Strategien gegen den Lagerkoller

Seit fast zwei Wochen befinden sich Schüler und Lehrer der Chemnitzer Sportschulen in Quarantäne. Die soll nun bald ein Ende haben - doch an Normalität ist mindestens bis nach den Osterferien nicht zu denken.

Chemnitz.

Verlassen liegt der Sportcampus an der Reichenhainer Straße in Chemnitz in der Frühlingssonne. Statt hektischer Betriebsamkeit herrscht gähnende Leere. Gymnasium, Oberschule, Internat: Alles dicht. Soweit ähnelt das Szenario den anderen Tempeln des Leistungssports in der Region. Und doch gibt es einen gravierenden Unterschied. Denn im Gegensatz etwa zur Eliteschule des Wintersports in Oberwiesenthal oder zum Nachwuchsleistungszentrum des FC Erzgebirge Aue war in Chemnitz vor fast zwei Wochen tatsächlich eine Person, eine Lehrerin, positiv auf das Coronavirus getestet worden. Wie sie sich angesteckt hat, ist allen Verantwortlichen noch immer ein Rätsel. Für knapp 600 Schüler, darunter 372 Gymnasiasten, und 100 Pädagogen, Trainer und andere Mitarbeiter der Einrichtungen hatte der Befund heftige Folgen. Ihnen wurde eine 14-tägige Quarantäne verordnet, die am Sonntag endet. Eine Maßnahme, die von Betroffenen noch mehr Verzicht abverlangt als die Ausgangsregeln für die Allgemeinheit.

"Ich drehe Kreise auf dem Balkon", sagt Torsten Kulakow, der Leiter der Sportoberschule. Selbstverständlich habe er sich an die Vorgaben gehalten, das Haus nicht zu verlassen. "Mich kennt jeder. Da muss man schon mit gutem Beispiel vorangehen, auch wenn es schwerfällt." Auch sein Kollege vom Sportgymnasium, Steffen Kamprad, spricht von "Lagerkoller". Beide sind nicht auf das Coronavirus getestet worden, zeigen keine Symptome. Die Schüler beider Einrichtungen, deren Einzugsgebiete bis zur Ostsee und nach Nordrhein-Westfalen reichen, denn jeweils rund ein Drittel der Schüler kommt nicht aus Chemnitz, werden fernbeschult. Am Sportgymnasium kommt Lernsax zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine digitale Plattform, die vom Landesamt für Schule und Bildung zur Verfügung gestellt wird. Lehrer können dort Aufgaben einstellen, die Schüler laden sie sich zuhause herunter und arbeiten sie ab. "Was vorher nur gelegentlich genutzt wurde, funktioniert nun flächendeckend - und das gut", betont Kamprad. Die Sportoberschule nutzt stattdessen ein ähnliches Programm namens Moodle. Von den Ereignissen um die infizierte Lehrerin überrumpelt, sei es nicht mehr möglich gewesen, alle für Lernsax notwendigen Daten an die Schüler zu übermitteln. "Wir durften gar nicht mehr in die Schule rein", so Kulakow. Ein findiger Informatiklehrer habe dann die alternative Plattform eingerichtet und freigeschaltet. "Der einzige Nachteil ist, dass Lehrer bei Moodle nicht auf so viel Material zurückgreifen können." Als Schulleiter habe er jederzeit Überblick über die Aktivitäten seiner Lehrer und Schüler auf dieser Plattform. Bei der Beschäftigung sei Fingerspitzengefühl notwendig. "Die Lehrer müssen sich untereinander absprechen, um die Schüler nicht mit Arbeit zu überfrachten."

Dazu kommt das physische Training. In gleich 13 Schwerpunktsportarten - Radsport, Eiskunstlauf, Leichtathletik, Turnen, Basketball, Eisschnelllauf, Gewichtheben, Boxen, Ringen, Schwimmen, Wasserball, Fußball, Eishockey - wird an den beiden Schulen unterrichtet und trainiert, entsprechend unterschiedlich sind die Möglichkeiten, sich zuhause während der Quarantäne zu betätigten. "Es gibt Not-Trainingspläne für jede Disziplin", sagt Kamprad. Sein Kollege hat die Radsportler im Kopf. "Die strampeln jetzt auf Rollen", so Kulakow. Zumindest Individualtraining sei nächste Woche wieder im Freien möglich. Beide Schulleiter sind sich einig, dass auch sportliche Hausaufgaben zu erledigen sind. Kein Leistungssportler könne tagelang auf Training verzichten. Die Leistungskurve sinkt sonst ganz schnell.

Kamprad und Kulakow dürfen ab Montag wieder an ihren Arbeitsplatz. Für die Schüler bleiben die Schulen allerdings weiterhin Sperrzone, der Unterricht beginnt - Stand jetzt - erst wieder nach den Osterferien. Dann geht es für die Älteren langsam in Richtung Prüfungen, die, so hat es die Kultusministerkonferenz am Donnerstag beschlossen, trotz Corona nun doch auf jeden Fall stattfinden sollen. Von Wettkämpfen werden die Vorbereitungen darauf jedenfalls nicht unterbrochen, denn auf der sportlichen Schiene ist so gut wie alles abgesagt beziehungsweise verschoben worden.

Auch Olympia inzwischen bekanntlich, was beide Schulleiter für unumgänglich halten. Schon wegen der fehlenden Dopingkontrollen und der Absage aller Qualifikationswettkämpfe sei die Verlegung aufs kommende Jahr die beste Lösung, sagt Kamprad. "Eine Komplettabsage", fügt er an, "wäre für jeden Sportler eine Katastrophe."


Sportler und Trainer beschreiben in Kürze ihren Alltag während der Quarantäne

Magdalena Heimrath, Schwimmerinaus Auerbach, spricht von einer Ausnahmesituation. "Zum Glück haben wir einen Garten. Ansonsten ziehe ich mein Programm durch", sagt sie. In Absprache mit ihrem Trainer besteht dieses täglich aus 30 Minuten Radfahren auf dem Hometrainer sowie 30 Minuten anderweitigem Konditionstraining. "Springseil, Situps, Theraband. Wenn man nichts macht, fängt man schnell bei Null an", so die Sportlerin, die für den SC Chemnitz startet. Ihr erstes großes sportliches Ziel in diesem Jahr, die Junioren-EM Anfang Juli in Aberdeen, wurde auf einen unbestimmte Zeit verschoben - im vorigen Jahr hatte sie in Kasan Silber mit der Staffel gewonnen. Heimrath zeigt Verständnis für die Maßnahmen: "Gerade Olympia - das wären die schmutzigsten Spiele aller Zeiten geworden." (jüw)

Kevin Reim, Leichtathlet aus Schwarzenberg,hätte den Vorteil, nahe am Wald zu wohnen. "Aber bei Quarantäne darf ich ja nicht raus", so der 18-Jährige. Also stemmt er daheim die Langhantel auf einem Podest, das sein Papa aus Paletten gebaut hat. "Und unser Trainer schickt jeden Tag Aufgaben", so der Kugelstoßer, der im vorigen Jahr bei den Europäischen Jugendspielen in Baku Platz 5 belegt hatte. Der Athlet der WSG Schwarzenberg-Wildenau kommt aber nicht an die 24 Wochentrainingsstunden wie sonst heran. "Aktuell ist es etwa die Hälfte", sagt der Elftklässler, dessen Rekord mit der 6-kg-Kugel bei 17,25 Metern liegt. "Das darf bald weiter gehen", fügt er an. Zumindest scheint Licht am Tunnelende: "Am Mittwoch ist vom Gesundheitsamt der Brief eingegangen, dass die häusliche Quarantäne per 29. April endet." (mas)

Carsten Einhorn, Sportlehreraus Gelenau an der Sportoberschule und Nachwuchslandestrainer im Ringen, kommt mit der Quarantäne recht gut zurecht. "Ich lebe auf dem Land, da kann man schon mal kurz raus, um Luft zu schnappen." Eine Art Verunsicherung sei allerdings spürbar. "Man will nichts falsch machen." Alle seine Schüler hätten theoretische Aufgaben erhalten - und auch praktische, um sich fit zu halten. Das sei in den eigenen vier Wänden möglich, die Kreativität jedes Einzelnen ist gefragt. Im Ringen blieben in absehbarer Zukunft die Matten leer. Bis in den Juni hinein sind sämtliche Wettkämpfe abgesagt. "Danach werden die Karten komplett neu gemischt, vielleicht werden auch Meisterschaften zusammengelegt." Die Absagen seien richtig: "Schon deshalb, weil Ringen eine Kontaktsportart ist." (jüw)


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