Sportler und Tüftler an Bleibendem beteiligt

Wenn in wenigen Wochen der Schnee wieder Einzug in Oberwiesenthal hält, holen die Alpinskisportler ihre Bretter hervor. Auch jene vielleicht, die ein Tüftler einst "besohlte".

Oberwiesenthal.

"Wer 200 DDR-Mark hatte, für den konnte aus einem alten Germina-Ski ein neuer Blizzard werden", sagt Holm Gahler. Zusammen mit seinem Bruder Eckhard führt er ein Oberwiesenthaler Sportgeschäft. In den modernen Räumen erinnert kaum noch etwas an die Anfänge, mit denen ihr Vater Heinz einst begonnen hatte. Kürzlich ist der Senior im Alter von 89Jahren gestorben, doch er hat nicht nur an seinem Geschäft, sondern an der gesamten Entwicklung Oberwiesenthals einen Anteil.

Ab Mitte der 1955er-Jahre rückte Heinz Gahler, der gelernte Stellmacher, mit kreativen Lösungen dem Mangel zu Leibe. Um Geld zu verdienen, fuhr er mit einem abgeschnittenen 311er Wartburg und einer Säge auf der Pritsche zu Kunden, schnitt Holz für Öfen und Heizungen. Doch seine Liebe galt dem Wintersport. Ab 1957 etablierte er deshalb im Zentrum Oberwiesenthals ein Mekka für Skiliebhaber - fast rund um die Uhr ging es ans Reparieren und Montieren von Mende-, Alpina-, Elan-, Marker- oder Kästle-Ski. Grund: In der DDR war es kompliziert, an fahrbares Skimaterial zu gelangen. Heute - in Zeiten von Onlinehandel, Expressversand und Vergleichsportalen - können sich Jüngere kaum vorstellen, dass die Produktpalette nicht immer so groß war. "Wir aber haben in jenen Zeiten Laufsohlen und Kanten repariert sowie die Ski lackiert - dann sah alles aus wie neu. Wer nicht ganz so viel Geld ausgeben konnte, bei dem stand oben auf dem Ski die Westmarke, auf der Sohle aber noch das Germina aus dem Osten", erinnert sich Eckhard Gahler schmunzelnd. So manch weitere Episode gibt es da zu erzählen, denn "geht nicht, gibt's nicht" hieß die Devise. "Einmal sollte der Vater einen österreichischen Koflach-Schuh mit Hilfe eines heißen Wasserbades weiten. Da die Skischuhe im Gegensatz zu den DDR-Modellen aus besserem Material waren, gingen sie aber ein. Aus Größe 43 wurde ausversehen eine 35", sagt der 63-Jährige lachend.

Im Geschäft erinnert eine Spitze an den Leistungssportler Heinz Gahler. 1958 war sie bei einem Rennen auf der legendären Streif in Kitzbühel abgebrochen. "Mein Vater hat den Ski aber nicht etwa weggeworfen, sondern mit nach Hause gebracht. Die Stahlkanten waren ja noch gut genug, um andere Ski zu reparieren", so der Oberwiesenthaler. 1961 endete jedoch die Laufbahn von Heinz Gahler - einem der "Wunder vom Fichtelberg", die es in jener Zeit in die Weltspitze als Alpinskifahrer geschafft hatten - nach einem komplizierten Fersenbeinbruch. Die gewonnene Deutsche Meisterschaft 1959, bei der er seine Teamkollegen Eberhard Riedel und Ernst Scherzer hinter sich ließ, blieb sein größter Erfolg.

Heinz Gahler war Handwerker, Sportler und Tüftler, auch Visionär. Er gehörte zu den Initiatoren für den Bau des Vierersessellifts, der seit dem Jahr 2000 die Gäste auf Sachsens höchsten Gipfel befördert, und er war an der Idee einer Tennishalle beteiligt, die 1996 schließlich in Oberwiesenthal eröffnet wurde. "200 Euro würde heute niemand für eine Reparatur bezahlen", ist sich Holm Gahler sicher. "Aber damals haben die Leute unseren Vater für seine Einfälle bewundert - und ich glaube, so mancher im Osten Deutschlands hat noch immer einen Blizzard-Ski mit Germina-Sohle auf dem Dachboden." (mas/cga)

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