Rekordmann und Unglücksrabe

Wenn am Sonnabend die 22. Fichkona läuft, sitzt der Rekordhalter daheim. Volkmar Hildebrand, der die Tour vom Fichtelberg zum Kap Arkona 16-mal in Angriff nahm, gehört nicht zu den Startern, die diesmal gen Ostsee rollen. Aus schlechtem Grund.

Geyersdorf.

193 Radfahrer lauern am Sonnabend auf den Gongschlag der Oberwiesenthaler Friedensglocke. Diese gibt das Zeichen zum Aufbruch für die Ausdauersportler, die zur 22. Auflage des deutschlandweit längsten Eintagesrennens in den Radsätteln sitzen. Und trotzdem fehlt einer - und das ist ausgerechnet Rekordteilnehmer Volkmar Hildebrand aus Geyersdorf.

Der 66-Jährige kann sicher unzählige Geschichten erzählen über die Strapazen und Glücksmomente dieser Tortur, die für die Schnellsten nach mehr als 600 Kilometern nach etwa 20 Stunden endet. Nonstop sind die Ausdauersportler dann quer durch ganz Ostdeutschland gestrampelt und strahlen - wenn sie denn die Ostsee erreicht haben. Geschafft hat dies Volkmar Hildebrand so oft wie kein anderer: 16-mal. Und doch gehört er zu den Pechvögeln der Tour. "Zwei unangenehme Begegnungen mit Wild führten letztes Jahr in den Wäldern um Oranienburg zu Stürzen mit teils erheblicher Verletzung. Deshalb hat sich eine große Mehrheit des Feldes für den Kauf von blauen LED-Leuchtarmbändern entschieden, da diese unnatürliche Farbe bei den Tieren eine abstoßende Wirkung erzielt", heißt es jetzt in der Pressemitteilung zur 22. Fichkona. Hätte es die Bänder 2018 gegeben, wäre der Geyersdorfer vielleicht noch gesund. So aber war er einer von denen, die in der Dämmerung durch das Wild vom Rad gestoßen wurden. "Das Reh wollte wohl noch über mein Hinterrad springen, hat mich aber voll am Rücken erwischt", sagt der 66-Jährige, der ohnehin angekündigt hatte, die Abschiedstour machen zu wollen. "Auf die Art sollte es aber nicht die letzte sein", gibt der Verunglückte zu. Noch immer laboriert er an den Verletzungen, die Schulter heilt nicht so, wie es sein sollte. "Wahrscheinlich wird eine dritte Operation notwendig, bei der die komplette Schulter durch eine künstliche ersetzt wird", schildert der Unglücksrabe die Komplexität der Verletzungen. Den Veranstaltern gibt er keine Schuld, und viel reden will er eigentlich auch nicht darüber. "Ein Risiko ist immer dabei. Es hätte gar nicht, aber auch woanders passieren können, denn ich bin im Dunkeln unzählige Male von Oberwiesenthal mit dem Rad heimgefahren", sagt der einstige Internatsbetreuer an der Elitesportschule. Für ihn ist das Kapitel Fichkona abgeschlossen - im Guten wie im weniger Guten.

80 andere nehmen die Strecke dagegen zum ersten Mal in Angriff. In vier Gruppen - je nach Leistungsstärke - geht es gen Norden, auch für die 33 Crewmitglieder in den 16Fahrzeugen keine einfache Aufgabe, die Konzentration ständig aufrecht zu erhalten. Nach dem umleitungsbedingten Distanzrekord von 625 Kilometern aus 2018 wird nun die Stammstrecke befahren, sodass das Ziel "nach entspannten 605 Kilometern" für die "Windhundgruppe" am Sonntag gegen 6.30 Uhr erreicht sein sollte. Nicht ganz so zeitig dürfte Cornelia Mainka am Leuchtturm stehen. Die Thumerin, 2018 ebenfalls durch einen der Stürze ausgeschieden, will diesmal wieder bis zum Ziel kommen. Laut Pressechef Martin Steinbrecher nimmt sie zum fünften Mal an einer Fichkona teil, für die es 1998 die Premiere gegeben hat -mit damals sieben Radenthusiasten. "Dieses Jahr hatten wir 336 Bewerbungen. Aber wir bleiben aus Sicherheits- und Qualitätsgründen bei unserer Obergrenze von 200", so Steinbrecher.

22. Fichkona, Starter aus Orten des Altkreises Annaberg: Cornelia Mainka (Thum), Matthias Nagel (Thum), Tobias Nönnig (Ehrenfriedersdorf), Michael Heß (Königswalde), Andreas Burkhardt (Cranzahl), Jens Stolper (Elterlein)

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