehr überschaubar ist, fühlt sich das Auto mit gutem Fahrwerk und niedrigem Gewicht bei Regen richtig wohl", schildert Meyer. Er erreichte Platz 3. Da erneut ein Renntermin durch Corona ins Wasser fiel - in Zolder wurde nicht gefahren - bildete das zweite Gastspiel der Classics Mitte September auf dem Nürburgring gleichzeitig das für den Erzgebirger erfolgreiche Finale.

Meyer selbst zeigte sich vor allem vom Zusammenhalt und der Fannähe in der Boxengasse beeindruckt. "Die DTM ist ja meist gut abgeriegelt. Versuch' da mal als Fan ein Foto vorm Auto zubekommen", so Meyer. Beim Anblick der klassischen Tourenwagen würden die Zuschauer schnell in Kindheitserinnerungen schwelgen. "Außerdem kannst du mal eben mit einem Roland Asch oder Klaus Ludwig fachsimpeln. Und der Motorensound hier ist sowieso spitze", sagt Meyer. Er habe im Fahrerlager auch schon einen Spitznamen bekommen, weil er beim Rennen in der Lausitz seinen Kollegen einen Ausflug in den Spreewald ans Herz gelegt hat. "Keiner hat meinen Tipp angenommen und so bin ich mit mehreren Kilo Spreewaldgurken als Kostprobe aufgekreuzt. Seitdem bin ich der Gurken-Meyer."

Für das kommende Jahr hat der Schlettauer schon eine Ankündigung parat: "Es wird ein anderes Fahrzeug geben. Diesmal von 1980, mit einer Fahrgastzelle, mit Anbauteilen aus Kunststoffen und einem bärenstarken Motor", sagt der Schlettauer und schmunzelt. Auf den Rest sollen die Fans dann einfach gespannt sein.

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