WM ohne Fans: "Das nimmt ihr jegliches Flair"

Mit einem 35:29-Sieg von Gastgeber Ägypten gegen Chile ist am Mittwoch die Handball-Weltmeisterschaft gestartet worden. Ein Großereignis in Zeiten von Corona - das sorgt nicht allerorten für Zustimmung. Auch im Erzgebirge sind die Meinungen geteilt.

Aue.

Ein Turnier, ohne Zuschauer, dafür aber aufgebläht wie noch nie. 32 Mannschaften kämpfen bis zum 31. Januar um den Titel. "24 hätten es auch getan. Da ist viel Füllmasse dabei", sagt Rüdiger Jurke, Manager des Handball-Zweitligisten EHV Aue. Ansonsten freut er sich auf das Turnier und will so viele Spiele wie möglich anschauen. "Man hat ja im Augenblick mehr Zeit als sonst." Die Aufstockung bescherte auch der deutschen Handball-Nationalmannschaft eine mehr als machbare Gruppe. Sie trifft auf Ungarn, auf dem Papier noch der härteste Gegner, auf die Kapverdischen Inseln sowie zum Auftakt an diesem Freitag ab 18 Uhr auf Uruguay. "Uruguay kenne ich nur vom Fußball. Ein Sieg mit weniger als zehn Toren Unterschied wäre blamabel", so Jurke. Fast hätten die Auer mit ihrem Kreisläufer Petr Šlachta selbst einen WM-Starter gestellt. Doch nach 17 positiven Corona-Fällen im Team sagte die tschechische Nationalmannschaft ihre WM-Teilnahme ab, ebenso wie die USA - Nordmazedonien und die Schweiz rückten nach.

Überhaupt hängt das Thema Corona wie ein Damoklesschwert über allem, auch über dem deutschen Team. So hatten die drei Kieler Hendrik Pekeler, Steffen Weinhold und Patrick Wiencek sowie Finn Lemke (Melsungen) ihre Teilnahme wegen der Pandemie abgesagt - was Torhüter Andreas Wolff scharf kritisierte. Im Erzgebirge gehen die Meinungen dazu auseinander. "Wenn mich einer gefragt hätte: Ich wäre für mein Land aufgelaufen", sagt Tommy Löbner, wurfgewaltiger Rückraummann des Sachsenligisten Zwönitzer HSV. Auch Jurke würde "definitiv mitfahren", die Absagen könne er nicht nachvollziehen.

Anders sieht es Karlgeorg Frank, Urgestein des HSV 1956 Marienberg. "Man sollte niemanden zwingen. Die Ausfälle sind kompensierbar, und dadurch haben immerhin andere die Chance, sich zu zeigen", so der langjährige Präsident des Handball-Sachsenligisten bei den Frauen. Die Damen jedenfalls könnten sich bei der WM einiges von den Männern abschauen. "Zum Beispiel das schnelle, druckvolle Spiel. Das habe ich bei der jüngsten Frauen-EM vermisst. Dort gab es zu viel Hin und Her, zu viele Fehlwürfe, das war erschreckend."

Und wie weit kommen die Deutschen nun? Das vom DHB ausgegebene Mindestziel Viertelfinale sei erreichbar, glaubt Tommy Löbner. "Wir können befreit aufspielen", sagt der 27-jährige Möbeltischler. Auch Jurke und Frank sind optimistisch. "Wir haben drei bärenstarke Torhüter und super Außen. Da geht was", so der Auer Geschäftsführer. Die gelungene Generalprobe gegen Österreich (34:20) hatte es dagegen Karlgeorg Frank angetan. "Wenn wir weiterhin so spielen", so der 71-Jährige, "dann können wir jeden schlagen."

Zum kommenden Weltmeister stilisiert das DHB-Team aber niemand. Vielmehr fallen die üblichen Namen: Kroatien, Dänemark, Norwegen. Auch Frankreich, obwohl sich die Franzosen im Formtief befinden. "Zudem bin ich gespannt, wie sich Österreich und die nachgerückte Schweiz schlagen. Und die Ägypter als Gastgeber", so Frank.

Von der WM-Begeisterung ist aber nicht die gesamte Handballszene im Erzgebirge erfasst. "Um ehrlich zu sein, habe ich mich damit überhaupt noch nicht beschäftigt", sagt Felix Schneider, Vorsitzender des Handball-Clubs Annaberg-Buchholz. Als Produktionsleiter eines Jöhstädter Unternehmens habe er derzeit andere Sorgen. Komplett wegschauen wolle er trotzdem nicht. "Das Ganze ist halt ein zweischneidiges Schwert. Angesichts der Corona-Lage sei das Turnier sicherlich fragwürdig. Auf der anderen Seite gerät unser Sport dank der WM weltweit in den Fokus der Öffentlichkeit und gerät nicht in Vergessenheit", sagt er.

Auch bei Martin Rößler vom Kreisligisten SV Tanne Thalheim ist von Euphorie wenig zu spüren. Dabei waren die Zwönitztaler bei der Heim-Weltmeisterschaft 2019 noch mit zahlreichen Schlachtenbummlern nach Berlin gefahren und hatten die Mercedes-Benz-Arena in der Hauptstadt durch Fahnen und Transparente in ein Schwarz-Grün-Weiß getaucht. "Aber diesmal hat man ja nicht einmal die Möglichkeit, gemeinsam die Spiele der WM zu schauen. Das nimmt ihr jegliches Flair", so Rößler. Auch der sportliche Wert des Turniers im Nahen Osten sei angesichts der coronabedingten Ausfälle und Rückzüge mehr als zweifelhaft.

ARD und ZDFzeigen alle Spiele mit deutscher Beteiligung. Der ebenfalls frei empfangbare Spartensender Eurosport überträgt 15 weitere Partien. Wer sich alle Begegnungen anschauen will, muss dafür zahlen. Der Internetanbieter sportdeutschland.tv verlangt dafür nach eigenen Angaben 10 Euro.

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