Chris Löwe: "Ich bin in der Region verwurzelt"

Fußball: Premier-League-Profi Chris Löwe kommt nach Annaberg und spricht über zwei unvergessliche Jahre in der stärksten Liga der Welt

Annaberg-Buchholz.

Das Abenteuer Premier League geht für ihn zu Ende: Nach zwei Jahren in der höchsten englischen Spielklasse ist Fußballer Chris Löwe mit Huddersfield Town abgestiegen. Mario Schmidt und Thomas Schmidt haben mit dem 30-jährigen gebürtigen Vogtländer über die Saison, seine Zukunftspläne, die Situation bei seinem früheren Verein und über soziales Engagement gesprochen. Auch, weil er bald nach Annaberg kommt.

Freie Presse: Herr Löwe, Sie kommen bald nach Annaberg. Warum, haben Sie nach einer Saison mit 38 Spieltagen in der Premier League nichts Besseres zu tun?

Chris Löwe: Ich bin in der Region zwischen Vogtland, Erzgebirge und Chemnitz verwurzelt und freue mich, wenn ich frühere Weggefährten treffe. Damit kann ich ein Stück von dem zurückgeben, was ich bekommen habe.

Können Sie sich - als gebürtiger Vogtländer - daran erinnern, in Ihrer Jugend in Annaberg gespielt zu haben?

Um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Aber ich bin mir sicher, dass es so gewesen ist. Als Kind zieht das jedoch eher an einem vorbei.

Weshalb kommen Sie dann ausgerechnet nach Annaberg?

Wegen des Benefiz-Firmencups. Ich kenne Organisator Robert Mehner gut und will dessen gutes Vorhaben unterstützen. Deshalb werde ich am 25. Mai im Erzgebirge sein, um selbst mitzuspielen. Ich hoffe, dass der Firmencup, den der VfB Annaberg und die Deutuna-Finanzplanung ausrichten, einen hohen Ertrag erbringt.

Bringen Sie sich auch selbst ein?

Ja, ich werde Trikots und Fußballschuhe meiner Größe 40,5 im Gepäck haben, aber ungebrauchte. Die können beispielsweise für die Tombola verwendet werden.

Und jetzt ist Urlaub?

Ja, meist verbringen wir die Saisonpause in Deutschland. Die etwa sechs Wochen sind die einzigen, in denen wir mal Freunde und Bekannte in der Heimat treffen können.

Zurück nach England: Der Abstieg von Huddersfield Town steht fest. Geht damit ein Fußballmärchen zu Ende?

In gewisser Weise schon. Was hier in den vergangenen zwei Jahren passierte, ist nicht normal. Mit einem im Vergleich zu anderen Clubs extrem niedrigen Budget haben wir nach unserem unerwarteten Aufstieg 2017 im ersten Jahr sensationell die Klasse gehalten. Auch wenn wir jetzt absteigen müssen, haben diese beiden Jahre den Verein nach vorn gebracht. Aber zugegeben, die letzten Wochen taten richtig weh. 2019 haben wir nur einmal gewonnen, dreimal unentschieden gespielt und sonst nur verloren.

Warum?

Zuletzt waren wir nicht mehr konkurrenzfähig. Aber der Abstieg hat viele Gründe. In den beiden Spielzeiten zuvor hat alles hundertprozentig gepasst, und wir hatten das nötige Glück, das uns in dieser Saison gefehlt hat. Dazu sind meines erachtens unglückliche Entscheidungen getroffen worden.

Von Seiten des Clubs?

Nein, ich meine hauptsächlich die Mannschaft. Wir haben beispielsweise in dieser Saison vier oder fünf Rote Karten bekommen - alle in Spielen gegen unmittelbare Kontrahenten im Abstiegskampf und alle in der ersten Halbzeit. Damit haben wir uns gegen Konkurrenten, die wir unbedingt hätten schlagen müssen, selbst geschwächt.

Englische Medien berichteten, dass sich Spieler von Huddersfield Town offen gegen den deutschen Trainer Jan Siewert wegen dessen angeblich harter Methoden ausgesprochen haben. Können Sie das bestätigen?

Definitiv nicht, ich würde das als Zeitungsente verbuchen. Mir ist jedenfalls nichts davon bekannt.

Sie haben in Huddersfield bis 2020 Vertrag. Werden Sie den trotz des Abstiegs erfüllen?

Stand jetzt kann ich diese Frage nicht beantworten. Bekanntlich hat ja der alte Besitzer des Klubs drei Viertel seiner Anteile verkauft, der neue ist uns noch nicht vorgestellt worden. Ich weiß deshalb nicht, wie der Verein plant und wie er sich aufstellen will. In Kürze soll es Gespräche geben. Ich habe in Huddersfield die schönsten Momente meiner Karriere erlebt und bin deshalb relativ entspannt.

Ist es denkbar, dass Sie zum CFC zurückkehren oder haben Sie von Ihrem Ex-Verein angesichts der jüngsten Skandale die Nase voll?

Was in den letzten Wochen passiert ist, wirft ein ganz schlechtes Licht auf den Verein. Das schmerzt mich, denn beim CFC habe ich die Grundlagen für das gelegt, was ich heute bin. Ich hoffe, dass Ruhe einkehrt und die Mannschaft sich auf Fußball konzentrieren kann. Zudem wünsche ich mir Kontinuität bei den handelnden Personen im Verein. Ob ich eines Tages ernsthaft über eine Rückkehr zum CFC nachdenken werde, ist fraglich.

Ihre früher von den Fans gefeierten Mitspieler Benjamin Förster und Ronny Garbuschewski spielen in der Regionalliga, Sie sind in der besten Liga der Welt aktiv. Wie ist so etwas möglich?

Vielleicht bin ich ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht unbedingt ein großes Talent sein muss, um weit zu kommen. Fleiß, Hartnäckigkeit und die richtige Einstellung haben bei mir dazu geführt, dass ich Premier League spielen darf. Zudem sollte man als junger Spieler nicht gleich beim ersten Widerstand aufgeben. Und natürlich gehört auch das Quäntchen Glück dazu.

Gehört der Name Jürgen Klopp dazu?

Klar, er hat mich nach Dortmund geholt. Auch deshalb habe ich ihm die Daumen gedrückt, obwohl wir eine Woche zuvor 0:5 beim FC Liverpool verloren hatten. Ergebnisse wie das 4:0 in der Champions League gegen Barcelona sind vielleicht in zwei oder drei Stadien der Welt möglich. Das in Anfield gehört dazu.

Sie sind eben 30 Jahre alt geworden. Wie wurde gefeiert?

Ganz klein. Wir waren in Huddersfield mit Freunden essen. Die Feier in der Heimat wird vielleicht während der Sommerpause nachgeholt. Dass ich den 30. Geburtstag nicht groß aufziehe, liegt auch daran, dass ich mich noch nicht so alt fühle. Körperlich bin ich auf einem sehr guten Level, auch weil ich von großem Verletzungspech verschont geblieben bin.

Werden Sie nach Ihrer Zeit in England mit Ihrer kleinen Familie in die Heimat zurückkehren?

Ja. Geplant ist, dass wir 2020 in die Chemnitzer Region ziehen.

Was wollen Sie nach Ihrer Profikarriere machen?

Da habe ich noch keine konkreten Vorstellungen. Klar ist nur, dass ich nicht als Trainer oder Manager im Fußball arbeiten will. Meine Frau und ich sind sehr heimatverbunden und haben keine Lust, auch in Zukunft vielleicht alle zwei bis drei Jahre umzuziehen.


Chris Löwe - Vom Regionalligaspieler zum Profi in der Premiere League

Der Spieler wurde am 16. April 1989 in Plauen geboren. Als Siebenjähriger begann Chris Löwe in seiner Heimatstadt beim 1. FC Wacker mit dem Fußballspielen. 2002 kam der damals 13-Jährige zum Chemnitzer FC, dessen Trikot er neun Jahre lang tragen sollte.

Den Durchbruch in der Männermannschaft der Himmelblauen schaffte Löwe in der Regionalliga- saison 2009/2010, als er sich unter Trainer Gerd Schädlich als Stammkraft im linken Mittelfeld etablierte. Löwe bestritt in jenem Spieljahr alle 34 Ligapartien und holte mit dem Chemnitzer FC den Sachsenpokal.

2011 schrieb der gebürtige Vogtländer ein Kapitel Chemnitzer Fußballgeschichte mit: Löwe hatte mit konstant starken Leistungen maßgeblichen Anteil am Aufstieg des Clubs in die Dritte Liga. Die dazugehörige zünftige Feier war für ihn zugleich der Abschied: Löwe wechselte zu Borussia Dortmund, wo er sich jedoch keinen Stammplatz erkämpfen konnte. Deshalb ging er 2013 zum 1. FC Kaiserslautern. Im Sommer 2016 wechselte er schließlich auf die Insel, schloss sich dem englischen Zweitligisten Huddersfield Town an.

Unter Trainer David Wagner schaffte Huddersfield 2017 völlig überraschend den Aufstieg in die Premiere League. Als Sensation bezeichnete Löwe, der mit seiner Jugendliebe Monique verheiratet ist und einen Sohn hat, den Klassenerhalt des Teams in der darauffolgenden Saison. Die "Terriers", wie der Spitzname der Mannschaft lautet, blieben in der Premiere League, obwohl sie mit dem niedrigsten Budget aller Clubs angetreten waren. Nun ist der Abstieg besiegelt.

Huddersfield liegt rund 50 Kilometer östlich von Manchester und hat etwa 150.000 Einwohner. (ms)

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