Von frühester Kindheit an fest im Sattel

Kristian Sieber gehört zu den besten Springreitern weit und breit. 22 Siege hat der 22-jährige Leukersdorfer in diesem Jahr gesammelt. Dabei hatte er zwischendurch auf ein anderes Pferd gesetzt.

Leukersdorf.

Der Satz ist fürchterlich abgedroschen, wohl aber, weil er offensichtlich den Kern trifft. Das Glück liegt für Kristian Sieber tatsächlich auf dem Rücken der Pferde. Mit seinen gerade einmal 22 Jahren gehört der Leukersdorfer zu Sachsens größten Talenten im Springreiten. Und dafür nimmt er einiges in Kauf.

Während der Saison, also von Ende April bis tief in den Herbst hinein, sieht sein Wochenplan in etwa so aus: Montagmorgen fährt er nach Leipzig, wo er mittlerweile im siebten Semester Sport und Gemeinschaftskunde auf Lehramt studiert. Den Tag sowie den folgenden sitzt er im Hörsaal, bevor er mittwochs in aller Frühe in die Heimat zurückdüst, um dort zu trainieren. Donnerstag und Freitag verbringt er wieder in der Messestadt. Samstags und sonntags stehen dann die Turniere an - und zwar an jedem Wochenende. "Das ist sehr viel Stress. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um das auf sich zu nehmen. Aber es macht auch irrsinnig viel Spaß", sagt Sieber. Und es zahlt sich aus. In diesem Jahr holte Sieber in den verschiedenen Klassen insgesamt 22 Siege.

Sich an den ersten Kontakt mit Pferden zu erinnern, bedeutet für den Leukersdorfer einen Vorstoß an die Grenzen des Erinnerungsvermögens. Zwei oder drei Jahre alt sei er gewesen. "Ich habe Reiten parallel zum Laufen gelernt", sagt er. Familiäre "Vorbelastung": Sein Vater Burkhard Sieber war selbst Spring- und Vielseitigkeitsreiter und nahm einst an der DDR-Meisterschaft teil. "Er hat mich einfach aufs Pferd gesetzt." Zwischenzeitlich kühlte die Liebe allerdings ab. Kristian Sieber fand Freude am Fußballspielen und wurde, als er 13 war, sogar zu einem Probetraining beim FC Erzgebirge Aue eingeladen, das er bestand. Der Knackpunkt. "Ich hätte dreimal die Woche Training gehabt und im Internat gewohnt. Meine Eltern haben das abgelehnt. Ich war richtig sauer und habe eine Woche lang nicht mehr mit ihnen geredet."

Eine Maßnahme, um ihn zurück zum Pferdesport zu bewegen, sei das aber nicht gewesen. "Da haben sie mir nicht reingeredet." Nachdem es mit der möglichen Karriere als Fußballer abrupt vorbei war, näherte er sich seiner alten Leidenschaft trotzdem allmählich wieder an. "Das war eigentlich ein kompletter Neuanfang. Ich hatte Angst vor Pferden und musste mich wieder an sie gewöhnen." Die Zahl der Pferde, die Kristian Sieber seitdem geritten hat, ist beträchtlich. Doch prägend für sein Leben seien exakt fünf gewesen. Los ging es mit "Comtess", dem Pferd, auf dem er seine Scheu zum zweiten Mal verlor. "Das war eine tragende Stute und vom Temperament daher sehr ruhig." Auf dem Hengst "Daker", dem Spitzenreitpferd seines Bruders, ritt er bei einem Umzug während eines Dorffestes in Seifersdorf erstmals vor anderen Menschen. Dann kam "Fabell", auf der er mit 14 an seinem ersten Turnier teilnahm. In Oberlungwitz, wo er sich mit einem fehlerfreien Ritt gleich im vorderen Drittel platzierte. "Das war die Zeit, in der ich mich endgültig für das Springreiten und gegen die Dressur entschieden habe." Letztere bleibe zwar die Grundlage, aber beim Springreiten seien Spontaneität und Kampfgeist stärker gefragt, was ihm gefalle. Ein Jahr später gewann er auf demselben Pferd in Langenstriegis sein erstes Springen - dann schon in der Klasse A.

Die verschiedenen Klassen, von E über A, L und M bis zu S unterschieden sich hauptsächlich in der Höhe der Hindernisse. Sind diese in der untersten Kategorie nur bis zu einem Meter hoch, so wird in der Klasse S über bis zu 1,45 Meter hohe Balken gesprungen. Bei Weltklassespringern auf Weltklassepferden geht es noch höher hinaus, bis 1.60 Meter. Seine ersten L- und M-Springen gewann Kristian Sieber auf "Koskar", einem ehemaligen Kutschenpferd, das als unreitbar galt und zuvor auch schon Personen abgeworfen hatte. Dessen Talent habe er gleich gesehen. "Aber es hat mich viel Überwindung gekostet, mich darauf zu trauen. Nach drei Wochen intensiven Reitens habe ich ihn dann aber geknackt", so Sieber. Schwierige Pferde zu korrigieren habe sich fortan zu einer Vorliebe entwickelt, wie er betont. Und dann ist da noch "Campari." Das erste Pferd, das er komplett selbst ausgebildet habe und mit dem er in diesem Jahr in Langenleuba sein erstes und bislang einziges S-Springen gewonnen hat. "Campari und ich, wir bilden eine Einheit", so Sieber, der neben dem Schimmel in dieser Saison auch noch zwei andere Pferde geritten hat.

Der 22-Jährige startet für den RFV Seifersdorf, auf dessen Anlage er früher auch trainiert hat. Mittlerweile besitzt die Familie einen eigenen Reitplatz mit selbst konstruierten Hindernissen, auf dem Kristian Sieber auch andere Pferde ausbildet. Zum Beruf machen will er sein zeitintensives Hobby zwar nicht, das Goldene Reitabzeichen will er aber trotzdem irgendwann sein Eigen nennen. Dafür sind unter anderem zehn Siege in der Klasse S notwendig. Und in Sphären wie diesen sei die Luft generell ausgesprochen dünn. "Da sind viele Berufsreiter unterwegs. Und dann gibt es noch die, die sich mit viel Geld Erfolge quasi erkaufen wollen", so Sieber. Mit seinen Konkurrenten habe er kaum Kontakt. "Man kennt sich, grüßt sich und das war es dann", bedauert er. Überhaupt seien Reitturniere oft ziemlich steife Veranstaltungen. Wohl gerade deshalb bezeichnet er Felix Haßmann als sein großes Vorbild, der Westfale gehört zum Perspektivkader der deutschen Springreiter. "Felix ist einer der wenigen, der auch mal Emotionen zeigt, wenn es gut oder schlecht läuft." Finanziell wünscht sich Kristian Sieber indes Unterstützung. Von Fahrtkosten bis zur Verpflegung der Pferde sei der Aufwand beträchtlich - mit Preisgeldern allein ließen sich höchstens die Startgebühren kompensieren. Abgesehen von dem Reitabzeichen wolle er aber auch künftig weiter Pferde ausbilden und dem eigenen Anspruch gerecht werden. Viele Pferde habe er im Laufe der Zeit geritten. "Und ich habe jedes einzelne besser gemacht."

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