Mitleid verwandelt sich schon bald in Anerkennung

Judo hat für Anna alles verändert. Die Achtjährige, die mit dem Fetalen Alkoholsyndrom geboren wurde, feiert nicht nur sportliche, sondern auch Entwicklungserfolge.

Aue/Schwarzenberg.

Nachwuchsjudoka Anna*, die sich bei der deutschen Meisterschaft im G-Judo in Ludwigsburg in der Kategorie III (Mehrfachbehinderung) den Vizemeistertitel sichern konnte, hat es oft schwer. Die Achtjährige ist anders als gleichaltrige Kinder.

Ursache liegt vor der Geburt

Das Mädchen zeigt Verhaltensauffälligkeiten, die an das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) erinnern. Die Ursache ihres Handicaps liegt bereits vor ihrer Geburt. Denn die Sucht hatte ihre alkoholkranke Mutter auch während der Schwangerschaft voll im Griff. Anna kam daher mit dem Fetalen Alkoholsyndrom (FASD) auf die Welt, das erst seit ein paar Jahren als Behinderung anerkannt wird. Das Mädchen mit dem Wuschelkopf und den für FASD-Kinder markanten Gesichtszügen sei kaum zu bändigen, sagen ihre Pflegeeltern.

Die ärztlichen Prognosen waren schlecht. Doch für die Achtjährige wurde 2011 nicht nur eine Pflege- familie gefunden, sondern Anfang 2013 mit dem Judoclub Antonsthal-Schwarzenberg (JCAS) zudem ein Sportverein, der bereit ist, sich auf Annas Anderssein einzulassen. Sowohl die Pflegefamilie, die sich voll und ganz auf die Förderschülerin eingestellt hat, als auch die Mitgliedschaft im Verein haben alle Prognosen zu ihrer Entwicklung auf den Kopf gestellt und sorgen dafür, dass sich Anna für ein Mädchen mit ihrer Behinderung überdurchschnittlich gut entwickelt.

Ärztin empfiehlt Kampfsport

"Anna macht Judo auf Rezept. Die Empfehlung kam von Annas Kinderärztin", sagt der Vorsitzende des JCAS, Jochen Schlick. Er gibt unumwunden zu, dass die Entscheidung, das Kind aufzunehmen, zunächst gar nicht so einfach gewesen sei. "Wir haben ja auch Verantwortung allen anderen Kindern gegenüber." Denn durch Annas Pflegevater wusste Schlick von ihren Defiziten. "Wir hatten aber keine Erfahrungen, wie man mit solchen Kindern umgeht", so der Vereinschef. Mittlerweile indes wissen Schlick und seine Mitstreiter, worauf es ankommt.

"Ein wesentlicher Punkt ist, dass wir sie beschäftigen müssen, wenn ihre Konzentration nachlässt." Anna braucht in allen Bereichen individuelle Betreuung, auch bei der Erwärmung und im Pflichttrainingsteil, zu dem Fallübungen gehören. "Anna lernt alles übers Sehen, Erklärungen sind bei ihr nicht zielführend", berichtet Schlick. Das Mädchen stellt alle stets aufs Neue vor Herausforderungen. "Für das judospezifische Training braucht sie einen guten Partner, der auf dem gleichen Leistungslevel steht. Das ist schwer, weil sie sogar schon Dinge beherrscht, die in ihrer Altersklasse noch gar nicht erlaubt sind."

Anna macht alles mit Kraft

Dass sich der JCAS auf den "Versuch" eingelassen hat, sei vor allem Annas couragiertem Pflegevater zu verdanken. "Er ist Mitglied bei uns und hat uns bei unserem ersten Inklusionsfall begleitet." Wichtig war ihm auch, dass alle anderen Kinder wissen, dass Anna krank ist und dafür ein Gespür und ein Gefühl entwickeln. Das Mitleid, das Anna anfangs entgegengebracht wurde, verwandelte sich schon bald in Anerkennung. Denn das Mädchen selbst sorgt immer und immer wieder für Überraschungen. Bei einer Größe von 1,22 Metern wiegt sie 18 Kilogramm, ist auf der Tatami damit meist die Zierlichere. "Aber Anna macht alles mit ihrer Kraft", sagt Schlick. "Sie wird inzwischen von allen akzeptiert." Weil sie nicht nur bei Wettkämpfen für Menschen mit Behinderung für Furore sorgt, sondern auch bei "gewöhnlichen" Judowettbewerben überzeugt, ist sie für einige Kinder und Jugendliche sogar ein Vorbild. So holte sie in Rodewisch bei den Vogtlandspielen in der Klasse bis 26 Kilogramm Bronze. Das sei gut fürs Selbstwertgefühl, denn auf dem Spielplatz werde sie von anderen Kindern oft gemieden.

Entwicklung erfreut Pflegeeltern

Für ihre Pflegeeltern sind die sportlichen Erfolge nicht das Vordergründige. Ihr Pflegevater freut sich, dass durch Judo bei Anna die mit ihrem unbändigen Bewegungsdrang verbundenen häuslichen Unfälle deutlich zurückgegangen sind. Weil sie das Fallen gelernt hat und den Respekt vor bestimmten Bewegungen. Zudem haben sich Annas kognitive Fähigkeiten, zu denen unter anderem Wahrnehmung und Aufmerksamkeit gehören, verbessert.

*Vollständiger Name der Redaktion bekannt. Zum Schutz des Mädchens verzichten wir auch auf die Veröffentlichung des Namens der Pflegefamilie.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

    Lesen Sie auch
    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...