Wie Aue seinen Nachwuchs schmiedet

160 junge Kicker lernen derzeit unterm Dach des FC Erzgebirge Aue das Fußball-Einmaleins. Das Internat ist ausgebucht. Trotzdem wird stets an Stellschrauben gedreht, um besser zu werden. Die Konkurrenz ist groß.

Aue.

Sich auf seine eigenen Stärken besinnen. In dem Satz stecken für Carsten Müller viele Wahrheiten. Er leitet das Nachwuchsleistungszen-trum (NLZ) von Fußball-Zweitligist FC Erzgebirge Aue seit knapp fünf Jahren - und sieht sich noch lange nicht am Ziel. "Wir haben viel geschafft. Aber am Ende sind wir nicht", sagt der Fußballlehrer.

Die Aufgabe, junge Spieler für die Zweitliga-Mannschaft auszubilden, verlangt ihm und seinem Team alles ab. Tagtäglich. "Dazu haben wir ergründet, wie wir unsere Ressourcen optimal nutzen können." So macht laut Müller eine Reserve oder eine U 21 zur Talentförderung durchaus Sinn. "Allerdings müssen die Bedingungen ähnlich wie bei den Profis sein." Weil das kaum zu stemmen ist, wählten die Auer einen anderen Weg. So erhalten besonders gute U-19-Kicker die Chance, mit der Ersten zu trainieren. Aktuelle Beispiele seien Nico Seifert und Niklas Jeck. Zum anderen werden solche Talente an andere Mannschaften ausgeliehen, um Spielpraxis im Männerbereich zu sammeln. "Vertraglich an uns gebunden, verfolgen wir ihre Entwicklung", so Müller und nennt Paul Horschig sowie Jeck, die diesen Weg beim VfB Auerbach gehen.

Sind "kleine" Veilchen an diesem Punkt, haben sie eine intensive Fußballlehre hinter sich, die in jeder Altersklasse gemeinsame Pfeiler hat. Das sei der Schlüssel. "Nur wenn jeder Jahrgang dieselben Ansprüche teilt, können wir kontinuierlich gut sein", so Müller. An dieser Konstanz werde gearbeitet. "Es dauert eine Weile, bis sich das durch alle Jahrgänge zieht." Aktuell gibt es zehn Teams - von der U 8 bis zur U 15 sowie in der U 17 und U 19, wobei in beiden Letzteren jeweils zwei Jahrgänge vereint sind. Somit streben im Lößnitztal insgesamt 160 Nachwuchsfußballer nach Höherem - und wollen in den meisten Fällen ein Veilchen-Profi werden.

Der Alltag zieht allein logistisch einen enormen Aufwand nach sich. Während einige die Sportschule in Chemnitz besuchen, gibt es immer häufiger Kooperationen mit Schulen vor Ort. "Das spart Fahrzeit", so Müller. Am Winkler-Gymnasium und an der Oberschule Aue-Zelle, aber auch in Schneeberg und in Lößnitz pauken die Talente. "Da sind wir breit aufgestellt, denn nicht jeder will aufs Gymnasium." Kompromisse finden sich immer. "Das zeichnet uns aus." Die Verantwortung für die Jugendlichen sei groß. "Deshalb wollen wir auch im Umfeld beste Bedingungen bieten." Das Internat ist mit 46 Bewohnern derzeit voll belegt. "Da soll das Niveau noch steigen. Wir haben keinen Platz zu verschenken", sagt Müller. Ab der U 13 ziehen junge Kicker ein und werden parallel zum Training wie alle anderen Kinder erwachsen. Das bringt fürs Team große Aufgaben mit sich. "Zum Beispiel bei Heimweh oder beim ersten Liebeskummer." Der Alltag im Leistungszentrum ist eben für beide Seiten mehr, als regelmäßig auf dem Platz zu stehen. "Man muss das schon in der Gesamtheit betrachten."

Das lila-weiße Paket werde so attraktiv wie möglich geschnürt. Die Konkurrenz in Leipzig, Dresden und Chemnitz schläft nicht. "Wir wuchern mit eigenen Pfunden", betont Müller und nennt den familiären Charakter, die Strahlkraft des Zweitliga-Teams mit seinen treuen Fans, die individuelle Betreuung und die ländliche Lage. Letztere ermöglicht die Konzentration aufs Wesentliche - das Fußballspielen. Lösungsorientiert, denn nur die eigene Leistung zähle. "Das kommt gut an. Die Nachfragen bestätigen das." Vor zwei Jahren erhielt das Nachwuchsleistungszentrum ein DFB-Zertifikat, was wiederum Geld in die Kasse spült, um das gut 25-köpfige Kernteam mit Betreuern, Sportpsychologe, Fußballlehrern und anderen Mitarbeitern solide aufzustellen. Auf der Suche nach Talenten wird in jüngeren Jahrgängen im direkten Umfeld gesichtet, ehe sich das Feld bei der U12 bis U 14 auf benachbarte Bundesländer und ab der U 15 auf ganz Deutschland erweitert.

2018/2019 war für die Auer Nachwuchsschmiede eine sehr erfolgreiche Saison. Die U 14 stieg in die Landesliga auf, die U 15 in die Regionalliga. Das bedeutet für die Talente, die aus der U 14 und somit aus der Landesklasse nachrücken, eine Steigerung um zwei Klassen. "Ein Überlebenskampf, den sie annehmen müssen", sagt Müller. Auch für U 17 und U 19 werde es eine harte Saison in der Regionalliga. "Wie erwartet, da wir in den Jahrgängen teils noch nicht genug gefestigt sind. Daran gilt es, weiter zu arbeiten." Das brauche seine Zeit. Vorteil: So lernen die jungen Wilden, auch mit Niederlagen umzugehen. Die Ausbildung erfolge nachhaltig. Das beginnt bei der mentalen Einstellung. "Die Struktur dazu haben wir uns im Team erarbeitet." Es werde nicht wild drauflos gekickt, sondern nach einer eigens entwickelten Spielidee - sprich: Wie sieht das typische Auer Spiel aus? Etwa mit Blick auf Tempo, Stil, Kampfgeist, Dauer des Ballbesitzes, Taktik und jeweiliger Auslegung. All diese Entscheidungen werden getroffen, noch ehe es auf den Platz geht. Danach richten sich die Trainingspläne aller Altersklassen. "Das Konzept muss zum Verein passen, weil wir quasi seine DNA auf den Platz bringen wollen."

Auch Werte gehören dazu. "Im Fall von Aue insbesondere Zusammenhalt, Kampfgeist und die Identifikation mit der Region", so Müller. Hinzu kommen allgemeine Entwicklungen. Beispiel Laufleistung: Die sei zuletzt pro Spiel zwar nicht viel länger geworden. Aber schneller. "Der Sprintanteil ist höher. Das müssen wir einbauen, damit unsere Talente mithalten können." Weiterer Baustein: Sich selbst hinterfragen. Was soll ein Spieler können? Welche Teilziele sind entscheidend? Was muss ein Team nach einer Saison dazugelernt haben? "Das fassen wir regelmäßig zusammen, werten es mit Sportwissenschaftlern und den Spielern aus, damit sie lernen, die eigene Leistung zu reflektieren", sagt Müller, verheiratet und Vater einer elfjährigen Tochter.

Die eigene Familie sieht der gebürtige Magdeburger vergleichsweise selten. In seiner Heimat hat er selbst gespielt, war Co- und Interimstrainer beim 1. FCM und baute ein Nachwuchszentrum mit auf. Seinen Job in Aue nimmt der 48-Jährige als Berufung wahr. "Es ist das, was ich immer machen wollte."

Die Unterstützung durch den Verein sei prima. Das beginne beim Budget und ende bei Gesten der Profis, die Energy-Drinks, Eiweißriegel oder Fußballschuhe an die Jugend weitergeben. Alles stehe und falle ohnehin mit dem Zweitliga-Team, betont Müller. "Wir sind nur ein Rädchen im Getriebe." Letztlich gehe es darum, Profispieler für die Erste hervorzubringen oder Top-Talente weiterzuvermitteln. Da sei Luft nach oben. "Aber wir sind auf einem sehr guten Weg."

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